Alois Potton hat das Wort [Nr. : 01, 12/1990 ]


 

Abkürzungsfimmel

 

Ist es Ihnen nicht auch schon so ergangen? Sie sitzen nichtsahnend in der Kaffeepause, und Ihr Kollege, ein ekelhafter Kerl, labert irgendetwas von einer neuen Sache - gespickt mit unverständlichen Abkürzungen. Das brauchte Sie ja nicht weiter zu stören, wenn Sie nicht bemerken würden, daß er auf Ihren Chefheftigen Eindruck macht und andauernd Punkte sammelt. Gerade murmelt er etwas von ATM. Was ist das nun schon wieder? Austauschmotor? Antriebsmodul? Alles totaler Murks? Hoffnungslos, Sie kommen nicht drauf! Irgendwie haben Sie das Gefühl, daß es dieses blöde ATM wirklich geben könnte, vielleicht nicht alsRealität, aber möglicherweise als Traum.

Besonders unangenehm ist, daß Sie niemand fragen können, ohne Ihre Unkenntnispreiszugeben. In Zeitschriften oder Büchern zu suchen ist auch zwecklos, denn wenn Sie den Begriff wirklich finden, wird er sicher als bekannt vorausgesetzt und mit zusätzlichen Abkürzungen noch diffuser für Sie gestaltet. Resultat ist eine zunehmende Depression und die konkrete Gefahr, in der innerbetrieblichen Hackordnung auf ewig und ganz eindeutig hinter Ihren ekelhaften Opponenten zurüückzufallen - mit allen gehaltlichen Konsequenzen.

Aber gemach, gemach! Das muß nicht sein. Sie können Ihren Widersacher durchAnwendung einfachster Verfahren zur Strecke bringen. Das glauben Sie nicht? Dann werde ich es Ihnen beweisen, indem ich Ihnen ein paar der wirksamsten Strategien vorstelle:

Strategie 1: Konterkarieren Sie den Abkürzungsfimmel (Aküfi)!

Das geht ganz einfach. Nehmen Sie irgendeine Kombination aus drei oder (besser) vier Zeichen und lassen Sie diese auf Ihren Gegner los. Zu besagtem ATM könnten Sie etwa MTBF oder THTR oder irgendetwas anderes verwenden. Keine Angst, die Abkürzung wird's schon in irgendeiner ausgeschriebenen Version oder zumindest mit einem kleinen Dreher (siehe dazu Strategie 3) geben. Mööglich ist jetzt folgendes:

  • Ihr Gegner gibt sich sofort geschlagen. Na prima!

  • Ihr Gegner fragt verblüfft nach, was denn dies nun mit ATM zu tun hätte. Und in der Tat, es könnte ja sein, daß Sie sich wirklich "vergriffen" hätten. Sind Sie nun in ernsten Schwierigkeiten? Aber nicht doch, denn:

    • Sie schmeißen gleich eine zweite Abkürzung hinterher undkonstruieren einen Zusammenhang zwischen allen dreien unter Hinzunahme von Floskeln wie "Management", "Interoperabilität" (eine ebenso mystische wie schlauheits- vorspiegelnde Floskel), "Kostendruck", "Anwenderinteresse" etc. und setzen das Spielchen solange fort bis der Gegner entnervt aufgibt. Das ist übrigens die übliche Strategie von Unternehmensberatern.

      Oder aber:

    • Sie verkünden bedeutungsschwer, das sei es ja gerade, daßniemand diesen Zusammenhang bisher bemerkt habe, und wegen dieses Mangels sei Firma XXX in ernste Schwierigkeiten geraten und bei YYY stehe dies kurz bevor. Behaupten Sie kühn, daß Sie interne Informationen von Insidern hätten, die Ihren Standpunkt bestätigten, allerdings leider vertraulich seien. Betätigen Sie sich als Rufer in der Wüste, beklagen Sie das allgemeine Unverständnis, rufen Sie bedeutungsvoll aus, daß man es in sechs Monaten ja sehen werde. Keine Bange, in sechs Monaten ist alles längst vergessen. Auch diese Strategie wird von Unternehmensberatern gern und erfolgreich genutzt.



Strategie 2: Reden Sie amerikanisch!!

Lernen Sie z.B. den Buchstaben R so gurrend auszusprechen wie eine Taube. Das geht nicht ganz einfach und erfordert tagelanges häusliches Training, üben Sie mal mit BELLCORE. Na, hat's geklappt?

Zum zweiten müssen Sie die Vokale, insbesondere das A oder natürlich vielmehr das, so richtig langgezogen, gemein und dreckig bringen wie es nur ein hinterwäldlerischer amerikanischer Holzfäller kann. Am Beispiel "Backtracking" kann man sowohl das rollende R wie auch das zweimalige geradezu elend hundsgemeine besonders perfekt einstudieren.

 

Strategie 3: Reden Sie flockig!

Das ist noch wirksamer als amerikanisch zu reden und kann ggfls. sogar mit Amerikanismen verbunden werden.

Einige Beispiele: Sie sagen natürlich nicht treudeutsch Peh-Zeh für PC, sondern Pie-Sie. Und TCP/IP sprechen Sie nicht normal aus, sondern natürlich wie "tehzehpipp". Als letztes Beispeiel, damit soll es genug sein, sagen Sie nicht UNIX, sondern "Eh-nix". Durch diese Maßnahmen wird Ihre intimeKennerschaft, ja Ihre geradezu kumpelhafte Vertrautheit mit dem betreffenden Gegenstand offenbar. Ihnen macht niemand was vor. Und schon gar nicht wird sich jemand trauen, einen derartigen Insider mit Detailfragen zu belästigen.

Strategie 4: Lernen Sie Pärchen auswendig und verwenden Sie diese!

Diese Strategie ist leider mit etwas Arbeit verbunden, aber ich habe Ihnen nie einen Rosengarten versprochen. Die Pärchenstrategie besteht darin, Ihren Widersacher mit dem zweiten Mitglied eines Pärchens zu tücken, sobald er unvorsichtig genug ist, die erste Komponente des Pärchens herauszulassen. Es gibt überabzählbar viele Pärchen, weshalb leider ein wenig lästiges Lernen erforderlich ist. Zur Anwendung genügt es, ein einziges Beispiel zu bringen. Also: Murmelt Ihr Gegner z.B. etwas von ESTELLE, dann schleudern Sie ihm ein fröhliches LOTOS entgegen (oder meinetwegen umgekehrt). Keine Angst: auch wenn Sie keinerlei Ahnung davon haben, was sich hinter diesem Schotter verbirgt, Ihrem Opponenten geht es genau so, und Sie werden die "Nacht- und Nebelschlacht" glor- und siegreich überstehen.

Strategie 5: Schimpfen Sie über die Post!

Das ist zwar schon etwas abgenutzt, weil es zu häufig verwandt wird, aber immer noch recht wirksam. Also: Beschweren Sie sich lautstark über diese Monopolisten, Innovationsverhinderer, Beamtenheinis usw. Wenn Sie wollen, können Sie sich auch gönnerhaft etwas gnädiger zeigen und milde zugestehen, daßsich ja immerhin in den letzten Jahren kleinere Fortschritte gezeigt hätten, aber es sei halt immer noch viel zu wenig.

Mit einem kleinen Schlenker können Sie Ihre eigene Untätigkeit auf die starre Haltung der Post zurückführen - und schon sind Sie fein heraus.

Die Anwendung dieser Strategie ist fast immer möglich. Gewisse Schwierigkeiten könnten allerdings auftreten, wenn Sie selbst dem besagten kritisierten Unternehmen angehören sollten. Aber auch dann können Sie auf einzelne Abteilungen schimpfen oder behaupten, man kämpfe ja Inhouse (nicht etwa "hausintern" sagen!) gegen Windmühlen, an Ihnen liege es jedenfalls nicht usw.

Man kann sich noch viele weitere Strategien ausdenken, z.B. die Klage über fehlende Standards oder über das wirkliche Problem, nämlich die Integration der bereits getätigten Investitionen ("und davon haben Sie, geehrter Opponent, ja nun offenbar wirklich keinen Schimmer!"). Die Liste kann beliebig verlängert werden.

Daher will ich es bei der gezeigten Strategiemenge bewenden lassen. Verwenden Sie diese Strategien ausgiebig, am besten gut miteinander vermischt und Sie werden sehen: In kürzester Zeit gelten Sie als derjenige in Ihrer Abteilung, der über alles Bescheid weiß, ohne von irgendetwas Ahnung zu haben - und das letztere wird niemand bemerken!





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton