Alois Potton hat das Wort [Nr. : 02, 03/1991 ]


 

Modernismen

 

Deutschland ist ein geradezu grausam fortschrittliches Land, besonders was neue Medien und neue Dienste angeht. Diese Neuerungen sollen das Leben für den Großteil der Bevölkerung vereinfachen, weil: durch andere Begleit- erscheinungen werden die Lebensumstände eh' schon verkompliziert. Also erwarten wir durch die neuen Dienste mindestens ein Nullsummenspiel bzgl. der Lebensqualität - und bei uns klappt das ja immerhin schon viel besser als etwa bei unseren westlichen Nachbarn, nach Osten brauchen wir gar nicht zu gucken.

Aber: Einige Zweifel überkommen mich doch, ob diese Vorrede so stimmt. Einige Beispiele:

  • Also ich habe eine Kreditkarte. Ich weiß, daß Sie mich dafür tadeln werden,denn ich muß mich auch zuhause permanent dafür entschuldigen. Mein Tankwart schaut wie ein Ochs vorm Berg und nimmt sie inzwischen nicht mehr. Als er sie noch akzeptierte, hatte ich bei drei Tankvorgängen in insgesamt vier Wochen drei aufeinanderfolgende Belegnummern!

    Zu Ihrer Beruhigung: Meine Karte ist durchaus hundsgewöhnlich, keine Goldkarte, denn da wüßte ich nun wirklich nicht, wozu die gut ist.

    Aber gemein ist es doch, daß ich laufend von meinem Ehegespons darauf hingewiesen werden kann, wie nutzlos die Karte doch ist. Zum Beispiel kaufte ich neulich ein Rundfunkgerät bei einem der größten deutschen Händler, dessen Name zufällig einem Planeten mit Ring entspricht. Kreditkarten? "Nein, so modern sind wir noch nicht!" Dasselbe passiert mir auch sonst recht oft, und wenn 'Cards accepted' dasteht, dann bestimmt für eine andere Sorte. Meine gilt allerdings als die am weitesten verbeitete. Aber ein "Gateway" zwischen allen Kartentypen oder eine problemlose Nutzung aller Arten, das scheint's nur im Ausland zu geben, etwa in Frankreich, wo ich das Baguette beim Bäcker damit bezahlen kann, ohne dumm angeglotzt zu werden.

  • Bildschirmtext! Ich weiß, es ist natürlich ein allzu simples Beispiel, denn diesen Flop zu erwähnen ist geradezu abgeschmackt.

    Aber wissen tät ich's schon gern, warum das System so quälend langsam sein und bleiben (!) muß. Ich meine, technisch verstehe ich es ja wegen der schäbig niedrigen Datenrate und den hohen mir aufgebrummten Fremdanschaltungs- kosten für den Komfort einer etwas schnelleren Bedienung, aber begreifen kann ich es irgendwie nicht. So als ob ein Sportwagenhersteller zusammen mit dem Fahrzeug gleich eine Sperre miteinbaut, welche das Hochschalten in den zweiten bzw. höhere Gänge unmöglich macht. Ob der Benutzer daran viel Freude hat bzw. einen solchen Sportwagen kaufen wird? Die Post scheint es beim BTX-Dienst zu glauben!

    Und für welche Dinge kann ich BTX nutzen (wenn man vom doofen Tageswitz einmal absieht)?

    Na beispielsweise könnte ich theoretisch rausfinden, wann denn Lufthansa einen Flug von X nach Y anbietet, sofern sie die Verbindung nicht gestrichen hat. In der Praxis dauert das Herausfinden aber länger als der Weg zum nächsten Reisebüro incl. Mitnehmen eines Flugplans und Aufschlagen der Seite, auf der die Verbindung steht (die letzten beiden Vorgänge dauern nämlich kaum mehr als insgesamt 20 Sekunden, und bei Bildschirmtext brauche ich mehrere Minuten dafür; wenn ich mir das Ergebnis ausdrucken lassen wollte, noch viel länger!).

    Außerdem nimmt mir das blöde System auch den kleinsten Schreibfehler übel. Es zeigt sich zum Beispiel hilflos, wenn ich etwa "Dusseldorf" oder "Cöln" oder "Nürberg" schreibe. Ich glaube, solche tumben Fehler kann man irgendwie durch (kostenpflichtige?) Komfortsuche korrigieren, aber insgesamt gesehen dauert das noch viel länger. Außerdem gibt es da so eine geheimnisvolle Benutzerführung, welche z.B. im Falle von "Nürberg" nach mehreren komplexen Operationen als einzige Alternative tatsächlich "Nürnberg" anbietet - aber er kommt nicht auf die Idee, dies selbsttätig zu versuchen. Ich muß also lernen, Tasten zu drücken wie ein Hamster, der im Rad laufen lernen muß.

    Selbst wenn ich auf diese Weise einen Flug mühsam gefunden habe, kann ich ihn nicht direkt buchen, soll heißen inklusive allem Pipapo (d.h. mit Ticketausstellung). Für einen derartigen Komfort würde ich die Anschaffung eines BTX-Spezialdruckers in Erwägung ziehen. Warum geht das eigentlich nicht? Man könnte doch am Flughafen gegen Vorlage des BTX-Ausdrucks und des Personalausweises das Ticket entgegennehmen, und gegen Mißbrauch könnte ich mich durch diverse Paßworte usw. schützen .... Aber jetzt werden mir die Datenschützer sagen, das sei nicht sicher genug, und die Post wird sagen, daß sie mit den neuen Ländern schon genug Probleme hat, so daß sie sich nicht mehr um die alten kümmern kann.

 
  • Geldwechsel ist auch so ein Thema. Immer wenn ich zur Bank komme, ist siezu. Die Automaten sind kaputt oder umlagert oder bedienungsunfreundlich. Fremde Währungen automatisch umwechseln? Wüßte nicht, wo das in Deutschland ginge. Aber in der italienischen Provinz habe ich's gesehen. Ein wundervolles System der Firma, deren Name sich so anhört wie eine ziemlich ekelhaft schmeckende Südfrucht gefolgt von drei Buchstaben (nein, nicht Zitronetti, sondern ein bißchen anders). Also dieser Apparat akzeptierte alle Geldscheinsorten - übrigens gebührenfrei, und man konnte den Dialog auch gefahrlos abbrechen kurz bevor es ernst wurde (ätsch, Du blöder Automat!). Der Dialog wurde ohne jegliche Mißdeutbarkeit in der jeweiligen Landessprache geführt. Leider hatte ich ausnahmsweise kein belgisches Geld dabei, um zu testen, in welcher der drei Landessprachen er denn reagieren würde: in französisch, in flämisch oder gar in deutsch (???). Die Tatsache, daß der Automat noch unzerstört war, beweist, daß noch kein Belgier eines 'falschen' Bevölkerungsteils bisher seine Nutzung versucht hatte. Auch der Wechsel von japanischem oder finnischem Geld hätte mich interessiert, leider war ich auch keiner dieser beiden Währungen mächtig.

    Nachträglich bedauere ich sehr, daß ich den Automat zwar mehrfach ausprobiert und gemein ausgenutzt habe, allein die Stromrechnung muß beachtlich gewesen sein. Aber ich brauchte gerade kein Geld - und außerdem konnte ich in Italien (siehe oben) die Kreditkarte fast immer und einfach benutzen. Jetzt wird das System vielleicht wegen Nutzlosigkeit oder fehlendem Return on Investment eingestellt.

    An jedem Biertresen finden sich Leute, die behaupten, Italien und die Italiener seien irgendwie rückständig; dasselbe wird bzgl. Deutschlands meines Wissens (noch) kaum irgendwo behauptet, schon gar nicht in Italien - und dort hätte man allen Grund zu solcher Rache. Nach der geschilderten Erfahrung bin ich mir unsicherer denn je, ob man diese Meinung nicht einmal vorbringen müßte.

  • In der Stadt, wo ich wohne und arbeite, brauchte ich neulich eine Briefmarke, auch das soll noch vorkommen, selbst wenn man ja kaum noch Briefe schreibt, sondern besser telefoniert oder telefaxt (damit man es nachher nicht mehr lesen kann). Die Poststelle war natürlich zu, ihre Öffnungszeit deckt sich normalerweise mit der meinigen]. Aber siehe da: Ich entdeckte einen schönen mechanischen Automaten, der die Kaufbarkeit solcher nützlicher Briefmarken- briefchen versprach, welche schön gestückelt und infolge eines Umschlags nicht so ganz schnell zusammenklebend insgesamt DM 2,-- ergeben. Genau diesen Betrag erheischte der Automat (wieso er dann Geld verdienen bzw. "sich rechnen" kann, wenn man genausoviel einzahlt wie man rauskriegt, verstehe ich zwar nicht, aber die Post ist sowieso recht irrational in ihren Argumenten). Das entscheidende Problem lag allerdings darin, daß der Automat diesen Betrag exakt am Stück verlangte und keine einzige Alternative zuließ. Jetzt sehen Sie einmal in Ihrem Portemonnaie nach, ob Sie gerade jetzt einen Heiermann von DM 2,-- finden können. Möglich ist natürlich alles, aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß diese Adenauer-, Erhard- oder Schumacher-Konterfeis relativ selten sind.

    Jedenfalls: ich besaß damals keine solche Münze und fand auch niemand, der mir eine solche gegen Scheine oder kleinere Münzen hätte eintauschen können, ohne daß auf einer der beiden Seiten ein Geldverlust entstanden wäre. Die Transaktion wurde dann erfolglos aufgegeben ("UNDO"). Vielleicht ließ auch nur der alte Murphy grüßen - aber das wäre ihm weniger leicht gefallen, wenn es Alternativen gegeben hätte, etwa andere Münzsorten oder gar eine Herausgabe von Rückgeld bei Überzahlung. In Zürich gibt es solche Automaten, und man darf dort sogar freiwillig auf die Auszahlung des Rückgelds verzichten. Kein Wunder, warum es der Schweiz so gut geht: Man will die Ostschweizer, also die Österreicher, nicht zu neuen Kantonen machen, und man hat dort das Geld nicht vom Ausgeben, sondern vom Behalten oder vielmehr vom Nichtzurückgeben.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton