Alois Potton hat das Wort [Nr. : 03, 06/1991 ]


 

Fuzzy

 

Bisher kamen Neuentwicklungen und Trends auf dem Computersektor so gut wie immer von jenseits des großen Teichs zu uns, also vom fernen Westen her. Dies gilt für alle die wohlbekannten zeitlich aufeinanderfolgenden Systemphasen als da sind: 'Vision', 'freudige Erwartung', 'Hysterie', 'Mühsal des täglichen Umgangs' und 'Verzweiflung'. Selbstredend alles mit dem gebührenden zeitlichen Abstand (neudeutsch: Time-Lag). In Deutschland kommt häufig noch die Phase 'Kassandrarufe der Kostenrechner' dazu.

Aber wie gesagt: Das galt bisher und man hatte sich daran gewöhnt. Jetzt aber beginnt dieser Trend umzukippen, was ziemlich beunruhigend ist. Paradebeispiel dafür ist die neue Zauberformel aus Fernost und die heißt Fuzzy. Eigentlich ist dieses Mysterium schon recht alt und im Westen geboren worden (na klar: die Japaner sind bekannt dafür, daß sie abkupfern und verbessern, aber nichts selbst erfinden), aber so richtig populär geworden ist die Sache in Japan - und jetzt schlägt sie machtvoll zurück.

Fuzzy-Systeme sollte man übrigens ausnahmsweise nicht amerikanisch - also 'Fassieh' - aussprechen, sondern besser in exakt deutscher Diktion, also in der Sprechweise 'Futzie'. Das paßt viel besser, und deshalb wird diese Schreibweise von mir auch hinfort beibehalten.

Wie gesagt: Futzie kannte man schon lange - wie überhaupt ja alles schon mal dagewesen ist. Um Irrtümern vorzubeugen: gemeint ist nicht etwa 'Futzie der Banditenkiller', also jener liebenswert vertottelte Westernheld, auf dessen Schwarzweißfilme wir als Kinder so erpicht waren, daß wir uns älter zu stellen versuchten, um vor den Augen der gestrengen Kinoeinlaßzerberusdame wie Vierzehnjährige auszusehen, denn so hoch lag die Altersgrenze (heute laufen die Filme höchstens noch im Programm für Vorschulkinder, aber das nur nebenbei).

Also dieser leibliche Futzie ist keineswegs gemeint, sondern ... ja was eigentlich? Schwer zu sagen, denn wie bei allen wirklich erfolgreichen neuen Trends (vergleiche 'Künstliche Intelligenz') gehört zum Erfolg auch ein gerüttelt Maß an Mysterium; auch eine schwere Überprüfbarkeit erweist sich als ebenso günstig wie einekomfortable Spendierhosen verschiedenster Gremien.

Futzie zeigt alle Merkmale einer allgemeinen Hysterie - besonders in Japan, wo ohne Futzie rein gar nichts mehr läuft: Es gibt Futzie-Autos, Futzie- Waschmaschinen, Futzie-Fahrstühle, Futzie-Kameras. Reinweg jedes Produkt muß Futzie sein, sonst läßt es sich nicht mehr verkaufen!

Was hat es mit Futzie nun auf sich? Soweit ich aus einigen (absichtlich?) dubiosen Manuskripten schlau werden konnte (aber möglicherweise bin ich dadurch nur noch dümmer geworden), ist Futzie die Umkehrung des Bibelspruchs "Deine Rede sei ja, ja, nein, nein!". Futzie ist die Neuerfindung des Begriffs "vielleicht" mit all seinen Schattierungen, also von "so gut wie aussichtslos" bis hin zu "ungefähr", von "möglicherweise" bis hin zu "nix Genaues weiß man nicht". Und in der Tat kommen solche Begriffe im realen Leben vor, daher die ungeheure grundsätzliche Anwendbarkeit von Futzie. Zwischenformen wie die genannten sind klareren Äußerungen "Ja" (entsprechend logisch "Eins") bzw. "Nein" (entsprechend logisch "Null") entschieden vorzuziehen, denn jede solche binäre Aussage kann ins Auge oder in die Hose gehen, auch wenn man sich noch so sicher ist. Man hat schließlich schon Pferde kotzen sehen - und das vor Apotheken! Der moderne Computerist ist also gut beraten, wenn er sich vorsichtig verhält, d.h. wenn er eindeutige Aussagen verweigert.

 

Unglücklicherweise ist der Digitalrechner selbst von seinen Gründungsvätern zunächst einmal auf diese ebenso starre wie dumme binäre Welt von Nullen und Einsen festgelegt worden, aber die Futziefreaks (und auch andere) haben bemerkt, daß dem nur scheinbar so ist. Mit recht einfachen Maßnahmen kann man alle Eingaben, Rechnungen, Ergebnisse so verunschärfen (Fachausdruck "fuzzifizieren"), daß eine mögliche Unsicherheit bzgl. des Ergebnisses verbleibt - und damit immer auch eine Rückzugsposition (wie clever!). In jedem Fall ist der Futziefreak fein heraus, denn wie's auch kommt, man kann ihm nichts anlasten, weil er sich ja nie eindeutig festlegt.

Die einschlägigen wissenschfatlichen Artikel zum Thema sind ebenfalls im besten Sinne 'futziehaft': man kann unmöglich hinterkommen, was das Zeug soll. Wie kann man nun feststellen, ob der Kram vielleicht nicht doch etwas taugt? Am einfachsten ginge dies durch Ansehen und mit einem Test auf Brauchbarkeit. Selbiges ist zwar theoretisch möglich, aber der Schreiber dieser Zeilen hat (vielleicht aufgrund eines Murphy-Effekts) permanente Schwierigkeiten damit, denn:

  • auf Kameras steht "Futzie" zwar drauf, aber das ist zunächst einmal nicht mehr als ein wenig rote Farbe für den Schriftzug; außerdem hat mein Nachbar damit ausschließlich Filme produziert, die beliebig verwackelt und unscharf sind

  • eine Dienstreise nach Japan zwecks Erprobung eines Futziefahrstuhls bezahlt mir niemand

  • bei jedem Versuch, mir Futzie-Systeme hierzulande anzusehen, habe ich ein direkt unfutziehaft deterministisches Pech, denn das klappt nie, weil entweder gerade eine neue verbesserte Systemversion erstellt wird oder weil die alte noch kleinere Macken hat oder weil die Systeme zwar angeschaut, aber aus vertragsrechtlichen Gründen nicht im Betrieb vorgeführt werden dürfen (und was man sich sonst noch an dergleichen Ausreden einfallen lassen kann).

Wie dem auch sei: Futzie ist und bleibt für mich ein schönes Geheimnis und ein noch ärgerer Voodoo-Zauber als die künstliche Intelligenz - und gerade das macht Futzie so reizvoll! Nur über eins bin ich mir sicher: Hauptintentionen von Futzie ist das Zulassen eines Widerspruchs an sich (damit man auf keinen Fall mit Logik darangehen bzw. dagegen angehen kann).

Solche Widersprüche sind geradezu ideal für den, der sie konstruiert. Das für mich bisher schönste Beispiel dafür ist der zwar unfutziehaft gemeinte, aber (eben deshalb?) real existente Werbespruch für eine bekannte Automarke: "Der ist so exklusiv, weil bei ihm alles inklusiv ist".





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton