Alois Potton hat das Wort [Nr. : 05, 12/1991 ]


 

Professionelle (?) Seminare:

 

Wie ist das eigentlich mit sogenannten Management- oder Fortbildungsseminaren? Haben Sie dort nicht auch schon ähnliche Beobachtungen wie die im folgenden beschriebenen gemacht? Schreiben Sie doch mal an die Redaktion!

Der Seminarort

Es ist irgendwie seltsam, daß - von Ausnahmen abgesehen - professionelle Seminare nur in sehr großen Städten stattzufinden pflegen: München, Köln, Hamburg, Berlin etc. Das erklärt sich aber schnell, wenn man sich die Teilnehmerliste bzw. genau genommen die Herkunft der Teilnehmer ansieht. Da gibt es zwar einzelne Firmen, die ihre Mitarbeiter aus der Nachbarschaft mit der Straßenbahn anreisen lassen, aber im Regelfall ist ein geradezu azyklisches bzw. distanzmaximierendes Verhalten zu beobachten. Also der Münchner nimmt in Köln teil, der Kölner meldet sich in Berlin an etc. Auch der Nicht-Psychologe kann die Motive dafür leicht feststellen: Ein bißchen Abwechslung, d.h. Sightseeing bzw. Nachtleben, gehört offenbar genauso zum Seminar wie der Overheadprojektor, daher die Unbeliebtheit von Orten wie Gelsenkirchen oder Kassel, Heilbronn oder Augsburg. Apropos Overheadprojektor: "You can teach people using your head, you can kill people using overhead, you can overkill people using two overheads"!! Die meisten Referenten arbeiten bezeichnenderweise mit zwei Projektoren.

Das Umfeld

Ausgerichtet wird ein 'anständiges' Fortbildungsseminar in einem sogenannten guten Hotel, d.h. nicht etwa im besten Haus am Platze, dafür aber im ungefähr fünftbesten Haus (vom Preis her gesehen) - in scheußlicher Lage, umgeben von trostlosen Bürohochhäusern, meist an einer Ausfallstraße zum Flughafen, ohne jede zu Fuß erreichbare Infrastruktur; d.h. ein Bier gibt's nur an der plastik- oder plüschartigen Hotelbar - für einen zweistelligen DM-Betrag. Das Hotel muß zu einer größeren Kette gehören, deren Häuser sich zum Verwechseln ähneln. Solches wird als 'Corporate Identity' bezeichnet und soll wohl eine narrensichere Strategie dafür sein, daß man den Kunden auf keinen Fall wiedersehen will. Den vollständigen Verzicht auf Fenster im Souterrain, wo die hoteleigenen Seminarräume hasenkastengleich liegen, hat der Innenarchitekt durch eine Vielzahl von kitschig verschnörkelten Spiegeln zu kompensieren versucht. Es ist unvermeidlich, daß Sie sich und Ihre Leidensgenossen in den Kaffeepausen ständig und immer mehrfach sehen müssen, ein schwer erträglicher Zustand. Bekanntlich wird das Abbild von Vampiren durch Spiegel nicht reflektiert, daher ertappen Sie sich automatisch beim sehnlichen Wunsch, zeitweise zum Vampir zu werden.

Die Klimaanlage funktioniert natürlich nur binär, d.h. es besteht entweder eine ernstzunehmende Überhitzungsgefahr bzw. zu Erstickungsanfällen oder aber Sie Sie ziehen sich wegen kalter Zugluft eine Lungenentzündung zu. Ein geradezu unerträglicher Psychoterror ist aber die kontinuierliche Berieselung mit einer stets gleichartig unwirklich klingenden (aber körperlich schmerzhaften) instrumentalen Sphärenmusik. Selbst auf der Toilette bleibt man davon nicht verschont, dort sind sogar besonders viele Lautsprecher angebracht. Man gewinnt zwangsläufig den Eindruck, daß diese Art von Musik eine Vorstufe des Harfenspiels ist, zu dem man im Himmel auf Ewigkeit verpflichtet sein wird - und man nimmt sich vor, von Stund an andauernd zu sündigen, um diesen himmlischen Freuden zu entgehen und stattdessen die vergleichsweise angenehme Wohltat der Hölle genießen zu dürfen.

Der Referent

Der Referent ist leider fast immer männlichen Geschlechts. Jedenfalls gilt das für die unserereins angehenden Themen. Es zeigt sich wieder einmal, daß man den falschen Beruf gewählt hat. Zum Beweis genügt ein verstohlener Blick in eine parallel laufende Veranstaltung über Lifestyle oder Damenoberbekleidung.

Den Typ 'Referent' gibt es in zwei sehr unterschiedlichen Varianten. Zwischenformen zwischen den beiden Extrema sind vergleichsweise selten:

Typ 1 (Der schnoddrige amerikanische Typ):

Charakteristisch für diesen Typ ist der unvermeidliche Pullover, am besten mit aufgenähten Ellbogenschonern. Altersbegrenzungen gibt es ebenfalls keine, entweder ist er wirklich jung oder berufsjugendlich - wie etwa Frank Laufenberg oder Thomas Gottschalk. Von der Redeweise her paßt am besten ein texanischer Akzent (wenn englisch gesprochen wird), das deutsche Analogon zum texikanischen Slang - nämlich das bayrische Idiom - stimmt dagegen überhaupt nicht. Warum das so ist, bedarf keiner Erklärung: Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen!

Der beschriebene Typ zeichnet sich außerdem durch große und wirklich vorhandene Detailkenntnis aus (das unterscheidet ihn signifikant von den obengenannten Berufsjugendlichen wie etwa Thomas Gottschalk), in vielen Fällen wird er Ihnen seine Erfahrungen direkt am Terminal via Großbildleinwand vermitteln.

 

Der beschriebene Referententyp hat nur einen einzigen - aber ernstzunehmenden - Nachteil: Er kommt im Vergleich zu 'Typ 2' viel zu selten vor.

Typ 2 (Der bieder treudeutsche und hoffnungslos überforderte Typ):

Charakteristisch für diesen Typ sind folgende Eigenschaften:

  • das Tragen eines knitterfreien Anzugs und einer angeblich modischen Krawatte

  • ein Hang zu starker Transpiration (nicht etwa zur Inspiration!)

  • gestelzte und wohlgesetzte Rede, meistens auswendig gelernt und abgelesen

  • der völlige Verzicht auf jegliche substantielle Aussage.

Die Betonung beim letztgenannten Merkmal liegt auf 'substantiell', denn natürlich labert der Kerl, was das Zeug hält, aber wenn Sie sich einmal die Mühe machen, einen beliebig herausgegriffenen Satz zu analysieren, werden Sie unvermeidlich Schiffbruch erleiden bzw. diesen Satz als puren Blödsinn oder als Trivialität bezeichnen müssen. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Welt, daß dies im größeren Kontext zunächst einmal nicht auffällt, sondern erst bei genauem Hinsehen offenbar wird. Weil aber kaum jemand Zeit oder Lust zu solcher Detailprüfung hat, bleibt es fast immer unentdeckt und straflos.

Sie glauben das nicht? Dann bringe ich Ihnen ein einziges (wirklich echtes!) Beispiel aus einem kürzlich erhaltenen Seminarmanuskript. Dort werden unter anderem folgende 'Weisheiten' zitiert: "Wie sieht die heutige Wirklichkeit an verteilten Anwendungen aus? Je nach zusätzlichen Anforderungen aus der Anwendungs-umgebung geht das eine in das andere über. Dies ist kein Wunder, handelt es sich doch hierbei immer um einen Verbund untereinander kooperierender, aber grundsätzlich autonomer Verarbeitungskomponenten - mit sogenannter Ortstransparenz. Ist es nämlich ein entfernter Ort und absehbar, daß dort ein Terminal durch einen PC ersetzt wird, so spricht man von Remote Presentation, Remote Transaction Processing etc.". In diesem Stil geht es weiter, und das ist ein willkürlich herausgegriffenes (ich versichere: wirklich echtes!) Beispiel, auf Wunsch können beliebig viele ähnliche Kostbarkeiten zitiert werden.

Was kann man aus diesem Beispiel über die Strategie von Referententyp 2 lernen? Nun, wie bereits gesagt, macht das Pamphlet in seiner Gesamtheit einen durchaus geschäftsmäßigen Eindruck. Es enthält viele Schlagworte, die in irgendeiner Form miteinander zu tun haben oder zu tun haben sollten. Außerdem (besonders wichtig!) wird der Anwender - das unbekannte Wesen - in diffuser Form auf seine wirklichen Belange hingewiesen, was eine allgemeine Identifikation der schweigenden Mehrheit mit diesem Gebrabbel erleichtert. Der Text enthält außerdem hinreichend viele Fremdworte, allerdings - das ist nicht gerade typisch, sondern hier eher eine löbliche Ausnahme - keine Abkürzungen. Vor allem aber: Es gibt keine einzige Aussage, bzgl. deren Gültigkeit bzw. Falschheit der Autor unangenehm befragt werden könnte.

Die unendliche Geschichte

Es besteht keinerlei Zweifel daran, daß Sie im Laufe eines mehrtägigen Seminars von Referenten des Typs 2 einer entsetzlichen Gehirnwäsche unterzogen werden. Voller Apathie (die noch durch die abendlichen Züge durch die Gemeinde gefördert wird) sehnen Sie das Ende der Veranstaltung herbei - und Sie nehmen sich wieder einmal vor, im unvermeidlichen Beurteilungsbogen Ihrem aufgestauten Volkszorn Luft zu machen.

Aber Hand auf's Herz: Sie lassen sich dann doch zu einer gemäßigt positiven Beurteilung hinreißen - und ich sage Ihnen auch, warum:

  • entweder Sie haben Mitleid mit dem armen so stark schwitzenden Referenten

  • oder aber Sie fürchten, daß eine negative Beurteilung (erst recht wenn Sie eine solche zuhause abgeben) dazu führen könnte, daß firmenintern auf weitere offenbar nutzlose Seminarteilnahmen verzichtet wird.



Zur letzteren Alternative wollen Sie es aber auf keinen Fall entarten lassen, denn so unangenehm sind ja nun beispielsweise drei Tage Stuttgart auch wieder nicht. Wie sagte schon Sepp Herberger: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", was auf unseren Fall übertragen heißt: "Auf jede Seminarteilnahme muß in nicht allzugroßem Abstand eine neue folgen". Also dann: Bis die Tage und bis zum nächsten Seminar!


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton