Alois Potton hat das Wort [Nr. : 06, 03/1992 ]


 

Über Buchbesprechungen

 

Na sieh mal einer an. Sie haben die "Alois Potton"-Kolumne gefunden! Das ist eigentlich mehr als unwahrscheinlich - und deswegen ist diese Rubrik ja vielleicht für den "Nichtleser" geschrieben. Ernstzunehmende Untersuchungen behaupten nämlich, daß Beiträge in technisch-wissenschaftlichen Zeitschriften im Durchschnitt nicht mehr als eineinhalb Leser finden, den Autor eingeschlossen!! Und wegen der inflationsartig zunehmenden Zahl von Zeitschriften soll die Leserschaft bzw. -willigkeit sogar ständig sinken. Zum Glück ist aber unsere Rubrik weder technisch noch wissenschaftlich, daher könnte die Bereitschaft zum Lesen vielleicht etwas höher sein. Aber (jetzt kommt das große Problem): Sie müßten sich ja normalerweise über die Buchbesprechungen hinweg vorgearbeitet haben. Oder sollten Sie etwa wie bei Tageszeitungen eher antizyklisch lesen, also von hinten nach vorn, beim Sport anfangend und vor der schwerverdaulichen Politik aufhörend?

Genug der Spekulation. Sie ahnen sicher, worauf ich hinaus will, auf die Buchbesprechungen nämlich. Es plagt mich der Verdacht, daß diese Besprechungen sozusagen auf Halde produziert werden, um als Füllmaterial (bei Ethernet nennt man es "padding bits") eingestreut zu werden, wenn Beiträge kürzer als erwartet ausfallen. Schließlich muß die Seitenzahl eines Heftes nicht nur durch die Zahl zwei ohne Rest teilbar sein (das würde man ja ohne weiteres einsehen), sondern sie muß aus unerfindlichen Gründen auch noch ein ganzzahliges Vielfaches der Zahl Acht sein. Da ist es also zweckmäßig, wenn man ein wenig "Saure-Gurken-Material" zum Jonglieren bereit hat.

Dabei habe (oder hätte) ich überhaupt nichts gegen Buchbesprechungen, wenn sie sich nur nicht so drastisch von Theaterkritiken unterscheiden würden. Während nämlich letztere praktisch immer in einem fürchterlichen Verriß enden, sind die Besprechungen - nicht zuletzt auch die in PIK - eher als "Friede, Freude, Eierkuchen" zu bezeichnen. Warum sind beide Fälle so unterschiedlich? Nun, der Theaterkritiker muß seine Existenz dadurch rechtfertigen, daß er alles grundsätzlich besser könnte. Daher ist er verpflichtet, die Inszenierung ebenso wie die Hauptdarsteller gründlich fertigzumachen. Damit er nicht als prinzipieller Querulant abgetat werden darf und auch um nachzuweisen, daß er der Aufführung intensiv gelauscht hat, wird er gnädigerweise die eine oder andere Nebenrolle als geglückt besetzt, als hoffnungsvolles Talent oder ähnlich bezeichnen. Das wird aber an der Sache selbst nichts ändern. Der Theaterkritiker ist wie ein Hühnerzüchter, der die Henne wegen des zu kleinen oder gar faulen Eis (oder heißt es Eies?) heftig kritisiert, aber selbst natürlich keinesfalls in der Lage ist, auch nur das mickrigste Ei zu legen.

Wie angenehm sind die Verhältnisse dagegen offenbar für die Buchbesprecher und die besprochenen Autoren! Der Verriß eines Buches ist ungefähr so häufig wie eine himmelhochjauchzende Theaterkritik. Woran mag das liegen? Vielleicht erhält der Rezensent ein Freiexemplar eines Buchs nur dann, wenn er eine passable Kritik schreibt. Eigentlich würde er ja die meisten von ihm besprochenen Bücher nicht brauchen, aber sie machen sich gut im Regal und der Sammler-und-Jäger-Trieb unserer Vorfahren feiert hier fröhliche Urständ. Außerdem sähe es doch merkwürdig aus, wenn man ein derart vernichtetes oder besser zernichtetes Buch auch noch behalten würde. Da ist es schon besser, wenn man sich moderat positiv verhält, zumal das Schreiben eines Buchs - und sei es auch des dümmsten Plagiats - doch eine Knochenarbeit ist, die einem eine gewisse Hochachtung abverlangt.

Damit Sie sehen, daß meine Einschätzung über die Buchbesprechungen nicht ganz unberechtigt ist, möchte ich Ihnen das Ergebnis einer Recherche sowie einer diesbezüglichen Statistik der Besprechungen aus den letzten 6 PIK-Hefte nicht vorenthalten (das Resultat ist übrigens nicht nur auf PIK beschränkt, sondern gilt auch für die meisten anderen Zeitschriften):

In diesen Heften - pro Heft gibt es ca. zwei bis drei Besprechungen - fand ich allenfalls zwei (!) deutlich negative Wertungen. In solchen Fällen wird aber dann einschränkend argumentiert mit: "Zu hoher Preis", "stärkerer Praxisbezug wäre hilfreich", "Nachteile ließen sich leicht revidieren", "falsche Zielgruppe" etc. Zwei weitere Besprechungen kamen zu gemäßigt positiven Einschätzungen, die sich niederschlagen in Formulierungen wie "recht glücklicher Kompromiß", "solide und gründlich" usw.

 

Die überwiegende Mehrzahl von Referaten - nach meiner Zählung 11 von 15 - kann man aber nur als Hofberichterstattung bezeichnen. Sie sind ein devotes Geschnaufe, welches meist nur so vor Ehrfurcht trieft. Selbstredend wird auch in diesen Fällen stets ein kleiner Verbesserungsvorschlag gemacht - der Rezensent muß schließlich nachweisen, daß er das Werk gelesen und vor allem verstanden hat und daß er auch einen sinnvollen Beitrag dazu leisten könnte -, aber die positive Aussage wird sehr deutlich plaziert: "Zu empfehlen", "für jeden ... eine sehr sinnvolle Investition", "um so erfreulicher ...", "weiterempfehlen", "außerordentlich lesenswert", "ungewöhnlich gründlich", "kann wärmstens empfohlen werden". Aber genug des grausamen gleichartigen Spiels, die Floskeln wiederholen sich ständig.

Nun werden Sie mir Recht fragen, warum ich mich über diese freundlichen Besprechungen so aufrege. Schließlich besteht doch die Freiheit, sie zu ignorieren (was übrigens wohl praktisch alle Leser tun, denn - Hand auf"s Herz: haben Sie schon jemals eine gelesen?). Aber ich bleibe dabei, daß es mich trotzdem ärgern darf - und zwar aus mehreren Gründen:

  • Es ist Umweltverschmutzung bzw. -zerstörung. Und wenn man schon den freien Raum wegen der Teilbarkeitbedingung durch Acht (siehe oben) füllen muß, dann wäre ein lustiger Cartoon mir irgendwie genehmer.

  • Ich kann es einfach nicht glauben, daß ein so hoher Prozentsatz von Büchern wirklich gut ist. Erfahrungsgemäß ist doch viel Schrott dabei. Einige Werke sind mit einer ungeheuer flinken und keineswegs recherchierenden Feder hingeworfen. Der Wert solcher Werke wird manchmal daran ersichtlich, daß sie schon nach einem Jahr für ein Zehntel ihres ehemaligen Kaufpreises verramscht werden (das habe ich vor kurzem wirklich gesehen, der neue Preis war kaum höher als der Wert für die beigelegte Diskette!).

  • Die PIK-Rezensenten könnte zwar sagen, daß eine Vorabfilterung erfolge, d.h. daß schlechte Werke zwar geprüft, aber schnell verworfen werden und daß man den Autor mit einer negativen Besprechung nicht blamieren möchte. Wenn das so ist, dann mißfällt es mir aber sehr, denn ich möchte doch wissen, warum denn das eine oder andere Buch so schlecht ist und ich möchte vielleicht hieraus auch Rückschlüsse auf die Autoren ziehen. Ich nehme es übel, daß mir die Rezensenten diese Information verweigern.

  • Überhaupt zum Informationsbegriff an sich: Aufgrund der Informationstheorie ist eine Nachricht umso wertvoller, je mehr Unsicherheit sie beseitigt - und das passiert, wenn der Ausgang des Experiments zufällig ist, wenn bei binären Entscheidungen ebenso oft mit "Ja" wie mit "Nein" geantwortet wird, wenn also die Buchbesprechung für den Autor riskant ist. Vorbildcharakter in dieser Beziehung haben die inzwischen leider meist vergriffenen "Rabe-Taschenbücher" aus dem Haffmans-Verlag mit ihren ständigen Rubriken "der Rabe rät" bzw. "der Rabe rät ab". Ich gestehe, daß ich die zweite Rubrik meist lieber lese, weil sie irgendwie überraschender ist, aber das ist Geschmackssache. Sie dürfen mir das gern als geschmacklose Freude und damit als niederen Trieb auslegen. Um sie vielleicht dennoch von meiner Vorliebe zu überzeugen, bitte ich Sie zu beachten, daß "Hund beißt Kind" keine Nachricht ist, "Kind beißt Hund" aber sehr wohl. In diesem Sinne ist eine positive Buchbesprechung eigentlich überhaupt keine Besprechung, sondern nicht viel mehr als ein mehr oder weniger originelles Nachbeten des Inhaltsverzeichnisses. Die Besprechung entfernt keine Unsicherheit, trägt also auch nichts zu meiner Information bei, weil ich schon vorher weiß, daß der gnädige PIK-Referent zu einem positiven Urteil kommen wird.



Wo bleiben also - nach diesem verzweifelten Plädoyer - die "überzeugenden" Besprechungen? Es wäre doch zu schön, wenn man Referate in PIK fände, die sinngemäß folgendermaßen enden: "Dieses Buch kann man nicht mit leichter Hand zur Seite legen; nein, man muß es mit aller Kraft in die Ecke feuern!"?. Ich bin davon überzeugt, daß sich das Leserinteresse dadurch dramatisch erhöhen ließe.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton