Alois Potton hat das Wort [Nr. : 08, 09/1992 ]


 

Theorie und Praxis

 

Historische Entwicklungen verlaufen wellenförmig. Damit hängt zusammen, daß gleiches Verhalten abhängig vom Zeitpunkt unterschiedlich bewertet wird - es kann Vorbildfunktion haben oder aber total abgelehnt werden. Einige Beispiele:

  • Im Mittelalter gab es Bilder- bzw. Technikstürmer. Die Zeit von James Watt und die Folgejahre bis ca. 1970 waren dagegen geradezu von einer Technikeuphorie gekennzeichnet. Heute gehört es wieder zum guten Ton, Technik zu verteufeln oder zumindest zu 'hinterfragen' (was meist auf dasselbe hinausläuft).

  • Schönheitsideal unserer Großmütter war eine kalkweiß-kränkliche Hautfarbe, wodurch unter anderem auch ein gewisser Wohlstand demonstriert wurde, denn Sonnenbräune war ein sichtbarer Makel armer Feldarbeiterinnen. Seit ca. 30 Jahren ist dagegen knackige Piz-Buin-Farbe angesagt, was wiederum kennzeichnet, daß man/frau sich Tennisspielen, Skifahren, Segeln etc. leisten kann. Dieser Trend scheint sich aber schon wieder umzukehren, diesmal wegen Ozonloch, Hautkrebs, Emanzipation, Querdenken und dergleichen.

  • Unterschiedliche Interpretationen gibt es sowohl zeitlich wie geographisch: Caesar, Rubens und arabische Emire bevorzugten bzw. bevorzugen eher wohlgestaltete Formen an Männern bzw. Frauen. Hollywoodregisseure und Modeschöpfer dagegen können es nicht dünn genug kriegen.



Warum diese Vorrede? Ich möchte zeigen, daß es sich mit "Theorie und Praxis" ähnlich verhält. Es gibt Epochen, wo einer dieser beiden Begriffe als Vorbild und der andere als Unsinn bezeichnet wird. Dabei ist eine eindeutige Abgrenzung zwischen Theorie und Praxis völlig unmöglich. Aber das kann auch positive Konsequenzen haben, weil man sich von Fall zu Fall auf die "richtige", d.h. auf die als modern oder vorbildlich geltende Seite stellen kann.

Im Bereich "Informations- und Kommunikationstechnik" galten die Theoretiker zunächst als unangreifbare Gurus oder als überlegene Geister. Sie bestimmten die Konzepte, welche von den Rechenknechten in mühsamer Knochenarbeit und ohne rechtes Verständnis Bit für Bit in den Rechner eingefrickelt wurden. Wer in Assembler programmieren mußte, galt als armer Hund, der sein Schicksal aber verdiente, weil er offenbar zu nichts anderem zu gebrauchen war.

 

Das Prestigegefüge des Informationstechnikers kippte dann (es muß so zu Beginn der Siebziger Jahre gewesen sein) völlig um. Von Stund an galt nur noch der Praktiker, der Anwender, der Benutzer (auf Schweizerdeutsch: der Benützer). Ab sofort war der Theoretiker ein Idiot, ein spinnerter Depp oder ein Korinthenkacker, der allenfalls in der Lage war, völlig uninteressante und nebensächliche Dreckeffekte in einer Weise zu optimieren, daß das gesamte System in Frage gestellt wurde - bzw. gestellt worden wäre, wenn man ihn hätte gewähren lassen. Zu letzterem kam es aber nie, weil sich größere Firmen zwar eine oder zwei Theoretiker als Orchideen leisteten, aber sie hinreichend sicher abschotteten, damit sie nur ja keinen Unsinn anrichten konnten. Es gehörte also zum guten Ton, ein Praktiker zu sein. Ein Beispiel dafür ist ja auch der Titel unserer Zeitung: PIK, d.h. "Praxis der I+K-Technik". Wäre zur Zeit der Gründung von PIK die Theorie en vogue gewesen, dann hieße die Zeitschrift TIK oder TICK (mit 'T' für Theorie und 'C' vielleicht für Computer), was nach meiner Meinung ein ganz interessanter Name wäre.

Während ihrer Ausbildung sind angehende Informationstechniker meist eher theoretisch vorgeprägt - zum Leidwesen ihrer künftigen Arbeitskollegen. Das ist zwar vielleicht unbefriedigend, aber leider unvermeidlich, weil sie von ihren Hochschullehrern, die längst jeden Kontakt zur Praxis verloren haben, mit ziemlich weltfremden Aufgaben konfrontiert werden. Hat der Studierende aber seine höheren Weihen erhalten, dann ändert sich seine "religiöse Einstellung" sehr schnell. So schnell kann man gar nicht gucken, wie sich da ein Saulus vom Paulus wandelt (oder genauer: vom Paulus zum Saulus, denn Saulus war Praktiker, während Paulus eher Philosoph war). Beispielsweise wird jemand, der - sagen wir einmal - noch vor drei Monaten an einem Detail der Theorie endlicher Gruppen herumdokterte, unmittelbar nach seinem Wechsel in die Industrie feststellen, dieser und jener Zeitschriftenartikel (nicht zuletzt auch in PIK) sei völlig unlesbar und wertlos - wenn er überhaupt noch Literatur zur Kenntnis nimmt! Es ist aber viel eher zu erwarten, daß er jede auch noch so schwach theoretisch angehauchte Fragestellung mit der süffisanten Bemerkung als Quatsch abtun wird, sie sei nur von rein akademischem Interesse usw.

Die nächste Wandlung - nämlich vom Praktiker zurück zum Theoretiker - kommt dann ebenso unvermeidlich, aber erst kurz vor Eintritt ins Pensionärs- leben. Gemeint ist die Phase der Altersphilosophie. Jetzt werden "die Dinge miteinander in Zusammenhang gebracht", "von einer übergeordneten Warte aus betrachtet", "metaphorisch analysiert" usw. Dieser Lebensabschnitt wird unter anderem auch durch Vorliebe zu immer länger werdenden Fremdwörtern gekennzeichnet.

Aber wir sollten sie gewähren lassen: die reinen Theoretiker, die erdverbundenen Praktiker und vor allem die geschickten Taktierer zwischen den Fronten - nämlich die Grundlagenkenner, die von praktischen Anwendungen etwas verstehen. Wohl dem, der von der Fachwelt in die letzte Kategorie gesteckt wird. Ein Streit über die Frage, was nun Theorie bzw. was Praxis ist, macht ungefähr soviel Sinn wie der um des Kaisers Bart. Vielleicht kann man insgesamt gesehen Theorie und Praxis (bzw. die menschlichen Vertreter dieser Richtungen) durch einen Vergleich aus dem Tierreich sehr gut charakterisieren: Theoretiker sind wie Eunuchen; sie wissen, wie's geht, aber sie können es nicht. Praktiker dagegen sind eher wie Enten; sie können alles: laufen, schwimmen und fliegen - aber leider alles ziemlich schlecht.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton