Alois Potton hat das Wort [Nr. : 10, 03/1993 ]


 

Sprichwörtliche Kommunikation

 

Ein bulgarisches Sprichwort, das es möglicherweise auch bei anderen Nationen in ähnlicher Form gibt, heißt: "The shoemaker is always with the bad shoes". Der vorige IFIP-Präsident B. Sendov pflegte diesen Spruch zu verwenden, wenn er auf die offensichtlichen Unzulänglichkeiten der Informatik hinweisen wollte. Es scheint, daß das Sprichwort gerade bei Kommunikationssystemen in besonderer Weise zutrifft (siehe unten). Übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Sparten, denn betrachten Sie nur einmal die Titelbilder von Lukullus (das ist die Wochenzeitung der Fleischerinnung) oder meinetwegen diejenigen von der Bäckerblume. Dort sieht man Würste respektive Kuchen zuhauf, aber die Produkte der gegnerischen Partei werden völlig ignoriert. Wenn's hoch kommt, begeben sich beide quasi auf neutrales Terrain und zeigen einen norwegischen Räucherlachs - zusammen mit Roastbeef oder aber mit diversen Brötchensorten - je nachdem. Oder man lichtet z.B. in der Bäckerblume als Alibi eine Scheibe Schinken bzw. einen grünen Salat ab, eingerahmt von Toastscheiben, Laugenbrezeln etc. Das versteht sich von selbst - und niemand kann etwas dagegen haben.

Bei Kommunikationssystemen und den zugehörigen Experten (bzw. denen, die sich dafür halten) ist das anders. Die Fachgruppe "Kommunikation und verteilte Systeme (KuVS)" zum Beispiel - richtig, das ist der Verein,welcher die PIK zum großen Teil gestaltet - hat als Verein natürlich eine Vereinsleitung, sogar ein "erweitertes Leitungsgremium". Ohne solche Organe sind Vereine sozusagen nicht lebensfähig - schon gar nicht in Deutschland. Eine der vornehmsten Aufgaben dieses Gremiums ist die Herausgabe der Adreßliste seiner Mitglieder. Aus dieser Liste sollte hervorgehen, über welche Medien ihre Mitglieder kommunikationsmäßig ansprechbar sind bzw. sein wollen. Also gibt es Name, Postanschrift, Telefon und Fax. Letzteres hat sich in kürzester Zeit völlig durchgesetzt. Ob's die Mitglieder aber auch selbst bedienen können?? Noch vor drei Jahren wurde geglaubt, daß eine Universität mit ca. 40.000 Studierenden mit einem einzigen Faxgerät auskommen könnte. So ändern sich die Zeiten! Eine Rubrik für Electronic-Mail-Anschlüsse findet sich auf der besagten Mitgliederliste nicht. D.h. es gab mal eine, doch wurde sie wegen offensichtlicher Nutzlosigkeit wieder eingestellt. Es scheint auch kein echter Bedarf dazu vorhanden zu sein. Das konnte ich kürzlich wieder einmal ebenso eindeutig wie schmerzlich in Erfahrung bringen; ich hätte nämlich eine entsprechende Liste gut gebrauchen können - Datenschutz hin oder her, aber das ist ein anderes Thema.

Was tut man in so einem Fall? Erste Möglichkeit ist, einzelne Adressen aus der Menge der aufbewahrten Nachrichten (da häuft sich so manches an!) in Erfahrung zu bringen. Mit Ausnahme von einigen wenigen beachtlich aktiven Freaks glänzt das Leitungsgremium aber hier durch Enthaltsamkeit. Nächste Möglichkeit ist das Herumtelefonieren bei den einzelnen Sekretariaten - soweit vorhanden oder irgendwann einmal besetzt. Dieses ist eine sehr frustrierende Erfahrung, das kann ich Ihnen flüstern. Electronic Mail ist dort eine merkwürdig unbekannte Einrichtung. Originalton: "Au weh, da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt, das wird bei uns fast nie genutzt. Ist das so etwas mit 'postmaster'?" Und so weiter und so fort.

Eine weitere Möglichkeit wäre noch, die Institutskurzbeschreibungen zu durchforsten, mit denen sich manche Institute in PIK-Heften ein wenig beweihräuchern, ist ja auch gar nichts gegen zu sagen. Aber seltsam: Von Kommunikation wird dort viel geredet, nicht aber davon, welche Medien dafür genutzt werden - eine Electronic-Mail-Adresse jedenfalls fehlt mit schöner Regelmäßigkeit. Beweis: Schauen Sie mal in die zurückliegenden PIK-Hefte!

 

Der nächste Lerneffekt tritt dann ein, wenn eine Adreßliste mühsam erstellt und den Betreffenden eine Nachricht zugestellt wurde. Mal ehrlich: so rationell wie mit electronic mail geht das nirgends sonst, eine Nachricht an einen , zwei oder meinetwegen auch gleichzeitig an hundertfünfunddreißig Adressaten zu schicken: der Aufwand ist derselbe. Ein weiterer Vorteil ist dazu noch die Umweltfreundlichkeit, denn eine nicht interessierende oder veraltete Nachricht kann absolut umweltschonend entsorgt werden (vom Verbrauch einer minimalen Strommenge einmal abgesehen).

Was passiert aber mit den versandten Nachrichten? Sie gelangen zu sehr unterschiedlich reagierenden Empfängern. Nach subjektiven Schätzungen lassen sich diese zu etwa gleichen Teilen in folgende Klassen einteilen. Je nachdem, zu welcher er gehört, verhält sich der Adressat wie folgt:

  • hat Electronic Mail, weiß aber nichts davon

  • weiß von Electronic Mail, liest aber seine Post nie

  • liest seine elektronische Post, beantwortet sie aber nie

  • liest und beantwortet elektronische Nachrichten.

Nur die letztgenannte Klasse - also kaum mehr als ein Viertel aller Teilnehmer - sind für die genannte Kommunikationsform von Nutzen.

Eine Komplikation ergibt sich nicht zuletzt auch aus der Gestaltung von eigenem Namen bzw. von Rechnernamen bei Electronic Mail. Hier drängt sich die Vermutung auf, daß die Kommunikation absichtlich erschwert bzw. verhindert werden soll. Nehmen wir ein Beispiel: Angenommen Herr Paul Müller wohnt in der Waldstraße 12 in Freudenstadt und dieser Herr würde seine Postanschrift angeben mit "pmu at one-two.forestway.lucky_town". Das wird den Briefträger ganz schön auf die Palme bringen, aber vielleicht schafft er's ja doch mit seiner nicht-künstlichen Intelligenz.

Noch schwieriger wird die Sache für den Absender, der im Falle der normalen Briefpost ja schon mit den um eine Stelle verlängerten Postleitzahlen so seine Probleme hat. Sein Merkbüchlein für Electronic- Mail-Adressen ist voll von Kuriositäten. Da heißt B. Pombortsis etwa "cadz04" und seine Anschrift ist "grtheuni" (nun raten Sie mal, wo das ist), da nennt sich ein Rechner an der Universität Freiburg seltsamerweise "dfrruf1", von benutzer-freundlicher Gestaltung kann keine Rede sein.

Zurück zum Ausgangspunkt, also zu "the shoemaker ...". Der Bäcker muß seine Produkte offensiv vermarkten, sonst geht sein Absatz zurück. Der Kommunikationsexperte muß seine eigenen Techniken nicht nutzen, im Gegenteil. Nicht zu kommunizieren bzw. dieses nicht selbst tun zu müssen, ist ein Statussymbol und zeugt von großer Berühmtheit. Der Kommunikationsexperte befindet sich hier in guter Gesellschaft: Kim Basinger wurde bekanntlich in allen halbwegs interessanten Szenen gedoubelt, Shakespeare hat seine Dramen wohl kaum selbst geschrieben - und ich habe das Gefühl, daß Elvis Presley nie echt gesungen bzw. daß Max Schmeling nicht wirklich geboxt hat.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton