Alois Potton hat das Wort [Nr. : 11, 06/1993 ]


 

Fluch der Technik

 

Als Verkaufsargument für technologische Neuerungen dient häufig der Hinweis auf gesteigerte Annehmlichkeit bzw. auf höhere Lebensqualität. Und in der Tat gibt bzw. gab es ja auch Beispiele dafür, wo derartige Effekte eingetreten sind. Nehmen Sie als Beispiele etwa die Waschmaschine oder meinetwegen einen Flaschenzug. In letzter Zeit werden solche positiven Wirkungen allerdings zunehmend seltener - in nicht wenigen Fällen scheint eher eine Verschlechterung für den Kunden angestrebt worden zu sein. Benutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln und von den dort installierten modernen Fahrscheinautomaten können ein Lied davon singen.

Eine ähnliche Verschlechterung durch erhöhten unsinnigen Aufwand beginnt sich jetzt auch im Bereich der Kommunikationstechnik durchzusetzen. Dort gibt es ja genau besehen im Verlauf der letzten zehn Jahre nur eine einzige Neuerung mit durchschlagendem Erfolg: den oder das Fax. Dieses Gerät kennt inzwischen wirklich jedes Kind, und jeder - tatsächlich jeder ohne Ausnahme - kann es bedienen. Genauso wie jeder Mensch bzw. sogar jedes zum Bereich der Primaten gehörenden Lebewesen telefonieren oder mit einem einfachen Radio (mit Ein-Aus-Schalter, Lautstärkeregler und festeingestelltem Sender) umgehen kann. Infolgedessen war dieser bzw. dieses Fax eine echte Hilfe - nicht zuletzt für den Vorgesetzten, der beliebig hingewutzelte Schriftstücke mit handschriftlichen Randbemerkungen versehen und dem Untergebenen mit der Bitte übergeben konnte, es doch an einen oder meinetwegen auch an mehrere Kommunikationspartner zu versenden. Die Empfänger wiederum machten sich dann über die empfangenen Dokumente her, zerwutzelten sie noch stärker und ließen sie in dieser Form wieder zurücksenden. Dieser an Einfachheit nicht mehr zu überbietende Vorgang wurde solange fortgesetzt, bis entweder ein sinnvolles abschließendes Ergebnis erzielt war (sehr selten!) oder bis einer der Partner die Lust verlor (erheblich häufiger) oder aber bis die iterierten Faxe gänzlich unlesbar wurden (das war der mit Abstand häufigste Fall).

Das lief alles sehr gut, man kannte es nicht mehr anders. Nur: weil all das so gut funktionierte, kam irgendein Sadist auf die Idee, die Abläufe zu verkomplizieren und dadurch die Freude am Faxen gründlich zu vermiesen: Er erfand den sogenannten PC-Fax! Die besondere Gemeinheit dabei war, daß zunächst gegen die Neuerung nichts einzuwenden war, versprach sie doch eine deutlich bessere Übertragungsqualität und erheblich geringeren Aufwand.

Aber von wegen: Die Bedienung des mysteriösen Werkzeugs erforderte eine Vielzahl ebenso umständlicher wie unsinniger und zeitraubender Operationen, von denen ich einmal zur Abschreckung einige wenige (das Versenden eines Dokuments betreffende) stark verkürzt aus dem mehrere hundert Seiten starken Handbuch zitieren möchte:

  • Unter auf "NetFaxPrint" umstellen.

  • Aus dem Anwendungsprogramm heraus "Drucken" anwählen.

  • Zielanschlüsse auswählen und in die Liste der Zielgeräte hinüberziehen. Ggfls. neue Nummern durch "New Individual" eingeben.

  • Mit "Send" versenden, mit "Preview" vor dem Versenden ansehen.

  • Das Programm "Fax-Manager" informiert über den Status der eigenen Fax-Warteschlange. In "Activity-Log" werden auch eventuelle Fehler beim Versenden angezeigt (Kommentar eines leidvoll Betroffenen: das Wort "eventuell" war eine arge Untertreibung).

  • Schließlich Drucker wieder unter <Auswahl> umstellen.

 

Soviel zum Senden von Dokumenten, das Empfangen und insbesondere das Ansehen oder der Ausdruck einer Hard-Copy war genauso umständlich, d.h. für den Fall, daß überhaupt einmal ein Dokument empfangen wurde. Wie der Zufall es wollte, erhielten wir nämlich nach Inbetriebnahme des PC- Faxes wochenlang so gut wie keine Faxe mehr. Unsere Kommunikations- partner wollten uns wohl schonen. Nachdem wir das Teufelsding entnervt außer Betrieb gestellt hatten, kamen Faxe wieder so häufig wie früher. Aber woher unsere Partner diese übersinnliche Wahrnehmung wohl hatten? Ein Fall für Rainer Holbe und seine "ungelösten Geheimnisse"!

Die angepriesene Neuerung verursachte also ein entsetzliches Hantieren. Böse Zungen behaupteten, es handle sich um eine besonders gemeine Form von Intelligenz- bzw. Antiverkalkungstest. "Wir wollen doch einmal sehen, ob der alte Esel mit diesem Ding noch umgehen kann bzw. wie lange es wohl dauert, bis er es ansatzweise begriffen hat". Zwei zusätzliche Gemeinheiten machten die Lage für den genannten alten Esel noch hoffnungsloser:

  • Er konnte den Zwang zum Umgang mit dem Teufelsgerät nicht entrüstet von sich weisen, wollte er kein zusätzliches Argument für völlige Vergreisung liefern.

  • Die Erstellung, Korrektur und Versendung (das ist im übrigen eines der sehr seltenen Worte der deutschen Sprache mit zwei unterschiedlichen Bedeutungen "Ver-Sendung" bzw. "Vers-Endung") konnte nicht mehr an einen Untergebenen abgedrückt werden, sondern mußte von A bis Z durch den alten Esel selbst erledigt werden.



Konsequenz dieser und anderer sogenannter Neuerungen ist also eine zusätzliche Belastung der sogenannten Chefs und gleichzeitig eine Entlastung der diesen formal unterstehenden Sekretäre, Techniker usw. Noch vor gar nicht allzulanger Zeit wäre es keinem Chef und keinem Sachbearbeiter auch nur im Traum eingefallen, eine Tastatur zu bedienen oder einen Brief selbst zu schreiben. Inzwischen hat aber selbst der Vorstandsvorsitzende das Vier- Finger-Adler-Suchsystem intus, und auch der Weg von und zur zentralen Poststelle ist ihm wohlbekannt.

Und woher ist all das gekommen? Einzig und allein von diesen scheinbar positiven Neuerungen, die einerseits überragend viel zusätzliche Qualität versprechen (und vielleicht auch in Einzelfällen wirklich liefern), die aber andererseits die Arbeitsvorgänge und vor allem -belastungen in geradezu dramatischer Weise ändern. Folge davon ist der unvermeidliche Wegfall von sehr vielen Berufsgruppen, die entbehrlich werden, weil der Anwender immer mehr Tätigkeiten selbst ausführen muß. Das multifunktionale Endgerät erfordert den multifunktionalen Bediener - und da wird der obengenannte alte Esel gegen alle biologischen Erkenntnisse sehr schnell zur armen Sau.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton