Alois Potton hat das Wort [Nr. : 12, 09/1993 ]


 

"Some Issues of ..."

 

Lexika sind heutzutage viel zu unpräzise, der eigentliche Wortsinn wird nur selten getroffen. Ein Musterbeispiel dafür ist das Wort "Issue". Hier findet man als deutsche Entsprechung z.B. "Ausgabe", "Exemplar", "Streitfrage", "Erlaß" oder zehn weitere Angebote. Alles schön und gut, aber lasch und wenig zutreffend. Viel passender fände ich die Version "ebenso sinn- wie halt- und belangloses Gesabbel". Besonders dann, wenn der Kontext lautet "some issues of ...". So beginnen nämlich mit Vorliebe die Titel eingeladener Beiträge auf internationalen Konferenzen, und ihr Inhalt entspricht leider nur allzuoft der genannten Umschreibung.

Näher betrachtet ist es aber einleuchtend und fast entschuldbar, daß "some issues of .."-Beiträge so inhaltsleer sind bzw. sein müssen. Man betrachte dazu folgende Vorgeschichte solcher Referate: Wie aus heiterem Himmel erhält ein sogenannter Experte einen freundlichen Anruf vom Vorsitzenden eines Programmkomitees, ob er denn nicht einen schönen Vortrag auf einer von ihm betreuten Konferenz halten könne, schließlich sei der Experte geradezu prädestiniert dazu - und es folgen zahlreiche lobende Erwähnungen, die dem Angerufenen runter gehen wie Honig. Sei es, daß er noch nicht ganz die Koryphäe ist und die unerwartete Ehre ihn hochgradig begeistert; sei es, daß er tatsächlich Experte ist und Bestätigungen dafür ebenso dringend und regelmäßig braucht wie der Schauspieler den Beifall.

Soweit ist die Sache auch ganz angenehm, aber nach weiteren höflichen Floskeln will der Anrufer ein Thema des Referats wissen ("Titel bzw. Inhalt stellen wir Ihnen selbstverständlich frei, aber es sollte zum Generalthema passen, ...."). Ab jetzt beginnt die Angelegenheit für den Angerufenen heikel zu werden, denn wirklich Neues - was auch noch zum Thema der Konferenz paßt - ist nur in den seltensten Fällen zur Hand.

Die neuen Ideen (so es denn welche gibt) sind entweder noch nicht so weit oder sind Auftragsarbeiten für andere Abnehmer oder passen zum Konferenzthema wie die Faust aufs Auge. Der seriöse Experte müßte jetzt zurückzucken und die Einladung zum Vortrag abzulehnen versuchen. Diese Absicht wird aber so gut wie nie gelingen, denn der Anrufer wird solange betteln bis der über den grünen Klee gelobte Experte schließlich klein beigibt. Die mit dem Vortrag verbundene Reise nach Las Palmas, Kuala Lumpur oder Kyoto ist ja auch nicht zu verachten. Also wird der Angerufene als Arbeitstitel für den Vortrag etwas murmeln wie: "Mein Vortrag könnte heißen und jetzt folgt etwa 'Parallel Processing' oder 'Operating Systems' oder meinetwegen irgendetwas anderes, auf jeden Fall aber "some issues of ...", also 'dieses und jenes', 'spezielle Kapitel', 'egal was auch immer'. Der Anrufer wird sich entzückt zeigen und zur Äußerung versteigen, daß die gesamte internationale Community bereit s heute auf diesen Vortrag hochgradig gespannt sei.

Nach diesem ebenso erfreulichen wie folgenschweren Anruf wird der potentielle Referent die Sache zunächst verdrängen, aber kurz vor der Konferenz unangenehm daran erinnert werden. Ähnlich wie es anderen Leuten nach einer total versumpften Nacht geht: "Wie konnte ich nur...?!". Aber genau wie im Versumpfungsfall ist es auch hier zu spät, die Geschichte muß mit Anstand durchgezogen werden. Die Verpflichtung zur schriftlichen Ausarbeitung kann gegebenfalls noch umgangen werden, notfalls wird via Textsystem irgendetwas aus ollen Kamellen zusammengeschnippelt. Der Vortrag selbst aber muß leider gehalten werden, und nun wird es ernst! Wenn Sie, geneigter Leser, einen Rat von mir annehmen wollen, dann meiden Sie Präsentationen von "Some Issues of..."-Beiträgen! Meiden Sie sie wie die Pest! Diese Referate werden nämlich folgendermaßen ablaufen:

 

Der prominente Vortragende - dem man unglücklicherweise auch noch besonders viel Redezeit eingeräumt hat - wird notgedrungen versuchen, möglichst viele Minuten gefahrlos zu überbrücken. Er tut dies zum Beispiel dadurch, daß der gaaaanz weit ausholt und die Thematik in schöner Allgemeinheit mit allen möglichen anderen Fragestellungen zu verbinden sucht. Ein paar Scherze - zwar mit Bart, aber trotzdem immer wieder gern gehört - und die erste Viertelstunde ist schon überstanden. Außerdem kann man einige Zitate mit hohem Wiedererkennungswert verwenden, etwa: "Nur ein Management, das die echten Kosten kennt und berücksichtigt, ist ein gutes Management!". Das bringt die Zuhörer auf die Seite des Referenten und veranlaßt sie, auch bei kritischeren Passagen auf Nachdenken zu verzichten.

Nach etwa 50% der vorgesehenen Redezeit wird der Referent dann verkünden, er komme jetzt zur Sache - und in der Tat ist das dritte Viertel des Vortrags besonders schwierig, denn hier hat der Redner über Dinge zu berichten, die er nicht selbst gemacht, sondern von Mitarbeitern seiner Arbeitsgruppe geklaut hat. Ist ja auch gar nichts gegen zu sagen, nur hat man die Einzelheiten dem Referenten entweder nicht vermittelt oder er hat sie nicht verstanden oder er hat sie wieder vergessen oder alles zusammen. Jedenfalls quält er sich irgendwie über dieses ominöse dritte Viertel hinweg. Besonders fragwürdige Passagen macht er - wenn er englisch spricht - dadurch unfreiwillig kenntlich, daß er im Anschluß an solche Behauptungen ein unmißverständlich markantes "right!" verkündet, was jeden Zweifel von vornherein in Keim ersticken soll.

Das letzte Viertel des Vortrags ist wieder sehr einfach für den Referenten. Es wird verkündet, leider laufe die Zeit davon, es könne leider nicht mehr alles seiner Bedeutung gemäß gesagt werden. Zum Beleg dieser These beginnt der Referent in einem Stapel von Folien zu wühlen (es dürfen ruhig auch unbeschriebene Folien sein, wenn das keiner merkt!). Der Zeitaufwand für Hin-und-Her-Kramen und das letztendliche Zeigen eines belanglosen Sachverhalts rettet den Vortragenden bis fast ins Ziel. Und alle Beteiligten atmen erleichtert auf, wenn bei Ankündigung gewisser "conclusions" die Zielgerade erreicht ist.

So oder ähnlich laufen die "some issues of..."-Vorträge immer ab. Für alle Beteiligten reinweg zum Verzweifeln. Jeder fragt nach dem "Warum", keiner erhält eine akzeptable Antwort. Eine kölsche Version von "some issues of" wäre "Verzällches"; aber nein: "dat Verzäll" ist ganz ungleich viel interessanter!


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton