Alois Potton hat das Wort [Nr. : 13, 12/1993 ]


 

Konzeptlose Konzepte

 

Die Welt der Informatik ist übervoll mit Konzepten. Nehmen Sie nur einmal den Datenbankbereich: Kein Monat, nicht einmal eine Woche vergeht ohne ein neues Datenbankkonzept oder meinetwegen ein neues Datenbankschema. Würde auch nur jedes tausendste neue Konzept realisiert, die Welt könnte sich nicht mehr retten vor Datenbanken - mit allen nur denkbaren Inkompatibilitäten. Es ist also direkt ein Segen, daß die praktische Umsetzung eines neuen Konzepts weniger wahrscheinlich ist als ein Hauptgewinn im Lotto beim Ausfüllen des ersten Lottoscheins.

Die fehlende Bereitschaft zur Verwirklichung neuer Konzepte hat eine ganze Reihe von Ursachen. Die Mehrzahl davon läßt sich aus der Psyche des Konzepterfinders herleiten. Betrachten wir einige davon:

Bequemlichkeit:

Das ist der einfachste und häufig auch der wichtigste Grund. Auf glatter Strecke kommt man nun einmal besser voran als in schwierigem Geläuf, außerdem macht man sich dabei weniger schmutzig. Soll heißen: Das Erfinden eines neuen Konzepts ist angenehmer als das harte Brot des Umsetzung einer bereits weiter ausgearbeiteten Idee.

Eitelkeit:

Ein neues Konzept läßt sich - zumal im wissenschaftlichen Umfeld - viel besser verkaufen als die Realisierung eines bekannten Schemas, mit der so gut wie keine Meriten zu verdienen sind, ganz abgesehen vom Aufwand und vom Risiko des Scheiterns.

Angst:

Die meisten Konzepterfinder ahnen oder wissen, daß sie bei der Erstellung ihres vorigen Konzepts einige wichtige Parameter vergessen oder absichtlich unterschlagen haben, weil sich vielleicht nur auf diese Weise eine komplexitätstheoretische Optimalitätsaussage nachweisen ließ. Der Erfinder vermutet, daß sich bei angemessener Berücksichtigung dieser Parameter entweder gar keine oder aber eine völlig andersgeartete (ggfls. sogar konträre) Eigenschaft herausgestellt hätte. Das würde sich bei Realisierung des Konzepts in durchaus unerwünschter Weise zeigen - und es gäbe keine Möglichkeit, dies zu verbergen; denn wie soll man zum Beispiel die Auswirkungen einer vernachlässigten Signallaufzeit oder die Annahme von zufälligen und stark streuenden Abständen zwischen fahrenden Autos auf hochbelasteten Autobahnen kaschieren? Da ist es nachgerade besser, stattdessen eine neue Idee zu entwickeln, welche einige der bisher nicht einbezogenen Parameter ein bißchen beim Namen nennt - und im Gege dafür ein paar andere Parameter noch ungenauer als bisher modelliert.

 

Scham:

Dieses Motiv hängt mit dem vorigen eng zusammen: Viele Konzepte sind genau besehen aus einer Art Spieltrieb entstanden. Sie eignen sich daher höchstens für sogenannte Spielsysteme, also etwa für "Datenbanken" mit weniger als zehn Einträgen. Sie würden sogar dafür bereits kaum realisierbar sein, obwohl sie "natürlich" in anderer Hinsicht geradezu phantastische Eigenschaften haben sollten (zumindest nach der in der Praxis leider nicht überprüfbaren Aussage des Konzept-'Erzeugers').

Einzelkämpfertum:

In vielen Fällen fehlt dem Konzept jeglicher Bezug zur realen Welt, zu irgendeiner Art von Anwendung. Wegen vielerlei Schwierigkeiten hat der Konzepterfinder die Mühen des interdisziplinären Arbeitens von vornherein nicht auf sich genommen. Stattdessen wurde er freiwillig zum Einzelkämpfer - und er braucht sich daher nicht zu wundern, wenn seine fachidiotischen Vorstellungen nicht zur Kenntnis genommen werden. Allerdings: Viele Einzelkämpfer sind bereits derart weltfremd, daß sie sich über fehlende Akzeptanz wundern; das sollte nun doch nachdenklich stimmen!

Soweit zu den leicht nachvollziehbaren Motiven für die Unwilligkeit zur Umsetzung theoretischer Konzepte in die Praxis. Ursache dafür oder meinetwegen auch Konsequenz daraus ist eine Verhaltensform vieler Informatiker, die "top-down-artig" genannt werden kann: Man erklärt alles Bestehende, selbstverständlich inklusive der eigenen bisherigen Ansätze, als unzureichend und definiert eine neue Architektur oder ein neues generisches Paradigma (vielleicht kann mir mal einer erklären, was diese vornehmen Worte bedeuten außer daß sie eben Vornehmheit vorgaukeln sollen - oder wenigstens, ob man das Wort 'Paradigma' besser auf der ersten, zweiten oder dritten Silbe betont; ich ziehe mal aus Protest die Betonung auf der letzten Silbe vor, also: Paradigmá). Die Beiträge solcher Informatiker auf Tagungen, Seminaren etc. haben eine fatale Ähnlichkeit mit fehlerhaft aufgebauten arithmetischen Ausdrücken: Fünfmal nacheinander "Klammer auf" und höchstens eine einzige "Klammer zu". Die Situation des Zu hörers bei solchen Referaten ist mit der eines Compilers vergleichbar, der sich mit solchen arithmetischen Ausdrücken konfrontiert sieht: Er steigt hilflos aus mit "syntax error" bzw. - in den Klartext des Zuhörers übersetzt - mit "irrelevanter abstrakter Unsinn".

Wo bleibt eigentlich - rekursiv gesprochen - das Konzept zur erfolgreichen Umsetzung eines Konzepts? Frei nach Wilhelm Busch: "Konzepterstellung fällt nicht schwer, es umzusetzen aber sehr". Vielleicht liegt der Grund dafür einfach darin, daß ein Kon-Zept noch lange kein Re-Zept ist.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton