Alois Potton hat das Wort [Nr. : 14, 03/1994 ]


 

Mögen Manager Messen?

 

"Was denn, Sie waren nicht auf der ... Systems, CeBIT, Online,..."? (oder wie diese Computerfachmessen alle heißen mögen). Diese Frage stellt Ihnen Ihr werter Kollege mit einem Blick, der etwa zu gleichen Teilen Verblüffung, Unverständnis, Mißachtung und Mitleid verrät. Anscheinend fürchtet oder (vielleicht eher!) hofft er, daß Sie mit der rasanten Entwicklung nicht mehr Schritt halten können, daß Sie ihre Midlifecrisis nehmen und in die innere Emigration abmarschieren, daß es mit Ihrer Karriere jetzt unweigerlich den Bach runter gehen wird.

Besser also, Sie lassen es zu so einer Frage überhaupt nicht kommen und huldigen fleißig dem Messebesuchstrieb. Damit können Sie übrigens jederzeit und unmittelbar beginnen, denn Messen gibt es wie Sand am Meer. In Abwandlung eines berühmten Spruchs von Sepp Herberger ("nach dem Spiel ist vor dem Spiel") kann man sagen: "nach der Messe ist vor der Messe", was im Klartext heißt, daß für den aktiv an einer Messe teilnehmenden Verkäufer kaum Zeit zum Abbauen bleibt, will er fristgerecht bei der nächten Messe am anderen Ort wieder pünktlich alles aufgebaut haben. Das ist dem Schaustellergeschäft nicht eben unähnlich - wie überhaupt die Gemeinsamkeiten zwischen Kirmes und Messe unübersehbar sind.

Die Anreise

Auch wenn Sie nicht zum Messerundreisenden werden wollen, vielleicht weil Sie zwischendurch auch einmal etwas Sinnvolles tun möchten, dann müssen Sie sich wenigstens die drei oder vier wichtigsten, d.h. besucherstärksten Messen pro Jahr antun. Der Nachteil dabei ist, daß überaus viele Gleichgesinnte das genauso sehen, weshalb die Anreise per PKW eine rechte Quälerei ist. Vorzuziehen ist dann schon der Messesonderzug. Selbiger ist fast immer aus eigentlich bereits längst ausrangierten Erste-Klasse-Wagen zusammengesetzt, die eine geheimnisvolle, wenngleich übertrieben modrige, Plüschatmosphäre verbreiten - etwa wie der Orientexpreß. So gesehen dient die Anreise schon zur Einstimmung auf leicht balkanartige Verhältnisse, schließlich liegt ja Hannover für viele von uns diverse Kilometer östlich - und daran hat auch die deutsche Wiedervereinigung wenig oder nichts geändert.

Die Planung des Messetags

Günstig für die gezielte Gestaltung eines Messetages ist eine möglichst exakte und lückenlose Planung per Terminkalender, also etwa: von 10 Uhr bis 10.30 Uhr am Stand der Firma XY; danach beim Konkurrenten, nämlich der Firma AB; gefolgt von einer Podiumsdiskussion über Ichweißnichtwas usw. Allerdings kann diese Vorgehensweise bei aller Perfektion leicht in Streß ausarten. Immerhin ist als Vorteil zu werten, daß ein pedantisch geführter Terminkalender bei Ihrem Chef heftig Eindruck schinden wird. Ganz skrupellosen Typen gelingt sogar die Kombination von Eindruckschinden und Streßfreiheit durch perfekte Simulation eines keineswegs stattgefunden habenden Besuchsprogramms. Besucher von Tagungen, die Ihre wirkliche Anwesenheit auf der Veranstaltung durch einen ausführlichen Bericht zu rechtfertigen haben, können zum Beispiel den Tagungsband zu Hilfe nehmen und den geforderten Bericht (incl. einer detaillierten Bewertung der Vortragsgüte) in ca. zwei Stunden unter Verwendung der Manuskriptk urzfassungen problemlos zusammenstellen. Ich habe das selbst früher manchmal so gemacht, aber diese Strategie ist nicht ganz ungefährlich, weil vielleicht Bekannte wirklich anwesend waren und ggfls. unangenehme Nachfragen kommen könnten ("ich habe verzweifelt versucht, Sie zu finden und habe Sie sogar ausrufen lassen, aber ohne Erfolg..."). In solchen Fällen ist dann die wirklich hohe Schule der Ausreden gefragt und deshalb sollte man den Anteil der simulierten Anwesenheitszeiten (während derer Sie in Wahrheit am Swimmingpool lagen oder wo Sie vielleicht bei Ihrer Freundin in Celle statt in Hannover waren) doch ein wenig begrenzen.

 

Psychologische Studien

Mein Vorschlag - für mindestens einen, wenn nicht für alle Messebesuche - ist, sich einfach völlig "relaxed" durch die Messehallen treiben zu lassen und die Merkwürdigkeiten des zum Teil lächerlich aufgeregt oder aber gezwungen ernsthaft wirkenden Messegetümmels quasi als Außenstehender zu beobachten. Diese Taktik erlaubt es zum Beispiel, die Typologie der Verkäufer zu studieren, d.h. sofern es da überhaupt unterschiedliche Typen gibt. Allesamt sehen sie aus wie aus einem Musterkoffer für Plastikwaren entsprungen. Jeder ist gegen jeden anderen austauschbar; Krawatte, Anzug, perfekter Haarscheitel, einfach ekelhaft. Häufig wechseln sie ihren Arbeitgeber (ähnlich wie Schiffschaukelbremser auf Jahrmärkten) und preisen wundersamerweise die Produkte eines Herstellers als nonplusultra an, den sie noch im Vorjahr eher offen als versteckt niedergemacht hatten. Hochinteressant ist die Beobachtung des Verhaltens von professionellen Moderatoren (zum Beispiel von ausrangierten SAT1-Nachrichtenspr echern, die sich auf diese Weise ein Zubrot verdienen), die während des gesamten Tages alle dreißig Minuten dieselbe perfekte Show abziehen. Das heißt: natürlich nicht sie allein über die vollen dreißig Minuten hinweg, sondern meinetwegen jeweils fünfzehn Minuten lang in absolut lippensynchroner Form (bzgl. der vorigen halben Stunde) gefolgt vielleicht von einem kurzen Videofilm oder von einer Produktdemonstration durch zauberhafte Mannequins und zum Schluß vielleicht von einer kleinen Verlosung einer Diskette oder eines Merkhefts oder von was auch immer. Dabei sollte man den Moderator unauffällig zu denjenigen Zeiten beobachten, wo er eigentlich nicht dran ist, also etwa während des Abspulens des Videofilmchens. Wenn der Moderator sich nämlich unbeobachtet fühlt, sackt er wie ein Häuflein Elend in sich zusammen, denn einen derartigen Streß und die stets gleich stupide Wiederholung hält kein Mensch aus - erst recht nicht an den letzten Messetagen, wenn die Gesamtzahl der Aufführungen sich verdächtig nahe an dreistellige Zahlen heranpirscht.

Sammler und Jäger

Unvermeidbar für den Messebesucher ist das Sammeln eines enormen Papierwusts, den er mit sich herumzuschleppen hat ("the office of the future will not be paperless"). Das liegt zum Beispiel daran, daß Sie zusammen mit dem schönen Kugelschreiber, auf den Sie reflektierten, quasi als Strafe eine Menge von Werbematerial unterschiedlichster Art mitnehmen müssen. Ganz ausgekochte Profis lassen kiloschwere Tüten an Prospektmaterial - natürlich mit Ausnahme der seltenen wertvolleren Souvenirs - auch schon mal einfach irgendwo stehen und beginnen den Sammelvorgang neu; das schont die Armmuskeln. Aber auch wenn Sie als Sammler und Jäger alles brav nach Hause schleppen: Am nächsten Tag werden Sie sowieso fast alles wegwerfen, denn für Messeprospekte gilt: "je hochglänzender, desto schrotter" - und man wird Ihnen so gut wie ausschließlich die Hochglanzversionen andrehen.

Die Heimreise ist dann wieder genauso stressig wie die Anfahrt, es sei denn, Sie haben den Messezug gewählt, aber in diesem Fall kann die Erinnerung an den Merkwürdigkeiten der vergangenen Stunden zu bedenklich überhöhtem Alkoholkonsum führen.

Na ja: ein Messebesuch ist halt immer noch eine Besonderheit, eine rechte Hetz, wie man in Bayern zu sagen pflegt. Sein Ablauf läßt sich in Form einer M-Geschichte zusammenfassen, die jeder Kundige nachvollziehen kann:

Mögen Manager Messen?

Möglicherweise! Meistbeobachtete Methode: Man macht mutig mit. Morgens: Munter mit-tigern. Myriaden Menschen möchten Motorweg mitbenutzen. Mehrzeit mithin mindestens manche Minute, meist massenhaft mehr. Messepräsentationen meist Murks. Mildtätiges Mithören, Mitleid mimen. Männererregende Messe-Miezen murmeln Merkwürdiges mit munterer Miene. Mehrere männliche Moderatoren malochen mental marode. Managers Meinung: Mehr Mist mit Mühe machbar. Murrend meterweise miese Mappen mitnehmen. Mittags: MacDonalds Mehlbrötchen mampfen. Mittlerweile: Mächtig müder Manager. Mit Motorwagen miesgelaunt Mutterbasis machen. Millionen Mitfahrer, mithin Matratze meist Mitternacht. Morgen: Material misten (mindestens Makulaturpapier, meist mehr). Merke: Messe macht müde. Managers Meinung: Mehr Messen mit mir? Mitnichten! Mythos 'Messe' meist Murks! Messeverzicht mindestens mal mehrere Monate. Mahlzeit!


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton