Alois Potton hat das Wort [Nr. : 15, 06/1994 ]


 

15 = 1111

 

Dies ist bereits die laufende Nummer 15 von "Alois Potton hat das Wort". Eigentlich ja keine besonders "runde" Zahl im Dezimalsystem, aber im Binärsystem doch irgendwie regelmäßig (15 = 1111). Jüngere Informatiker werden das als zu technologiebezogen oder als allzu hardwarenah gar nicht mehr verstehen, denn sie orientieren sich nur noch an Objekten, sie programmieren nur noch funktionallogisch; nach ihrem Diplom werden sie dann gleichsam zur Strafe jahrzehntelang lang als COBOL-Künstler agieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Aus Anlaß der 1111-ten Ausgabe jedenfalls erlaubt sich der Autor dieser Kolumne einen kleinen Rückblick; wer weiß, ob es die 11111-te Folge noch geben wird? Was waren Ursache und Wirkung der Kolumne, in welcher Weise hat sich ihre Konzeption im Laufe der vergangenen vier Jahre geändert?

Entstanden ist "Alois Potton" aus einer puren Bierlaune heraus - und nur dem unkonventionellen Mut von Hans Meuer war es zu verdanken, daß die Kolumne überhaupt in einer ansonsten seriösen (und daher auch einigermaßen langweiligen) Fachzeitschrift wie PIK erscheinen durfte. In der anfänglichen Euphorie glaubte der Autor, genug Material für wöchentliches Erscheinen zu haben - und die Dreimonatsintervalle zwischen zwei Ausgaben waren ihm deutlich zu lang. Dieser Begeisterungsphase folgte aber sehr schnell die Ernüchterung: Schon die zweite Folge mußte aus mehreren Teilen zusammengeschnipselt werden (und wird vom Autor selbst nicht besonders hoch eingeschätzt). In der Folgezeit wurden dann die Anrufe von Herrn Kruse aus der PIK-Redaktion mehr und mehr gefürchtet, mahnten sie doch unerbittlich die nächste Ausgabe an. Allerdings, zu gewissen Zeiten und aus unerfindlichen Gründen gab es Momente, wo gleich mehrere Folgen der Kolumne sozusagen im Nullkommanix aus der Feder (bzw. aus der Tasta tur des Textsystems) flossen und dann fast ein Jahr lang auf Erscheinen warten mußten. Im allgemeinen ist das Einhalten der Redaktionsfristen aber meist eine harte Echtzeitanforderung, obwohl es bisher immer gelungen ist.

Was war das Ziel von "Alois Potton" und was hat sich daran aus subjektiver Sicht im Laufe der Zeit geändert? Gedacht war zunächst an ein lockeres Kommentieren von Begleiterscheinungen technischer Systeme. Es sollte auch auf Sonderbares und auf scheinbare oder anscheinende Fehlentwicklungen Bezug genommen werden. Sehr schnell zeigte sich dabei, daß Kritik leichter darzustellen und zu verkaufen ist als die eher langweilige Bestätigung von positiven Sachverhalten, so ist das nun einmal - und so wird es auch an anderer Stelle von Alois Potton heftig beklagt (und dann verwendet er es selbst als Stilmittel für seine Kolumne, na sieh' mal einer an!). Damit ergab sich ein dynamischer Prozeß, der diverse Kollegen und auch manche Berufsgruppen (wie etwa die Unternehmensberater) gnadenlos auf die Schippe nahm. Untertrieben wurde bzw. wird jedenfalls nie, eher kann vom deutlichen Gegenteil ausgegangen werden.

Einigermaßen enttäuschend war und ist die geringe Resonanz auf die Kolumne. Zwar gibt es manchmal Gespräche des Autors mit Kollegen, die wissen, wer sich hinter dem Anagramm Alois Potton verbirgt, und aus denen zu entnehmen ist, daß die Kolumne tatsächlich gelesen wird (vielleicht mehr als die meisten Fachbeiträge in PIK), vermutlich weil sie vom Umfang her überschaubar kurz ist. Das spricht sehr für eine Ausdehnung der Rubrik "Kommunikation aktuell", aber gerade dafür ist das Einwerben guter Beiträge erfahrungsgemäß am schwersten.

 

Das Fehlen eines rege genutzten Diskussionsforums in PIK ist sehr bedauerlich. Alle halten sie still, obwohl sie doch eigentlich laut aufheulen müßten: die Fuzzyfreaks, die "Some-Issues-of"-Vortragenden, die Berater und und und... Besonders die Berater müßten sich doch getroffen fühlen, aber wahrscheinlich lesen die überhaupt nichts mehr (was keine so unberechtigte Vermutung sein dürfte, wenn man sich das Niveau einiger ihrer Auskünfte so ansieht!); außerdem würden sie ja für die Formulierung einer Gegenposition auch kein Honorar erhalten. Keine Regel aber ohne Ausnahme: Nach der Attacke gegen lobhudelnde Buchbesprechungen gab es erfreulicherweise gleich zwei protestierende Stellungnahmen in PIK. Auch ist die Anzahl der Besprechungen geringer und im Tenor kritischer geworden; wenn nicht alles täuscht, enthält sogar die vorliegende PIK-Ausgabe einige süffisante Bemerkungen zu einem von Alois Potton selbst mitverantworteten Machwerk. Ansonsten: eine zustimmende Erwähnung der paradoxen E mail-Abstinenz ausgerechnet des KuVS-Leitungsgremiums ("the shoemaker is always with the bad shoes"), das war's auch schon. Es ist sehr zu hoffen, daß hieraus kein Indiz für das allgemeine Interesse des PIK-Lesers an seiner Zeitschrift abgelesen werden kann.

Angenommen, die Kolumne sei weiterhin erträglich und/oder sogar von einigen Lesern gewünscht: In welche Richtung sollte sie sich dann entwickeln? Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage - und auch dafür wäre ein Diskussionsforum außerordentlich nützlich, schließlich soll nicht am "Markt" vorbeiproduziert werden. Ob ein spezieller Beitrag mehr oder weniger gut ankommt, ist vom Autor selbst kaum festzustellen, das muß an einer Art Betriebsblindheit liegen. Ich habe einige Mitarbeiter ein Ranking der bisherigen Folgen durchführen lassen (was ja noch nichts darüber aussagt, ob man die gesamte Kolumne als passabel gestaltet bezeichnen würde). Diese Bewertung ergab zum Beispiel, daß die Folge "Theorie und Praxis" so gut wie immer Spitzenreiter war, während etwa "Großrechner und die Zipfsche Regel" weit hinten landete; der Autor hatte das eher umgekehrt gesehen. Eine andere Erfahrung war, daß es deutlich schwieriger ist, die vergleichsweise kurzen Alois-Potton-Beiträge zusammenzustel len als viel längere technische Sabbertexte. Wer's nicht glaubt, der möge es einmal selbst versuchen.

So hat sich "Alois Potton" also irgendwie dynamisch entwickelt, und es gibt auch noch einige Themen, die Gegenstand künftiger Beiträge sein könnten. Wenn's gar nicht mehr geht oder wenn die Leserschaft die Kolumne nur noch als Zumutung auffassen sollte, dann hören wir halt auf, aber vielleicht sind wir noch nicht so weit.

Am beeindruckendsten für den Autor jedenfalls war ein Erlebnis, das nur indirekt mit der PIK-Kolumne zusammenhängt, wohl aber mit dem Namen "Alois Potton" an und für sich. Anläßlich eines Jugendfußballturniers in Bad Kreuznach sah ich urplötzlich Trikots mit dem Aufdruck FC Potton, schnappte mir einen Spieler dieser Mannschaft und erfuhr, daß es tatsächlich einen Ort dieses Namens in England gibt. Und zwar, man höre und staune: fast genau auf der Luftlinienverbindung zwischen Cambridge und Oxford (!!!), ca. 30 Kilometer südwestlich von Cambridge. Mindestens zwei regelmäßige Leser der Kolumne haben sich ebenfalls Anagramme zugelegt: "Ahn Eremus" und "Rolf Windenberg", aber in beiden Fällen ohne Bezug zu den ehrfurchtgebietenden Orten Cambridge bzw. Oxford. Das ist doch schon was.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton