Alois Potton hat das Wort [Nr. : 16, 09/1994 ]


 

Referenzmodelle

 

Die meisten werden den ekelhaften Kerl kennen, die Ausgeburt von bürokratischen Gremienhirnen: den ATM-Würfel. Hier ist er - für die- oder denjenigen, die/der ihn wirklich noch nicht gesichtet haben sollte:





Man hat sich an derlei schwachsinnige "Referenz"-Modelle (der ATM-Würfel ist ja kein Einzelkind, was nichtssagenden Inhalt angeht) schon so sehr gewöhnt, daß man sie bereits für normal und naturbedingt hält. Ebenso wie man geneigt ist, Schokoladetafeln für notwendigerweise rechteckig und Würste für länglich zylinderförmig anzusehen.

Aber betrachten wir das ATM-"Kunstwerk" doch einmal etwas genauer. Warum steht der Würfel immer so da wie gezeigt? Warum springt uns bevorzugt seine rechte Vorderkante ins Auge? Da verhält es sich wohl ähnlich wie mit eitlen Politikern oder Filmstars, die sich nur von ihrer Schokoladenseite ablichten lassen. Altbundeskanzler Helmut Schmidt war so einer, der alle Fotos verbot, die nicht den gepflegten Scheitel seines Haupthaars in den Vordergrund stellten - oder war es gerade die umgekehrte Seite? Habe ich vergessen, aber Helmut Schmidts Zeit ist auch auch schon lange passé - und wenn der ATM-Würfel sich weiterhin so blöd zeigt wie bisher, dann wird auch er bald eingemottet werden.

Warum eigentlich mag er uns seine Rückseite ums Verrecken nicht zeigen? Sehr merkwürdig, als ob es dort etwas zu verbergen gebe! Es ist zwar stark zu vermuten, daß er von hinten so uninteressant wäre wie von vorn. Die Rückseite des Mondes war ebenfalls lange Zeit unbekannt und hat sich dann als genauso öde wie die Vorderseite herausgestellt - es fehlte sogar noch das Mondgesicht. Aber wissen täte ich es (beim ATM-Würfel) denn doch gern, wie seine andere Seite wohl ausschaut. Ich kann es nämlich einfach nicht ausstehen, wenn mir offensichtlich etwas verheimlicht wird - und ich beginne dann, Verdacht zu schöpfen. Ist er vielleicht "hinten links unten" hohl und braucht eine Stütze, um nicht umzukippen? Ist seine rückwärtige Front zweifach durchgespalten wie Teile seiner Vorderseite? Oder hat er dort gar mehr als zwei Spalten? Ausgeschlossen wäre das jedenfalls nicht.

Außerdem: wie ist das mit den Strichelungen im Managementbereich des Würfels, worin unterscheiden sich diese unterbrochenen von den durchgezogenen Linien? Soll damit angedeutet werden, daß der Managementbereich ein mysteriöses und eher unbekanntes Wesen ist? Das könnte ich nachvollziehen, aber niemand spricht es klar aus. Oder bedeutet eine durchgezogene Linie, daß es keine Brücke zwischen links und rechts gibt, daß aber umgekehrt gestrichelte Linien mit hinreichendem Aufwand überwindbar sind? Für die Richtigkeit einer solchen Vermutung spricht, daß unterschiedliche ATM Adaptation Layer in der Tat für deutlich voneinander differierende Anwendungen gemacht sind und deshalb wohl nichts miteinander zu tun haben (wollen). Aber halt: dann käme man ja nicht "von unten nach oben", weil die waagerechten Linien doch durchgezogen sind! Wenn Sie mir jetzt mit der Bemerkung kommen, daß man zum Aufwärtssteigen das vertikal nicht unterbrochene Layer Management bzw. das Plane Management nutzen könne , dann muß ich entgegnen, daß wegen des durchgezogenen Strichs kein Weg von der Vorderseite zu den Managementscheiben führt. Es wäre natürlich denkbar, daß man über die uns nicht gezeigte linke Seitenfront oder gar über das Innere des Würfels ...(?). Da bleibt Raum für abenteuerliche Vermutungen.

 

Je länger man über den Würfel nachdenkt, desto rätselhafter wird er. Und es steigt die Hochachtung vor den gerissenen Kerlen, die dieses Kunstwerk vollbracht haben. Sie zeigen uns einige wenige Dinge und lassen gleichzeitig beliebig viel Raum zur Spekulation und zur Verwirrung. Wenn es um eine praktische Realisierung geht (aber warum sollte man einen derart blödsinnigen Würfel überhaupt realisieren wollen?), dann bleiben die verschiedensten Möglichkeiten offen - und die sind alle ebenso richtig wie falsch, weil die Vorgabe beliebig viele Freiheitsgrade hat.

Der ATM-Würfel steht übrigens keineswegs allein mit seiner Plattheit (interessant: kann es ein völlig plattes dreidimensionales Gebilde überhaupt geben?). Er teilt sein Schicksal mit den meisten sogenannten Referenzmodellen. Diese sind bekanntlich recht angenehm: Man kann sich auf sie beziehen, und durch hinreichende Verdrehung wird auch der Nachweis gelingen, daß der eigene Ansatz konform zu einem gegebenen (wie auch zu jedem anderen betrachteten) Modell ist. Man muß sich aber nicht darüber auslassen, was denn den eigenen Ansatz auszeichnet. Und daß zwei referenzkonforme Ansätze so gut wie nie zusammenpassen werden (auf neudeutsch heißt das "interoperieren"), braucht uns wegen der Unverbindlichkeit der Referenzmodelle nicht zu wundern. Das erwartet der Kenner auch gar nicht.

Noch etwas zum Thema "aussagelose Abbildungen": Geradezu fürchterlich hat diese Unsitte um sich gegriffen. Ein Beispiel:



Nun mal ehrlich: diese Grafik, nennen wir sie den "Drei-Uhr-mittags-Baum", sieht zwar zunächst irgendwie geschäftsmäßig aus, aber beim zweiten Hinsehen? Reißt Sie sowas vom Hocker? Die Autoren scheinen es jedenfalls zu glauben (oder wollen die uns veräppeln?). Am interessantesten an der Skizze ist die Beobachtung, daß Multimedia-Uhren offensichtlich immer auf "drei Uhr mittags" eingestellt sind. Das ist anscheinend ein Naturgesetz. Ganz im Gegensatz zu den Zeitgebern im Fenster des Uhrengeschäfts, die entweder auf "zehn vor zwei" oder aber auf "zehn nach zehn" stehen müssen, was übrigens bzgl. der Winkelstellung der Zeiger kaum Unterschied macht; es soll halt positive Denkhaltung zeigen. Aber die Multimediafreaks denken offenbar nicht positiv, denn ihre Synchronisationsuhren stehen immer auf drei Uhr mittags. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel, das in seiner Unergründlichkeit allenfalls noch mit der Anordnung der Steine in Stonehenge vergleichbar ist.

An weiteren bestußten Kommunikationszeichnungen herrscht kein Mangel. Ich verzichte aus Platzgründen auf weitere Bilder, aber Sie werden solche leicht finden. Drei Beispiele von vielen: Da zeichnet jemand zwei Ovale, verbindet sie mit einem Strich und nennt das "verteiltes System". Ein anderer malt einen Kringel links und zwei Kringel rechts sowie je einen Pfeil vom linken zu den beiden rechten Kringeln und schreibt "Multicast" darunter. Und ein dritter erzeugt zwei Rechtecke, das "rechtere" davon zusammen mit dem unvermeidlichen "Drei-Uhr-mittags"-Gebilde; er verbindet die Rechtecke durch einen nach rechts zeigenden Pfeil, nennt die drei Teile "video source", "video stream", "video sink" und gibt als Erklärungshinweis (?) für dieses Rätsel die Unterschrift "Controlling a Video Stream".

Also ich weiß nicht. Referenzmodelle und Multimediazeichnungen sind irgendwie vergleichbar mit Straßenlaternen für Betrunkene: Sie dienen eher zur Stütze als zur Erleuchtung.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton