Alois Potton hat das Wort [Nr. : 17, 12/1994 ]


 

Editorials

 

Es kommt vor, daß gewisse Dinge durch die real existierende Entwicklung überholt werden - und das ist mit der aktuellen Folge der Alois-Potton-Kolumne geschehen. Haben doch tatsächlich Sebastian Abeck und Walter Gora für Heft 95/1 ein ausgezeichnetes - weil informatives - Editorial verfaßt!! Damit wird die Berechtigung der im folgenden trotzdem dargebotenen Ausführungen zu solchen Geleitworten ein wenig in Frage gestellt. Aber die weit überwiegende Mehrzahl von Geleitworten (nicht nur in PIK) ist so oder ähnlich wie unten beschrieben, außerdem war ja Heft 95/1 als Themenheft auch ein Sonderfall. Es möge als Vorbild für viele Nachahmer dienen getreu dem Motto: "Gora et labora!". Der bereits vor Erscheinen von Heft 95/1 vorbereitete Text geht jetzt los:

Es muß alles seine Ordnung haben, in Deutschland schon mal sowieso. Und deshalb muß auch jedes Buch, jedes Zeitschriftenheft (und auch jeder Vortrag) sozusagen kanonisch aufgebaut sein, also mit einem Grußwort, Geleitwort oder - neudeutsch - mit einem Editorial beginnen. Warum das so sein muß, weiß eigentlich niemand, aber man hat sich daran gewöhnt. Bei Büchern lautet das Vorwort oft wie folgt: "Dieses Buch ist aus sieben Kapiteln aufgebaut. Im ersten Kapitel wird die Einleitung dargeboten, das zweite umschließt ..., und das letzte Kapitel beinhaltet schließlich die Zusammenfassung und einen Ausblick". Ähnlich trocken oder geschäftsmäßig geht es dann auch im Buch selbst zu. Das Vorwort ist eigentlich nur Redundanz - und während man diese etwa bei Codierungsverfahren nutzbringend verwenden kann, ist sie für Bücher, Editorials oder Vorträge überflüssig und schädlich. Es gibt Heerscharen von Referenten, die sich einen erheblichen Teil ihrer knapp bemessenen Vortragszeit durch die langatmige Beschreibung einer völlig nutzlosen Gliederungsfolie stehlen. Aber oft haben diese Vortragenden auch nichts wirklich Interessantes zu erzählen.

Unsere Zeitschrift PIK macht bezüglich redundanter Vorworte keine Ausnahme, schließlich ist es eine deutschsprachige Publikation. Was kommt da unter der Rubrik "Editorials" vor? Nun, alle zwei Jahre wird natürlich vom jeweiligen KiVS-Veranstalter gegrüßt, und es wird dem Leser verklickert, was denn so von der Tagung zu erwarten sei. Es wird auch artig um möglichst zahlreiche Teilnahme an der Veranstaltung geworben. Genau besehen wird wenig berichtet, was nicht aus dem Vortragsprogramm selbst hervorgeht; Informationsvermittlung (im informationstheoretischen Sinn) ist damit nicht verbunden - und es würde mich wundern, wenn die Zahl der Tagungsteilnehmer auf diese Weise auch nur geringfügig erhöht werden könnte.

Betrachten wir eine Auswahl anderer nicht allzuweit zurückliegender PIK-Editorials: Da äußert (in PIK 3/94) ein Rechenzentrumsh.... die wohl berechtigte Sorge um das Weiterbestehen seiner Zunft und benimmt sich so wie ein Kind im Wald, das durch lautes Pfeifen eventuelle Gespenster oder Räuber in die Flucht schlagen möchte; im Klartext liest sich das unter der Überschrift: "Erleben die Rechenzentren eine Renaissance?". Einen ähnlichen "Pfeifen im Wald"-Eindruck vermittelt das Editorial "KuVS - eine Fachgruppe im Aufwind" (1/93).

Erfreuliche Ausnahme ist das Editorial zu PIK 3/93 zum Thema "Arme deutsche Sprache oder: Warum die Schicht männlich ist", wo sich ein Ex-Ossi über die Auswüchse bei der Benutzung englischer Slang-Ausdrücke mokiert. Das war originell und sogar mit einem Schopenhauerzitat versehen! Das freute den Leser (zumindest Alois Potton), auch wenn das Strickmuster - genau besehen - nicht unbedingt brandneu ist. Das regte auch zum Nachdenken darüber an, ob man nicht aus Fairneßgründen zum Ausgleich überzähliger Anglismen den Anteil von Slawismen erhöhen sollte, also neue Begriffe zusätzlich zu Perestroika, Glasnost, Apparatschik, Roboter,...

 

Aber die meisten anderen PIK-Geleitworte "glänzen" mit eher trockenen Beiträgen über neue Vereine oder zum Thema "Paradigmenwechsel"; o gelänge es mir doch, das Wort "Paradigma" ein für alle Mal mit Stumpf und Stiel auszurotten!

Andere Editorials sündigen durch altkluge Verwendung fremdsprachlicher Begriffe in anderer Weise als es von Klaus Garbe angeprangert wurde: Sie verwenden großmächtige lateinische Floskeln, die zum restlichen deutschen Text passen wie die berühmte Faust aufs Auge. Siehe etwa: "Hochgeschwindigkeitsnetze - ante portas?" (PIK 4/91). Ähnlich unrühmliche Beispiele (nicht aus PIK) sind: "Broadband: quo vadis?", "Multimediatechniken - ceteris paribus", "Leichtgewichtige Protokolle - grosso modo", "Objektorientierte Systeme - cum grano salis" oder der oberlehrerhafteste meiner gesammelten Latinismen: "Informatik: cui bono?". Was wollen die Autoren mit solchen Vornehmheiten eigentlich aussagen? Soll die humanistische (Aus)-Bildung demonstriert oder umgekehrt ihr Fehlen kaschiert werden?

Es hat den Anschein, daß der Titel eines Geleitworts oder auch eines Fachbeitrags beinahe automatisch erzeugt werden kann - nach folgendem Schema: "ABC: X oder Y?"; auch hierzu gibt es Beispiele (z.T. mit leichten Modifikationen des Schemas) in PIK-Editorials wie etwa: "Outsourcing: Bedrohung oder Chance?", "Internet - was sonst?", "Hochleistungsnetze - eine Herausforderung" usw. Mit der Verwendung von Alternativfragen ("Sinn oder Unsinn?") als zweite Hälfte eines Titels ist so ein Beitrag fast schon geschrieben. Die Grenzen sind abgesteckt, der Rest ist nur noch Technik. Wir schreiben die Pro's und Con's auf, die uns bzgl. der Thematik und der selbstgesetzten Grenzen einfallen, setzen sie in einen Zusammenhang, wir favorisieren je nach Lust oder Laune die eine oder die andere Seite, und schon ist die Sache gemacht - egal für welches Thema. "Kleiderständer: Notwendigkeit oder Luxus?", so ein Editorial würden wir doch mit links schreiben - und zwar mit jeweils den Umständen angepaßten Schlußfolgerungen, je nachdem ob das Editorial für ein Organ der Möbelindustrie oder für Greenpeace bestimmt ist.

Nun ja: Mit Editorials verhält es sich offenbar wie mit vielen anderen Dingen auch. Sowohl ihr Realitätsbezug als auch ihre Notwendigkeit sind umstritten. Was Georg Christoph Lichtenberg einst für Physik-Kompendien feststellte, läßt sich ziemlich exakt auf PIK-Geleitworte übertragen: "Ein etwas vorschnippiger Philosoph, ich glaube Hamlet Prinz von Dänemark hat gesagt: es gebe eine Menge von Dingen im Himmel und auf der Erde, wovon nichts in unseren Büchern steht. Hat der einfältige Mensch, der bekanntlich nicht recht bei Trost war, damit gegen unsere PIK-Editorials gestichelt, so kann man ihm getrost antworten: gut, aber dafür stehen auch wieder eine Menge von Dingen in unseren PIK-Editorials wovon weder im Himmel noch auf der Erde etwas vorkömmt".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton