Alois Potton hat das Wort [Nr. : 20, 09/1995 ]


 

Seamless Legacy

 

Daß der Mensch vom Affen abstammt, dafür gibt es zahlreiche Anhaltspunkte. Einer davon ist die Beobachtung, daß in vielen Bereichen bedenken- und gedankenlos nachgeäfft wird. Das gilt natürlich für Modefragen (breite versus schmale Hosenbeine, Mini- oder Maxi-Röcke, Revers oder Nicht-Revers,...), aber auch für Informations- und Kommunikationstechniken. Viele werden jetzt an die zahllosen neu entstehenden Abkürzungen denken, die nur zu einem geringen Teil Sinn machen, denn welchen Zweck hat eine Abkürzung, die nur ein einziges Mal gebraucht wird - und das trifft für nicht wenige Abkürzungen zu! Diese Unsitte ist aber bei aller Unvermeidlichkeit noch halbwegs erträglich, denn man kann getrost viele Abkürzungen "auslassen" - in der berechtigten Hoffnung, daß sie bald vergessen sein werden. Im übrigen sind auch etablierte Abkürzungen manchmal auf überraschende Weise anders belegt; das mußte einer meiner Mitarbeiter kürzlich festellen, der bei einer WWW-Suche nach Literatur zu ATM auf ein "ATM Journal" stieß, welches sich dann als "Amateur Telescope Maker Journal" entpuppte - und vielleicht interessanter ist als "das übliche ATM".

Bedenklicher sind überraschende Häufungen von "richtigen" Worten (im allgemeinen aus der englischen Sprache), die unsereins wegen pidginhafter Kenntnisse dieser Fremdsprache bisher noch nicht kannte. Zwei Beispiele solcher überraschender Worterscheinungen sind mir in letzter Zeit besonders unangenehm aufgefallen, und zwar "seamless" und "legacy". Ich wüßte nicht, daß mir eines dieser beiden Worte bis vor sechs Monaten auch nur ein einziges Mal untergekommen wäre, aber inzwischen tauchen sie in geradezu gewaltiger Zahl auf - und das kann irgendwie kein Zufall sein. Es hat den Anschein, daß irgendein Guru (oder genauer gesagt: zwei Gurus) diese Worte als Trendsetter unters Volk geworfen haben, welches sie nun begeistert nachplappert. Besonders ärgerlich ist dabei für mich, daß ich aus zugegebenermaßen subjektiver Sicht beide Worte für hochgradig unschön halte - vielleicht weil sie mich an Begriffe wie "schamlos" oder "Legasthenie" erinnern. Umgekehrt aber hätte ich keine Einwände gegen ein Wort wie "undercover", aber dafür scheint sich noch kein Guru gefunden zu haben.

Man muß insgesamt gesehen sogar noch dankbar dafür sein, daß neue Begriffe so gut wie immer der englischen Sprache entstammen, denn das begrenzt die Anzahl möglicher Neuschöpfungen auf einen zwar hohen, aber immerhin noch halbwegs überschaubaren Wert. Die Länge eines englischen Worts ist im Mittel viel kürzer ist als die der entsprechenden deutschen Kreation (oder sollte man "Kreatur" sagen?) - und außerdem gibt es im Englischen keine Möglichkeit zur endlosen Zusammensetzung von Substantiven. "Seamless" und "legacy" haben nur acht bzw. sechs Buchstaben, deutsche Fachausdrücke (vor allem im Bereich des Software Engineering, aber auch anderswo) sind um ein Vielfaches länger. So wurde zum Beispiel in der Gesellschaft für Informatik ein neuer Arbeitskreis zum Thema "Beherrschbarkeit arbeitsteiliger Systemarchitekturen" gegründet, dessen mittlere Wortlänge über 16 liegt. In einem mir kürzlich zur Begutachtung vorgelegten Manuskript (jetzt werden die Autoren einen der anonymen Gutacher kennen, aber das ist mir egal) tauchten besonders "schöne" Neubildungen auf, von denen ich einige vorstellen möchte:

  • Interprozeßkommunikationsmechanismen (36 Zeichen),

  • Zustandsübergangssystemmodelle (30 Zeichen),

  • Protokollinstanzenimplementierung (33 Zeichen),

  • Eingabemomentanzustandskombination (34 Zeichen),

  • Interprozeßkommunikationsaktionen (33 Zeichen),

  • Eingabeereignisbearbeitungsprozeduren (38 Zeichen),

  • Ein-Server/Activity-Thread-Implementierung (42 Zeichen).

Die Liste dieser Scheußlichkeiten wäre fast beliebig verlängerbar. Das Verständnis wird durch solche gewaltsamen Konstruktionen nicht besonders erleichtert - oder können Sie auf Anhieb feststellen, welche der zahlreichen möglichen logischen Klammerungen des letztgenannten "Kunstwerks" nun zutrifft bzw. was das eigentlich bedeuten könnte??

 

Da sind Sprachen wie englisch oder meinetwegen auch französich viel pflegeleichter, denn den Auswüchsen sind dort deutliche Grenzen gesetzt. Das längste Wort der französischen Sprache soll "anticonstitutionellement" sein, was soviel bedeutet wie "verfassungswidrig" (wobei die deutsche Sprache ausnahmsweise einmal sparsamer mit den Buchstaben umgeht - und es sei zugegeben, daß das Französische mit seinen zahlreichen "de" und "à" auch so seine Tücken hat). Mit seinen "nur" 23 Buchstaben ist aber der französische Rekord (die mir unbekannte englische Rekordzahl wird wohl noch niedriger ausfallen) erheblich kürzer als jedes der obengenannten Beispiele.

Schon Mark Twain hat in einer Kurzgeschichte über "die Schrecken der deutschen Sprache" die Möglichkeit zur Bildung von Bandwurmsprachzusammensetzungsversuchsoperationen angeprangert und als Beleg dafür Konstruktionen wie "Generalstaatenversammlungsverordnungen" angeführt. Zu seiner Zeit war Software Engineering noch unbekannt, sonst hätte er mit Leichtigkeit viele weitere und vielleicht absurdere Begriffe finden können.

Eigentlich sollten wir alle dazu beitragen, daß keine überflüssigen Worte wie "legacy" (auch wenn es dieses Wort wirklich gibt) aus dem Englischen übernommen werden und daß gekünstelte deutschsprachige Neuschöpfungen ab einer Wortlänge von - sagen wir mal - 20 Buchstaben ignoriert werden. Dann müßten wir allerdings viele Bücher weitgehend umschreiben - was zwar hohen Aufwand verursachen würde, aber mit erheblichem Verständnisgewinn gekoppelt wäre. Leicht ist so ein Vorhaben allerdings nicht, denn wenn ich mir diesen Beitrag oder auch frühere Beiträge genauer besehe, dann muß ich leider feststellen, daß ich selbst in nicht wenigen Fällen gegen dieses Ziel verstoßen habe. Der folgende Zweizeiler von Robert Gernhardt ist also wohl zutreffend:
"Die ärgsten Kritiker der Elche
sind am Ende selber welche".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton