Alois Potton hat das Wort [Nr. : 21, 12/1995 ]


 

Projekte

 

Man ist heute nichts mehr ohne Projekte. Schon gar nicht an Universitäten. Und erst recht nicht in Nordrhein-Westfalen, wo die jährlichen Reisemittel gerade für eine einfache Fahrt zweiter Klasse von Köln nach Siegburg reichen. Wer sich die Welt ansehen will, ist auf Urlaubsreisen oder auf den Fernseher angewiesen. Um an dieser mißlichen Situation etwas zu ändern, gibt es nur einen einzigen Ausweg: ein Projekt muß her! Aber wie soll man sich da anstellen?

Mögliche Geldgeber

In erster Linie kommen hier natürlich wissenschaftlich prominente Organisationen in Frage. Aber die Bewilligungsquote ist dort entmutigend niedrig. Außerdem sind solche Projekte verarmungssteigernd, denn die Förderung beschränkt sich weitestgehend auf die Bezahlung des Personals. Zusätzliche Kosten wie Bleistifte, Papier, Rechner,... muß man aus eigenen Mitteln finanzieren. Für den Reiselustigen gibt es zwar Projektmeetings, aber die sind in Orten wie Darmstadt, Dortmund oder Dresden; das kann uns nicht begeistern.

Industriegeförderte Vorhaben werden zunehmend zu Raritäten, weil diese den Gelüsten zur Kostensenkung am ehesten zum Opfer fallen. Dabei ist das eine mehr als zweifelhafte Sparpraxis, denn soooo viel schlechter wie wir billiger sind können unsere Leistungen doch überhaupt nicht sein. Aber wer bringt das den Verantwortlichen der Industrie bei? Die Chancen für ein positives Umdenken der Industrie stehen auch deshalb denkbar schlecht, weil diverse Unternehmensberater (siehe Editorial zu PIK 3/95) die deutsche Hochschulinformatik als Luxus oder Katastrophe betrachten und den von ihr in den letzten dreißig Jahren erbrachten Forschungsbeitrag auf nichts anderes als die Petri-Netze (ausgerechnet die!) verkürzen! Aufgrund solch "seriöser" Stellungnahmen bin ich mehr und mehr überzeugt davon, daß die stärkste Gefahr für den Standort Deutschland von den Unternehmensberatern bzw. vom naiven Glauben an ihre Kompetenz ausgeht.

Eine Förderung durch Landes- oder Bundesministerien käme ebenfalls in Betracht, aber dann kann man sich gleich an die Europäische Union wenden; die Bürokratie ist dort auch nicht viel schlimmer. Bleibt also "Brüssel"; das ist ein zwar mühseliger, aber immerhin möglicher Weg.

Das Konsortium

Die Erfolgsaussichten eines EU-Vorhabens sind von der Zusammensetzuung des Konsortiums ebenso abhängig wie der Geschmack eines Gerichts von Qualität und Qualität der Gewürze, Gemüsebeilagen usw. Also: ein französischer Hersteller, ein griechischer Anwender, ein finnisches Softwarehaus, eine deutsche Universität,... Die richtige Zusammensetzung ist bereits die halbe Miete für den Erfolg, erst recht dann, wenn die Partner ihre Lobbyisten an geeigneter Stelle in Brüssel sitzen haben oder wenn sie gar an der Ausarbeitung des Projektrahmenwerks mitgewirkt haben. Im Falle einer Aufnahme des Förderantrags in die "Short List" (also beim Einlauf in die Zielgerade der Bewilligung) wird es dann zu langwierigen und unerbittlichen Kämpfen kommen, denn ohne erhebliche Kürzungen wird es nicht abgehen. Wohl dem, der dann zunächst unmoralisch überzogene Mittelforderungen angesetzt hatte. Nur er wird den Kampf einigermaßen passabel überstehen, denn eine rasenmäherartige proportionale Kürzung ist unvermeidlich; es sei denn, daß einige Projektbeteiligte entnervt aussteigen, was nicht selten vorkommt. Diese eigentliche überflüssigen Kämpfe im Vorfeld eines Projekts tragen viel dazu bei, die Zusammenarbeit zwischen den Partnern zu belasten.

Das Kickoff-Meeting

Eines ist allen Projekten gemeinsam, nämlich das Kickoff-Meeting. Dieses soll Optimismus versprühen und enthält zahllose Grußadressen, deren Redundanzgehalt gefährlich nahe an hundert Prozent heranreicht. Der vom Fußball entlehnte Begriff "Kickoff" ist wundervoll zutreffend, wie ein Eröffnungsredner anläßlich eines kürzlich gestarteten Projekts feststellte: "Every soccer match has a successful kickoff but not all of them end very well!"

 

Die Projektmeetings

Eines muß man den europäischen Projekten lassen: Der Reiselust in Europa darf hemmungs- und bedenkenlos gefrönt werden. Passieren tut auf den Meetings dagegen nicht übermäßig viel: Zunächst werden Tagesordnung und Protokoll der vorigen Zusammenkunft verabschiedet. Anschließend wird über die Finanzlage berichtet. Das ist ein besonders länglicher Vorgang, denn es gibt sehr unterschiedliche Abrechnungsmodalitäten in den verschiedenen Ländern und dort wieder in den unterschiedlichen Organisationen. Jeder spitzt dann die Ohren, um herauszufinden, wie er seine eigenen Finanzmittel ggfls. noch verbessern könnte.

Spätestens nach diesem umfangreichen Tagesordnungspunkt wird sich herausstellen, daß auf einen der Teilnehmer bereits der Flieger wartet und deshalb der Zeitpunkt des nächsten Treffens zu vereinbaren ist. Das Finden eines gemeinsamen Termins dafür ist ein ungeheuer schwieriges und ab vier Beteiligten geradezu aussichtsloses Unterfangen. Es ist ein Statussymbol geworden, sehr wenig freie Termine zu haben. Das vergeblich scheinende Bemühen kann nur darwinistisch dadurch gelöst werden, daß nach und nach einige Teilnehmer zum Flughafen entfleuchen müssen und deshalb kein Veto mehr gegen weitere Terminvorschläge einlegen können.

Unverzichtbarer Bestandteil von Projektmeetings sind die Mittagspausen mit der jeweiligen landestypischen Beköstigung. Hier wird Frankreich deutlich überschätzt. Geheimtips dagegen sind Meetings in Italien sowie - wenngleich mit Abstrichen - in Griechenland oder auf der iberischen Halbinsel. Als gegenteiliges Extrem sind dagegen Meetings in den Niederlanden sehr gefürchtet, weil es dort die ewig wiederkehrenden nach nichts schmeckenden Plastikbrötchen gibt, welche sich durch leichten Druck beliebig zusammenpressen lassen und danach gaaanz langsam wieder in ihre ursprüngliche Form zurückkehren.

Am Nachmittag wird das Projektmeeting dann mit einer Folge von lieblos präsentierten Zwischenberichten fortgesetzt. Motto: bloß nicht mehr arbeiten und auf keine Fall etwas Besseres präsentieren als die zu erwartende durchschnittliche Leistung der anderen Partner. Da diese (oft aus guten Gründen) nicht allzu hoch eingeschätzt wird, brauchen an die Qualität des eigenen Beitrags keine besonderen Anforderungen gestellt zu werden.

Ob in einem Projekt jemals sinnvoll gearbeitet wird? Da sind Zweifel durchaus angebracht, denn häufig wird für Vorbereitung, Meetings und Berichteschreiben schon je ein Drittel des Förderzeitraums verbraten. Mit einiger Mühe wird man trotzdem einen passabel aussehenden Abschlußbericht zusammenzaubern können. Selbst eine Erklärung dafür, weshalb nicht alle Blütenträume reifen konnten, läßt sich unschwer finden. Und wenn die Sache - gemessen an anderen Vorhaben - nicht völlig zum Skandal verkommen ist, darf man auch auf ein Folgeprojekt hoffen.

Was ist ein Projekt eigentlich? Ein Definitionsversuch à la Duden:

Projekt, das: von lat. "pro-jicere", d.h. vorwerfen; bedeutet soviel wie "(den Gutachtern) zum Fraß vorwerfen" bzw. "(dem Antragsteller) zum Vorwurf machen".





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton