Alois Potton hat das Wort [Nr. : 22, 03/1996 ]


 

Multimedia

 

Man kann es nicht mehr ertragen, das dauernde Multimediagedöns. Keine Woche vergeht, ohne daß ein neues multimediales Referenzzentrum eingeweiht wird. Kaum eine wissenschaftlicher Beitrag verzichtet auf die Erwähnung von mindestens einmal "multi..." in seinem Titel. IEEE/ACM Trans. on Networking, vol.2, nr. 6, 1994 zum Beispiel verwendet fünfmal "multi" in gerade einmal sechs Manuskripttiteln (private communication by Rolf Hager, AEG Ulm).

Andererseits weiß niemand so richtig, was es auf sich hat mit Multimedia - und noch unbekannter ist, was es denn bringt. Als gesichert gelten darf nur, daß die Sache modern ist und horrend viel Geld kostet. Der Normalbürger hat ein verschwommenes Gefühl, daß die Sache irgendwie mit Medien zu tun hat, also mit Fernsehen, Pay-TV, HiFi und so. Da beginnt er sich gleich über hohe Gebühren oder über Volksverdummung aufzuregen - je nachdem, ob er/sie eher jung oder vergreist ist, wobei geistige Vergreisung bereits in erstaunlich jungen Jahren einsetzen kann. Der geistige Greis wird also irgendetwas murmeln wie" Video führt zur Vidiotie und das ist Idiotie", wenn er solch eine Argumentationskette noch auf die Reihe kriegt.

Der geistig noch etwas agilere Normalverbraucher wird Multimedia in Verbindung bringen mit "digital" (wobei er nicht recht weiß, was das bedeutet) und vor allem natürlich mit "multi", also mit "viel". Soll heißen: viel Geld und alles zusammen und holterdipolter hingeworfen nach Art einer Ratatouille Digitale.

Nichtsdestoweniger führt kein Weg daran vorbei, daß jede popelige Kleinstadt ab etwa der Größe von Düren, Erkelenz oder Heinsberg (sofern jemand wissen sollte, wo diese Gemeinwesen liegen) das Ei des Kolumbus in der Einrichtung eines Multimedia-Referenzzentrums und in der Abfackelung entsprechender Fördermittel vermutet. So gut wie alle Landtagsabgeordneten des flachen Landes sind auf den entsprechenden Trichter gekommen. Jeder erwartet von Multimedia die endgültige Lösung aller Beschäftigungsprobleme.

Was aber tun, um in den Genuß der Fördermittel zu kommen? Schließlich muß ein gewisser Bedarf und eine scheinbar vorhandene Kompetenz zum Betrieb eines Referenzzentrums nachgewiesen werden. Wie aber soll man Kompetenz auf dem Gebiet Multimedia demonstrieren, wenn das bisherige Know-How eher in Spargel- oder Rinderzucht liegt? Eine schwierige Frage, direkt ein Gordischer Knoten. Die Entwirrung dieses Knotens ist allerdings überraschend einfach und besteht in allen mir bekannten Fällen aus einer pompös aufgezogenen Informationsveranstaltung mit fetzigem Titel, also etwa "M hoch 4: Montabaur macht Multi-Media". Der Inhalt der Veranstaltung ist dagegen ziemlich egal, wenn einige Einschränkungen beachtet werden:

1. Zuviel Erwähnung von technischen Einzelheiten ist nicht angesagt. Das würde den bisher noch ahnungslosen zu fangenden Kunden nur abschrecken statt ihn zu begeistern. Technik ist nämlich genau besehen etwas furchtbar Langweiliges - und wenn man sich zu detailliert darüber ausläßt, riskiert man als Fachidiot abgestempelt zu werden.

 

2. Unbedingt einzubinden ist ein Sozialkritiker. Das macht sich immer gut und wird als derart seriös betrachtet, daß auch die Gewerkschaften und die Kirchen als Mitfinanzierer gewonnen werden können. Allerdings muß der Sozialkritiker ein bißchen Maulverbot erhalten, denn leicht beschränkt er sich auf die wehleidige Feststellung, daß sowieso alles negativ sei und katastrophal enden werde. Dieses Meckern ist ja auch furchtbar simpel, obwohl es als weise und vornehm gilt: Der heiserste Halskranke kann unschwer feststellen, daß der Operndiva das Tremolo des hohen C nicht perfekt gelungen sei, obwohl er selbst nicht einmal ein halbhohes A passabel krächzen kann. Aber die Aufgabe des Kritikers ist nun einmal einfacher als diejenige des Machers - so wie etwa im Fußballspiel, wo der Mittelstürmer das vergleichsweise kleine Tor treffen muß, wogegen dem Verteidiger eine fast beliebig große Fläche für einen Befreiungsschlag zur Verfügung steht. Die einzige Chance besteht darin, den Kritiker entweder nicht erst einzuladen oder ihm einen Maulkorb zu verpassen, wenn er sich zu sehr über das etwas unrein gesungene hohe C beschweren möchte.

3. Die wichtigste Komponente bei einer Informationsveranstaltung ist aber das sogenannte visionsvermittelnde Zugpferd. Diese Person kann seinem Namen entsprechend durchaus einen Intelligenzquotienten haben wie ein Pferd (die berühmten Elberfelder Pferde konnten bekanntlich bereits zählen und rechnen). Allerdings wird er nicht mit dem Zug ankommen, sondern mit dem Flugzeug bzw. auf dem flachen Land mit dem Hubschrauber, was die Kosten für die Veranstaltung nicht unbeträchtlich erhöht. Außerdem werden die Honorarvorstellungen des Zugpferds gewaltig sein - etwa so hoch wie die von Bodo Illgner bei seinem Wechsel nach Real Madrid, und hier wie da steht sie in keiner vernünftigen Relation zur Gegenleistung. Macht aber nix, wenn das Zugpferd nur eine positive Vision vermittelt.

Wen aber nun nehmen als Darsteller der Kategorie Zugpferd? Ein langweiliger Techniker scheidet ebenso aus wie eine lokale Pflanze. Optimal wäre natürlich ein Mitglied einer aktuell im Amt befindlichen Regierung, vorzugsweise der sogenannte Zukunftsminister. Aber der sagt viel öfter und leichter zu als daß er sich dann wirklich blicken läßt, weil sich eben viel zu viele Käffer um ein neues Multimedia-Referenzzentrum bewerben. Also ist es besser, sich um jemand zu bemühen, der (a) noch bekannt ist, (b) hinreichend viel Zeit hat und der (c) einem üppigen Honorar nicht abgeneigt ist. Alle Bedingungen gleichzeitig werden erfüllt von Politikern, die seit ca. zwei bis fünf Jahren nicht mehr im Amt sind. Am besten ist es, wenn sie wegen einer mittelschwer skandalösen Affäre ihren Job verloren haben. Solche Politiker sind dann wie ausgesungene alte Schlagerstars oder wie ehemalige Operettensänger: Sie erhalten keinen Vertrag mehr, sondern tingeln durch die Bierzelte diverser Schützenvereine vorzugsweise am Dienstagnachmittag, also am "Tag des älteren Mitbürgers". Durch so ein Tingeltangel kommt ein ganz beachtliches Zubrot zustande, wahrscheinlich deutlich mehr als das frühere Politikergehalt.

Der Inhalt der Informationsveranstaltung ist eigentlich völlig nebensächlich. Wichtiger ist das kreative Umfeld: Wir stellen ein paar Bildschirme hin, nennen sie vernetzt (obwohl sie das nicht zu sein brauchen), lassen sie von öligen Quadrataktentaschenträgern bedienen, und wir ergänzen die Sache um einige langweilige nichtssagende Poster, vor allem aber um ein hochwertig-teures kaltwarmes Büffet. Damit ist die Sache im wahrsten Sinne des Wortes schon gegessen.

Ach ja, mit der Vereinigung von Medien zu Multimedia verhält es sich ähnlich wie mit der Kreuzung von Esel und Pferd: Das Ergebnis ist ein Maultier oder ein Maulesel (je nachdem), und es ist unfruchtbar.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton