Alois Potton hat das Wort [Nr. : 23, 12/1996 ]


 

Das Internet als Kostensenker

 

Internet ist zweifelsfrei recht nützlich. Diese Binsenweisheit wird inzwischen auch landauf, landab (erst recht aber stadtauf, stadtab) akzeptiert; na ja, vielleicht abgesehen von einigen (manchmal sogar überraschenderweise als innovationsfreudig eingeschätzten) halsstarrigen Institutionen, auf die soll es mir aber diesmal nicht ankommen.

Ein sehr selten öffentlich zitierter (man wird gleich sehen, warum hier schamhaft geschwiegen wird) Internet-Vorteil ist das gewaltige Potential zur Kostensenkung. Dieses wird mit derart abenteuerlichen Zuwachsraten ausgebeutet, daß es volkswirtschaftlich gesehen für den Standort Deutschland, vor allem für den Umsatz einzelner Branchen schon wieder schlecht ist, weil selbige Industriezweige wegen dieser Entwicklung einfach nichts mehr zu tun haben. Betrachten wir dazu nur zwei Beispiele (ich wollte eigentlich noch mehr Beispiele bringen, aber das hätte den mir zugestandenen PIK-Platz überschritten):

Der Präsentverfall

Bis vor wenigen Jahren kam mit deutlicher Dezemberhäufung das eine oder andere geheimnisvolle Päckchen, über das man sich freute wie ein kleines Kind - auch wenn vielleicht nur ein Taschenbuch drinlag, welches sich offensichtlich auf keine Weise regulär verkaufen ließ. Ich bin sehr stolz darauf, in diesem Jahr immerhin noch zwei (gegenüber einer früher zweistelligen Zahl) solcher Werke erhalten zu haben, aber sie heißen leider: "Aus gegebenem Anlaß - Standpunkte zu Wissenschaft und Politik. Reden und Vorträge für den Deutschen Akademischen Austauschdienst" sowie "Eine tuwinische Geschichte und andere Erzählungen". Beides kann getrost unter der Rubrik 'Kuriosa' abgelegt und irgendwann dem Papiermüll zugefügt werden. Lesbar sind die Schmarren keinesfalls; glauben Sie's mir, ich hab's versucht. Aber wenn die Entwicklung anhält, werden es wohl die beiden letzten Vertreter ihrer Art sein, deshalb werde ich diese beiden letzten Geschenkbuchmohikaner geziemend aufbewahren und fürderhin achten.

Inzwischen kommt (natürlich via Internet und damit durch einmaliges Drücken der Sendetaste für die gesamte Zielgruppe) statt solcher Päckchen eine huldvolle Nachricht, die nebst einigen recht gestelzt klingenden Segenswünschen folgendes verkündet: "In diesem Jahr haben wir anstelle der bisher üblichen Präsente einen ansehnlichen Betrag an die Stiftung 'Mutter und Kind' überwiesen". Na, sieh' mal einer an! Zu gern wüßte ich, was die Absenderfirma denn als "ansehnlich" anzusehen scheint. Der innere Schweinehund sagt mir, daß dies wohl dramatisch weniger ist als die früher aufgewandten Beträge und daß man - wo man schon mal beim Sparen war - gleichzeitig noch eine Sekretärin wegrationalisiert hat, die früher für das liebevolle Einpacken der schäbig-nutzlosen Büchlein zuständig war. Es läßt sich aber (dem Datenschutz sei Dank!) auf keine Weise herausbringen, ob die Firma wirklich was an die Stiftung überwiesen hat (was wir zu ihren Gunsten einmal annehmen wollen) und ob die Spende vielleicht "ansehnlich unter DM 1.000,--" ausfiel - wovon natürlich der größte Teil auch noch von der Steuer zurückerstattet werden wird.

Abgesehen von den zitierten Büchlein trostlosen Inhalts gab es aber auch nettere Dinge wie z.B. ein Kalenderchen, welches man an die Wand pinnen konnte. Diese freundlichen Gaben wurden allerdings sukzessive spartanischer gestaltet: Zunächst nur noch ein Kalenderblatt pro Doppelmonat, dann Bedruckung von Vor- und Rückseiten, anschließend nur noch ein Blatt pro Halbjahr - und inzwischen werden gar keine Kalender mehr versandt (zumindest kriege ich keine mehr; schrecklicher Verdacht: vielleicht wegen meiner Alois-Potton-Kolumne..??)! Auch das mag aber wieder der Volkswirtschaft zugute kommen, weil ich das Kalenderchen jetzt selbst kaufen muß - zu einem Vielfachen des Preises, den meine früher wohlwollenden Sponsoren zahlen mußten, denn ich kann ja keine Großauftragsrabatte einsacken. Aber: vielleicht überlege ich mir dann doch, ob ich das Kalenderchen auch wirklich brauche, und genau besehen brauche ich es eigentlich überhaupt nicht. Also kaufe ich mir dann doch keins, und das wiederum ist volkswirtschaftlich schlecht.

 

Das neue Glückwunschkartenstyling

Bisher hatte - ebenfalls im Dezember . die Briefpost außerordentlich viel (in meiner Stadt sagt man "hömmele vill", obwohl das eigentlich doppelt gemoppelt ist) mit dem ganzen Transport von Weihnachtskarten zu tun (bzw. mit dem Transport von Jahresendflügelfestkarten - als Übersetzungshilfe für die Angehörigen der neuen Bundesländer). Ich habe mich an diesem mir etwas rätselhaft vorkommenden Brauchtum wenig beteiligt, aber ab sofort werde ich das via Internet genauso können wie alle anderen, die inzwischen auf die neue Technik umgestiegen sind.

Und wie dieses Mitspielen vor sich geht, das will ich umgehend kundtun: An jedem Dezembertag und auch noch im Januar kommen nämlich abenteuerlich viele handgemachte ASCII-Bildchen (die bitfressenderen Postscript-Versionen schmeiße ich aus Faulheit lieber gleich weg). Besagte Bildchen enthalten: a. Glocken und Tannenzapfen, b. Kasatschok tanzende russische Bärchen, c. Nikoläuse oder aber d. Weihnachtsbäume, Weihnachtsbäume, immer wieder Weihnachtsbäume in allen säglichen und in allen unsäglichen Variationen. Manche davon sehen so aus, als ob sie vier Monate ohne Wässerung in einem überheizten Zimmer gestanden hätten, d.h. sie nadeln schon ganz erbärmlich. Die intelligenteren sind aus unterschiedlich langen Zeilen der Übersetzung von "Frohes Fest" in alle möglichen Sprachen wie Urdu, Venda, Lingala oder Sorbisch zusammengesetzt. Andere wiederum (die aus Australien oder aus Neuseeland) stellen einen weihnachtlich aussehend sollenden Baum auf den Kopf; hat ja soooo einen Bart, dieser Gag, aber immerhin. Die moderne Rechentechnik nun aber erlaubt es selbst mir, diese Werke für gegebenenfallsige spätere Verwendung - man soll bekanntlich nie nie sagen - aufzuheben. Und zukünftig kann ich dann durch geeignetes Zusammenfrickeln meine eigene Glückwunschkarte designen, z.B. einen unter einem Weihnachtsbaum mit einem Nikolaus kasatschoktanzenden russischen Bären, huch wie originell!

Also haben wir dem Internet unter anderem die genannten beiden Segnungen zu verdanken. Es lebe hoch! Und zu seiner Ehre ein kleiner Vierzeiler, zur Abwechslung mal auf Schwäbisch (auf indirekte Anregung von Prof. Krüger, dessen Handy-Witz anläßlich eines Festvortrags in Rostock sich bereits republikweit herumgesprochen hat):

"I wollt, i hätt
des Internet
scho frieher g'hett.
Wär des net nett?"


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton