Alois Potton hat das Wort [Nr. : 24, 03/1997 ]


 

Sex, Lügen und Video

 

So oder so ähnlich heißt ein Kinofilm, der vor einigen Jahren gedreht wurde. Wenn der geneigte Leser jetzt allerdings glauben sollte, daß sich das Folgende auf alle drei Komponenten des Filmtitels bezieht, dann ist er auf eine kleine List hereingefallen: Es geht nämlich noch nicht einmal um Video, geschweige denn um Sex, sondern allein um das Thema "Lügen", genauer gesagt um Ausreden, die uns das Leben erleichtern, aber auch erschweren können. Schon der Titel des Beitrags ist ja eine solche Ausrede.

Ausreden kann man in fachliche sowie in strategische Ausflüchte einteilen. Fachliche Ausreden werden mit Vorliebe dann gebraucht, wenn man etwas völlig anderes bearbeitet als das, wofür man angeblich angetreten ist. Standardbeispiel dafür ist die Erklärung eines Betrunkenen, der im Dunkeln seinen Schlüssel verloren hat, ihn aber unter Laternenschein sucht: "Ich weiß genau, daß ich ihn hier nicht verloren habe, aber hier ist wenigstens Licht". Das war bisher die Standardausrede des theoretischen Physikers (und wohl auch die von manchem theoretischen Informatiker). Neulich hörte ich eine nette Variante von einem Geisteswissenschaftler in unserem Forum "Technik und Gesellschaft", und die ging so: "Wenn Sie aus Blankenese auf den Leuchtturm 'Bunte Kuh' zusegeln wollen, dürfen Sie nicht direkt darauf losfahren, sondern müssen lange Zeit ein anderes Ziel ansteuern, nämlich das Leuchtfeuer 'Oller Dösbaddel'". (Eine Gewähr für die Richtigkeit dieser Lokationen und Segelhinweise wird nicht übernommen). Mit solchen Ausreden und Analogien kann man zumindest im akademischen Bereich rechtfertigen, daß man gern auf ebenso unbedeutenden wie angenehmen Spielwiesen herumturnen möchte.

Andere fachliche Ausreden sind unvermeidbar, wenn man zu dumm oder zu naiv war, um Vorgänge frühzeitig so darzustellen, daß sie keinen Argwohn erregen können. Kürzlich nahm ich an einem Vortrag teil, wo theoretische Untergrenzen und simulativ erzielte Werte für dasselbe Phänomen in einem gemeinsamen Diagramm dargestellt wurden. Der Autor hatte nun entweder falsch simuliert ("je doofer desto simulator") oder fehlerhaft analysiert oder bei der Kurvendarstellung geschusselt oder alles zusammen. Jedenfalls lagen die Simulationswerte inklusive der zugehörigen Konfidenzintervalle ganz deutlich unter den theoretisch erzielbaren Untergrenzen, und das war nun doch recht merkwürdig. Die Ausrede des Vortragenden war derart gekünstelt und an den Haaren herbeigezogen, daß ich sie hier nicht wiederholen möchte, aber es war immerhin eine Ausrede - allerdings eine, deren Notwendigkeit sich der Autor selbst zuzuschreiben hatte. Wenn man solche Vorgänge (d.h. offensichtliche Schusseligkeiten) wiederholt erlebt, dann kommen einem doch erhebliche Zweifel an irgendwelcher Softwarezuverlässigkeit.

Strategische Ausflüchte kommen in vielen Bereichen des täglichen Lebens vor - und sie haben häufig mit der relativen Hackordnung von Kommunikationspartnern zu tun. Es gehört quasi zur persönlichen Wertsteigerung, Gesprächswünsche von als inferior angesehenen Partnern zu verweigern. Diese Taktik wird mit Vorliebe bei Telefonaten (bzw. bei vergeblichen Telefonatsversuchen) gebraucht, und sie ist so ekelhaft, daß sie hier einmal angeprangert werden soll. Meine Vermutung ist, daß fast alle Leser solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben und immer wieder aufs Neue machen.

 

Gesetzt den Fall, Herr/Frau X habe ein Anliegen an Dr. Y und greife deshalb zum Telefonhörer. In der überwiegenden Mehrzahl solcher Vorgänge ist dann Y das relative Alpha-Tier, und X ist das hackordnungsgeschädigte Beta-, Gamma- oder Omega-Tier; schließlich will ja X etwas von Y und nicht umgekehrt. Eine arge Ungerechtigkeit dabei ist, daß X die Kosten für den Anruf zu tragen hat, obwohl sein Budget wahrscheinlich deutlich niedriger ist als das Budget von Y, denn Alphatiere sind meist reicher als Gamma-Tiere. Der Anruf läuft nun ungefähr wie folgt ab: Vorzimmer von Dr. Y: "Hier Vorzimmer von Dr. Y".
X: "Ähemm, hier X, kann ich bitte Dr. Y sprechen?".

Vorzimmer: "Wie war noch bitte Ihr Name?" (Dies in Verkennung der Tatsache, daß es nicht nur der Name von X war, sondern wohl noch immer ist).

X wird nun seinen Namen buchstabieren (wobei einige Namensinhaber deutlich benachteiligt sind), das Vorzimmer wird evtl. noch Fragen zum Grund des Anrufs stellen, dann aber sagen: "Moment bitte, ich höre nach". Daraufhin wird das Gespräch erst einmal unterbrochen, und im Hintergrund beginnt ein gar grausliches Musikband zu laufen, aus dem man die Vorlieben von Dr. Y bzw. der ihm übergeordneten Firma entschlüsseln kann (Psychologen vor!). Da gibt es alle möglichen altdeutschen Volkslieder wie "wenn alle Brünnlein fliehießen..." oder verstaubte Musicalmelodien - und der abgehängte Partner hat keine Ahnung, wie lange das dauern wird. Schlimm ist auch, daß die Tonbänder kurz sind und sich permanent wiederholen, d.h. die Brünnlein fliehießen im Zwanzig-Sekunden-Rhythmus. Manchmal kommt dazwischen noch ein maschinell blechern gesprochenes "bitte warten" oder "please hold the line" oder die menschliche Vorzimmerstimme mit "Sind Sie noch da? Ich muß es noch auf einem anderen Apparat versuchen". Je länger dieser Vorgang anhält, desto geringer werden die Chancen, letztlich doch zu Dr. Y (der offensichtlich anwesend ist, aber das nicht zugeben will) durchgestellt zu werden. Das Produkt aus "Wartezeit in Millisekunden" und "Wahrscheinlichkeit für das Zustandekommen eines Gesprächs mit Dr. Y" ist offenbar konstant und hat ungefähr den Wert 1! Am Ende einer langen, unerfreulichen und gebührentechnisch teuren Warteperiode wird das Vorzimmer von Dr. Y so gut wie sicher folgende Mitteilung machen: "Es tut mir leid. Gerade höre ich, daß Dr. Y außer Haus (in einer Besprechung, in der Mittagspause, in Urlaub, im Ausland,...) ist. Heute und in den nächsten Tagen ist er nicht mehr zu erreichen. Aber wenn Sie am Mittwoch zwischen viertel vor elf und 10 Uhr 42 anrufen, könnte es vielleicht klappen. Bitte hinterlassen Sie mir doch ein Stichwort....".

Auf diese Weise wird viel Arbeitszeit von mehreren Partnern sinnlos vergeudet, und es läßt sich daran offenbar nichts ändern. Manchmal hat man den Eindruck, daß das (scheinbare) Alpha-Tier den Anrufenden irgendwie erniedrigen will. In so einem Fall sollten Sie die Vergeblichkeit dieses Versuchs mit folgendem chinesischen Sprichwort ausdrücken: "Man schlachtete das Huhn, um den Affen zu erschrecken".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton