Alois Potton hat das Wort [Nr. : 25, 06/1997 ]


 

Programmausschuss

 

Keine Konferenz kommt ohne Ausschuß aus, d.h. ohne Programm-Ausschuß. Böse Zungen lästern, daß der Name dieses Gremiums nicht selten etwas mit der Qualität seiner Tätigkeit zu tun hat. Ein anderer Name für dieselbe Gruppierung ist "Komitee", aber auch der ist (siehe "Zentralkomitee der ehemaligen DDR") in gewisser Weise vorbelastet.

Aufgabe des Programmausschusses ist es, den Ausschuß aus den per Call for Papers angeforderten und vom freien Markt angebotenen Manuskripten zu entfernen. Besonders scharfer Sortierungen rühmen sich Theoriekonferenzen wie FOCS, POPL,... Dort gilt eine Veranstaltung rein gar nichts, wenn nicht mindestens 90 Prozent der Manuskripte verworfen werden. (Kommentar am Rande: dem auf diese Weise entstehenden Programm merkt man die scharfe Selektion oft nicht an, eher ist das Gegenteil der Fall). Eigentlich erstaunlich, daß jemand die erste Annahme eines eigenen Beitrags unter solchen Umständen noch vor seinem Rentenalter erleben kann! Am entgegengesetzten Ende der Sortierwut stehen Gremien, welche jeglichen Schrott annehmen, sofern das Manuskript frei von griechischen Buchstaben ist oder aber wenn es mindestens je dreißigmal die Buchstabenkombinationen "Java" sowie "Internet" enthält.

Programmausschüsse werden meist unter Berücksichtigung des Proporzes zusammengestellt: Aus jedem Bundesland mindestens ein Vertreter, dazu Leute aus den umliegenden Staaten, aus USA und Japan,... Ferner müssen Industrie und Anwender angemessen berücksichtigt werden. Die Universitäten stellen sowieso immer zuviele Vertreter. Nicht selten hat dann so ein Programmausschuß mehr Mitglieder als die Konferenz an zahlenden Teilnehmern haben wird.

Man sollte annehmen, daß die vom Ausschuß geleistete Arbeitsmenge mit der Zahl seiner Mitglieder steigt oder doch zumindest nicht sinkt. Letzteres wäre eine Konsequenz aus dem bekannten Parkinson-Prinzip: "Arbeit dehnt sich immer so aus, daß sie genau die Zeit braucht, die man für sie erübrigen kann". ("Work expands to fill the time available for its completion..."). Hieraus ergibt sich unter anderem, daß zusätzliche Mitglieder in einem Programmausschuß irgendwann nichts mehr bringen, weil es für sie nichts mehr zu tun gibt.

Meine eigene Erfahrung ist, daß Parkinsons Prinzip für Programmkomitees verschärft werden kann zum Potton-Prinzip: "Die Gesamtarbeitsleistung eines Programmausschusses sinkt (ab einer Zahl von etwa 5 Mitgliedern) mit zunehmender Mitgliederzahl - und zwar mindestens quadratisch". Wie ist das möglich? Die Antwort ist einfach: Wenn dem Gremium wenige Leute angehören, fühlt sich jeder in die Pflicht genommen und für Erfolg oder Mißerfolg verantwortlich. Gibt es aber 20, 30 oder gar 50 Mitglieder (was keine Seltenheit ist), dann wird jedes einzelne Mitglied folgende Überlegung anstellen: "Warum soll ich eigentlich etwas tun? Es gibt ja noch 19 (bzw. 29 oder 49) andere, die sich auch mal ein wenig anstrengen könnten". Wenig überraschend ist dann, daß (fast) überhaupt niemand mehr etwas tut. Das ist den auf solche Weise "organisierten" Veranstaltungen oft deutlich anzumerken, und dieser Effekt dürfte auch einer der zahlreichen Gründe dafür sein, weshalb die Teilnehmerzahlen so dramatisch zurückgehen.

 

So ganz ohne Arbeit wird es zumindest für einige Mitglieder des Gremiums aber dennoch nicht ablaufen können, weil die angebotenen Manuskripte irgendwie begutachtet werden müssen; vielleicht sollte man besser "beschlechtachtet" sagen. Glück hat dann derjenige Autor, dessen Beitrag auf einen Referenten trifft, der notorisch überlastet und völlig uninteressiert ist (abgesehen davon, daß er die Einladung zum Programmusschuß natürlich geschmeichelt angenommen hatte). Dieser wird nämlich alle Kriterien wie "Qualität", "Relevanz", "Originalität", "Darstellung" etc. mit derselben Note bedienen, also etwa durchgehend 8 Punkte von 10 möglichen - oder eben gerade mal 2 von 10, je nachdem wie er momentan gelaunt ist und ob ihm der Schriftsatz, die griechische-Buchstaben-Freiheit, die Häufigkeit des Worts "Java" gefällt oder nicht. Auf jeden Fall wird seine Stellungnahme kommentarlos ausfallen. Vom Pech verfolgt ist demgegenüber ein Autor, dessen Manuskript vom eigentlich Zuständigen an einen profilneurotischen Untergebenen weitervermittelt wird. Und besonders arg wird es, wenn diesem Profilneurotiker vor nicht allzu langer Zeit der Verriß eines eigenen Beitrags mitgeteilt wurde. Unter diesen Umständen wird selbst ein nobelpreisverdächtiges Papier den Auswahlprozeß nie und nimmer positiv überstehen können. Der einzige Trost bei dieser deprimierenden Sachlage ist, daß sich die Gutachterzuteilungen und damit die ungerechtfertigten Verrisse ebenso wie die unangebrachten Lobsprüche im Laufe der Zeit halbwegs ausgleichen - so wie die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter in der Fußballbundesliga (abgesehen natürlich von der grundsätzlichen Bevorzugung von Bayern München). Im Gegensatz zu Bayern München wird der entsprechend renommierte Autor die ungerechtfertigte Bevorzugung aber nicht zum Erzielen der Meisterschaft benötigen.

Auf diese nicht gerade hochprofessionell zu nennende Art und Weise werden die meisten (jedenfalls aber die sogenannten wissenschaftlichen) Tagungen vorbereitet und schlußendlich gnadenlos durchgeführt. Wenn der Tagungsort ihm angenehm ist, wird auch das eine oder andere Programmkomiteemitglied die Gnade des Erscheinens haben und als Alibi für bzw. gegen eventuelle Tourismusvorwürfe eine Sitzungsleitung übernehmen. Man sollte dafür Verständnis haben, denn schließlich gibt es für die Mitglieder des häufig Ausschuß produzierenden Ausschusses keinerlei finanzielle Entschädigung. Mit einer einzigen (nichtmonetären) Ausnahme: Bei den internationalen Konferenzen hat sich die erfreuliche Einrichtung des sogenannten Victory Dinners bis heute gehalten. Dieses findet in sehr angenehmer - meist schloßähnlicher - Umgebung statt und kostet soviel wie der Normalbürger nie und nimmer für ein Abendessen ausgeben würde. Bei dieser Veranstaltung werden alle zur Tagung kommenden Programmausschußmitglieder anwesend sein. Das Victory Dinner hat der Ausschuß sich zwar nicht "verdient". Eher könnte man sagen, er hätte es sich "erdient" oder "erdienert", auf jeden Fall aber wird es "er-diniert".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton