Alois Potton hat das Wort [Nr. : 26, 09/1997 ]


 

Die Frauenbeauftragte

 

Der Anteil von Frauen in vielen zukunftsträchtigen Berufen ist jämmerlich niedrig - und er sinkt sogar noch. Es hat bereits Anfängervorlesungen im Fach Informatik mit Hunderten von Teilnehmern gegeben, ohne eine einzige Teilnehmerin! Also "Unisex", wobei dieses Wort sich im fremdsprachigen Ausland häufig im Schaufenster von Friseuren findet und wohl bedeutet, daß dort Haarschnitte sowohl für Männlein als auch für Weiblein ausgeführt werden. Derlei Gleichbehandlung ist eigentlich das Gegenteil von dem, was sich zur Zeit an deutschen Hochschulen und auch anderswo bzgl. des Frauenanteils in Informatik und Ingenieurwissenschaften abspielt.

Die Gründe für dieses Desaster sind Legion. Sie zu beseitigen, das ist ebenso schwierig wie langwierig und vielleicht hoffnungslos. Leichter ist es da schon, den Effekt zu beklagen. Nun wollen es viele Organisationen aber nicht bei solchem Lamentieren belassen, sondern die Situation wird tatkräftig auf dem Verordnungswege (sozusagen par ordre de moufti) angepackt. Flugs werden also diverse Ukasse erlassen - und schon scheint alles Paletti zu sein. Die Erfahrung zeigt allerdings, daß gutgemeinte Ideen nicht immer die gewünschte Wirkung zeigen, sondern daß sie auch den gegenteiligen Effekt hervorrufen können. Beispiele dafür gibt es massenhaft. So wurde etwa versucht, die zu starke Vermehrung afrikanischer Elefanten mit Methoden zu stoppen, deren Beschreibung hier zuviel Raum einnehmen würde. Erreicht wurde aber nicht die Zielvorgabe, sondern eine überproportionale Zunahme der Elefantenzahl, woraufhin das Vorhaben schleunigst abgebrochen wurde. Im Gegensatz zu solchen Mißerfolgen haben die bürokratischen Maßnahmen zur Frauenförderung den argen Nachteil, daß sie bei offensichtlichem Scheitern nicht aufgegeben, sondern gewaltsam weiter verschärft werden - mit immer schlimmeren Konsequenzen.

 

Ein besonders drastisches Beispiel des kontraproduktiven Ausgangs einer eigentlich gutgemeinten Idee ist die Einrichtung des Amts einer Frauenbeauftragten. Für jede Hochschule ist das vorgeschrieben. Die Inhaberin dieser Position (selbstverständlich eine Frau, weshalb die Stelle mangels Anzahl gar nicht so einfach zu besetzen ist) soll sich für die Belange ihrer Geschlechtsgenossinen einsetzen. Die Frage ist, ob sie diesem Anspruch auch gerecht wird. Das ist aber mehr als zweifelhaft, weil sie sich offenbar von folgender Argumentionskette (ver)leiten läßt: "Ich selbst habe es an dieser Hochschule zu etwas gebracht - gegen heftigen Widerstand aus vielen männerdominierten Bereichen. Und mir ist das gelungen ohne die Hilfe einer Frauenbeauftragten. Jetzt soll ich Frauenförderung betreiben, also z.B. bei gleicher Qualifikation weibliche Bewerber bevorzugen. Männliche Bewerber sollen also irgendwie nachrangig behandelt werden, und weil die Gleichheit der Qualifikation unmöglich zweifelsfrei feststellbar ist, könnte es so aussehen, daß Frauen nur deshalb zum Zuge kommen weil sie eben Frauen sind. Es besteht daher das Risiko, daß ein Einzelfall, wo dies tatsächlich einmal zutreffen sollte (und ein solcher wird sich langfristig nicht vermeiden lassen) als gängige Praxis verallgemeinert wird, d.h. es würde vermutet, daß viele Frauen ihre Stelle eigentlich ungerechtfertigt erhalten hätten. Das wird auch von mir angenommen werden. Nun habe ich mir aber (siehe Beginn der Argumentationskette) meine Position ebenso ehrlich wie hart erkämpft. Und da werde ich die Achtung, die mir meine männlichen Kollegen deswegen entgegenbringen, doch nicht leichtfertig aufs Spiel setzen". Konsequenterweise ist die Frauenbeauftragte in allen mir bekannten Fällen bei Bewerbungen von weiblichen Kandidaten stets ganz besonders kritisch. Vor allem in Berufungskommissionen wirkt sich die Verpflichtung zur bevorzugten Berücksichtigung von Frauen dramatisch negativ aus: Nehmen wir an, es hätten sich auf eine Ausschreibung eine oder mehrere qualifizierte Bewerberinnen gemeldet; sehr oft gibt es ja leider ausschließlich männliche Kandidaten. Auch eine Frauen wohlmeinend gesonnene Kommission (die weit überwiegende Teil der Kommissionsmitglieder sind von dieser Art - natürlich mit Ausnahme der Frauenbeauftragten!) wird keine Blankoschecks ausstellen wollen, sondern allen Bewerbungen eine faire Chance zu geben versuchen - das ist zumindest das erklärte Ziel jeder Kommission. Allerdings wissen die Kommissionsmitglieder genau, daß sie keinerlei Entscheidungsspielraum mehr haben, sobald sie die Bewerbung einer Frau auch nur ansatzweise ernsthaft zu diskutieren beginnen bzw. wenn es zu einem Vorstellungsvortrag kommt. Für den Fall nämlich, daß diese Vorstellung absolut enttäuschend verliefe, bestünde nur noch eine verschwindend kleine Chance, eine offensichtliche Fehlbesetzung der Stelle zu verhindern. Zwar mag die Gefahr der Enttäuschung als minimal eingeschätzt werden, ein Restrisiko bleibt aber doch. Also ist die typische Strategie einer Berufungskommission, daß sie Bewerbungen weiblicher Kandidaten bereits zu Beginn des Verfahrens wegen angeblich unpassender Arbeitsrichtung oder aus ähnlich fadenscheinigen Gründen aussortiert. Der Kommission wird dann unterstellt, daß sie bösartig oder machohaft sei, in Wirklichkeit aber wird sie durch die Zwangsförderung von Frauen in diese aussichtslose Position gedrängt. Übrigens: die Frauenbeauftragte wird der frühzeitigen Aussortierung der wenigen Bewerberinnen aus den weiter oben beschriebenen Gründen zustimmen.

Nachdem ich viele Vorgänge der beschriebenen Art mitgemacht habe (und laufend ähnliche miterleben muß), bin ich zur Einsicht gelangt, daß Versuche zur gewaltsamen Verbesserung des Frauenanteils in gehobenen Positionen nicht nur keine positiven Effekte zeigen, sondern daß sie das glatte Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich vorhatten. Um wieviel besser wäre doch die Situation, wenn Entscheidungen "ohne Sonderkriterien und ohne Zwangsbevorzugungen" getroffen werden könnten. Durch das Zeigen auf das Vorliegen eines Problems wird es im allgemeinen nicht beseitigt, sondern es wird häufig nur unnötig verschärft. Es gibt eben Dinge, die sich auch durch noch so große Kraftanstrengung nicht gewaltsam beheben lassen. Wie sagt zum Beispiel ein amerikanisches Sprichwort: "You can bring a horse to water but you cannot make him drink".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton