Alois Potton hat das Wort [Nr. : 27, 12/1997 ]


 

Virtuelle Konferenzen

 

Ein Tagungsbesuch - nicht zuletzt in entfernten Ländern - gehört zu den eher angenehmen beruflichen Begleiterscheinungen. Natürlich nur solange die Termine nicht überhandnehmen und wenn man nicht Austrian Airlines mit dem Drehkreuz Wien-Schwechat benutzt. Tut man dieses nämlich, dann wird man unzweifelhaft Huhn aufgetischt erhalten (ein Bekannter will ein Buch schreiben über "200 Rezepte wie man Hühner schlecht zubereitet", das werde ich mir auf jeden Fall kaufen). Außerdem - und das ist viel unangenehmer - wird die Kabine bei Start und Landung (bei Umsteigen in Wien also mehrfach!) mit österreichischer Musik beschallt. Die künstliche Champagnergaloppspritzigkeit mit ihrem blöden "Dadelidilappapah" ist unerträglich.

Aber insgesamt sind Tagungen doch recht nett - und der ggf. vom Vorgesetzten angeforderte Bericht (aufgrund dessen der Chef wohl glaubt, Anwesenheit bei den Vorträgen sicherstellen zu können) kann durch Abkupfern aus den Tagungsunterlagen einfach und schnell erzeugt werden. Die zunehmende Verfügbarkeit neuer Medien (Multimedia und so) bringt allerdings schwere Turbulenzen mit sich. Immer dringlicher wird verlangt, auf körperliche Anwesenheit bei Tagungen zu verzichten und sich stattdessen virtuell zu beteiligen. Dies hat viele naheliegende Vorteile: Kein Timelag, keine Reisekosten, geringere Kosten für die Registrierung,... Alles scheinbar enorm positiv.

Die virtuelle Konferenzorganisation und -teilnahme läßt sich vereinfacht in zwei unterschiedliche Klassen einteilen:

1. Live-Teilnahme mittels Audio- oder VideoeinspielungDies ist ein sehr mühsamer Vorgang, der viel Vorbereitungszeit erfordert, von den Kommunikationskosten ganz zu schweigen. Letztere können durch mißbräuchliche Verwendung des Internet zwar gesenkt bzw. auf Null gebracht werden, aber in Wirklichkeit muß ja trotzdem jemand (also der anonyme Steuerzahler) dafür aufkommen. Bei bloßer Audiobeteiligung mag die Sache noch angehen, aber die Tatsache, daß man die anderen Teilnehmer nicht sieht, ist sehr störend, echte Kommunikation kommt da nicht auf. Das ist wie bei einem Anrufbeantworter, auf den ich nur dann etwas spreche, wenn es wirklich nicht anders geht; aber in diesen seltenen Fällen verhaspele ich mich entsetzlich und liefere ein noch hilfloseres Gestammel als sonst ab.Im Fall einer Videoeinblendung werde ich vor einem Monitor gesetzt, von dessen Seite mich eine Kamera angrinst - und das ist sehr nervositätsfördernd. Murphy behauptet außerdem, daß auf irgendeinem Abschnitt der mühsam aufgebauten Kommunikationsstrecke Probleme auftreten werden, welche die Qualität der Verbindung als lächerlich, unzumutbar oder nichtexistent erscheinen lassen.Last but not least: Es fehlt der direkte Kontakt mit den anderen Teilnehmern. Die Floskel "ich kann diesen Kerl nicht riechen" hat einen von Verhaltensforschern nachgewiesenen tieferen Sinn, denn ohne Geruchskontakt fehlt ein ganz wesentlicher Teil der Kommunikation. Aber vielleicht wird das Internet ja bald auch um Übertragung von Geruchsinformationen erweitert, was technisch kein besonderes Problem ist; ob es aber wirklich immer wünschenswert wäre???

 

2. Beteiligung innerhalb eines begrenzten Zeitfensters.Dies ist die Vision vieler Internet-Adepten - und sie geht ungefähr so: Die Konferenz wird vom Aufruf zur Vortragsmeldung über das Begutachten von Manuskripten bis hin zur Erstellung und Verteilung des Programms ausschließlich über Internet abgewickelt. Interessenten sollen sich dann - ebenfalls via Internet - registrieren. Dabei besteht die Möglichkeit, sich nur für einzelne Sitzungen anzumelden, denn schließlich kann oder will man bei "realen Konferenzen" ja auch nicht an allen Sitzungen teilnehmen. Schwierig ist es, Geld für die Teilnahme an registrierten Sitzungen einzutreiben (daran sind schon manche enthusiastisch begonnenen Vorhaben gescheitert), aber auch dieses Problem wird sich vielleicht einigermaßen zufriedenstellend lösen lassen.Der nächste Schritt bestünde nun darin, daß sich die angemeldeten Teilnehmer über einen gewissen Zeitraum hinweg die Referate per Text, Ton oder Bild zu Gemüte führen können. Je kleiner dieser Zeitraum gewählt wird, desto mehr bleibt an Live-Charakter erhalten, schließlich muß man auch bei realen Konferenzen pünktlich im Saal sein. Man kann aber die Randbedingungen z.B. wegen der unterschiedlichen Zeitzonen etwas relaxieren. Anschließend können (jedenfalls nach der Idealvorstellung) die Teilnehmer während eines weiteren Zeitraums Kommentare abgeben, die vom Referenten wieder beantwortet werden. Alles zusammen kann praktisch ohne weitere Verzögerung elektronisch bearbeitet und zu einer abschließenden Dokumentation zusammengefaßt werden.

Sieht alles perfekt aus, oder? Warum will es nicht funktionieren?Es gibt viele Gründe dafür: Zunächst einmal ist der Wegfall der persönlichen Kommunikation sehr bedauerlich. Ferner will der Organisator der Veranstaltung eine wirkliche Konferenz, der Herausgeber der Proceedings will ein echtes Buch, der Autor will eine anerkannte Veröffentlichung - und vor allem die jüngeren Autoren wollen eine "reale" Reise. Mit der Bezahlung der Gebühren bei internationalen Veranstaltungen gibt es ebenfalls Probleme: Zahlung nach Ablauf der Veranstaltung ist für den Organisator riskant, vorherige Zahlung für den Teilnehmer. Die geldliche Rückerstattung bei nichterbrachter Leistung ist oft aussichtslos: Verklagen Sie mal jemand in Mexiko oder in den USA!

Entscheidend ist aber der fehlende Leidensdruck: Im Falle einer echten Konferenz muß diese termingerecht durchgeführt werden, mögen alle Beteiligten kurz vor Ablauf der harten Fristen auch noch so sehr fluchen. Bei einer virtuellen Konferenz dagegen ist eine zeitliche Verschiebung (z.B. weil sich die Fertigstellung der Referate wie üblich verzögert hat) recht unproblematisch, denn es müssen ja keine Hotelreservierungen und Flugbuchungen storniert werden. Dies verleitet dazu, das einfache und probate Mittel der Terminverschiebung mehrfach einzusetzen - solange bis die Veranstaltung schließlich in Vergessenheit gerät. Haben wir alles schon mehrfach erlebt!

Virtuelle Konferenzen sind also theoretisch ohne Probleme durchzuführen, aber die Praxis sieht (leider oder zum Glück) anders aus. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Es ist nicht schwer, zu wissen, wie man etwas macht. Schwer ist nur, es zu machen.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton