Alois Potton hat das Wort [Nr. : 28, 03/1998 ]


 

Gut gemeint und schlecht geraten

 

Neue Technologien sind zunächst einmal etwas Feines: Es eröffnen sich wundervolle Möglichkeiten zur Verbesserung, Verschönerung, Vereinfachung,... Wenn man allerdings etwas genauer hinsieht, dann ist es manchmal recht zweifelhaft, ob die auf diese Weise entstandenen Produkte besser, schöner oder einfacher geworden sind. Mein Eindruck ist, daß sie durch amateurhaften und unbedachten Einsatz neuer Werkzeuge nicht selten hundsgemein schlecht werden. Dafür einige Beispiele:

Ich besitze ein kleines Kurzwellenradio, das sich den Luxus zweier getrennter Tasten leistet, die mit ON bzw. OFF bezeichnet sind. Den Sinn dieses Designs werde ich nie verstehen, denn eine einzige Taste wäre doch völlig ausreichend. Die zweite macht das Gerät allenfalls unhandlicher, fehleranfälliger und vielleicht auch etwas teurer. Sie dürfen mich jetzt gern dafür tadeln, daß ich das Radio überhaupt gekauft habe.

Beschriftete Overheadfolien waren vor der Erfindung von Farbdruckern (odergenauer gesagt vor der Zeit, wo sich jeder einen Farbdrucker leisten konnte) schön einfach: Schwarze Schrift auf hellem Hintergrund. Also waren sie leicht lesbar. Die Konsequenz der viel teureren Farbfolien ist dagegen durchaus kontraproduktiv: Der Hintergrund ist nicht selten schwarzblau und so tief eingefärbt, daß fast kein Licht mehr durchkommt. Die Schrift ist einem Farbton gehalten, der sich vom Untergrund überhaupt nicht mehr abhebt, z.B. dünne schwarze Linien auf tiefblau oder rosa auf dunkelrot. Nun gut, dahinter mag vielleicht auch Absicht stecken, aber quälend ist es halt doch. Auf Lesbarkeit wird offenbar kein besonderer Wert mehr gelegt. Als Fernsehübertragungen noch ausschließlich schwarzweiß waren, mußten Fußballtrikots so gewählt werden, daß man die Teams gut voneinander unterscheiden konnte. Wenn heutzutage aber eine Mannschaft mit grünem Hemd und gelber Hose gegen eine mit rotem Hemd und weißer Hose antritt, kann sie der Farbenblinde oder Schwarzweißseher nur noch (wenn er Glück hat) an den Stutzen auseinanderhalten.

Besonders schlimm ist es mit Webseiten. Die neuen Möglichkeiten zur "Gestaltung" des Hintergrunds werden schamlos zur Verringerung der Lesbarkeit mißbraucht; ein ähnlicher Effekt wie bei den Overheadfolien. Manchmal so sehr, daß überhaupt nichts mehr erkennbar ist! Viele Farb- bzw. Maserungskombinationen wären ein interessantes Forschungsobjekt für Psychologen oder Psychiater, d.h. die jeweiligen Gestalter sind deutlich klapsmühlenverdächtig (was ja in unserem Beruf so überraschend vielleicht nun auch wieder nicht ist). Allerdings: die Beurteilung der Lesbarkeit kann aus subjektiver Sicht des Betrachters durchaus unterschiedlich sein. Und deshalb kommt auch oft folgendes Argument: "Ja um Himmels willen, was haben Sie denn für ein veraltetes System, für einen unzeitgemäßen Browser, für einen fiesen Bildschirm,... Da brauchen Sie sich aber nicht zu wundern, wenn bei Ihnen nichts zu sehen ist. Bei mir ist die Qualität geradezu wundervoll". Ich muß gestehen, daß mich solche Vorhaltungen am allermeisten fuchsen; sie zeigen nämlich, daß man für debil, arm, unmodern, verkalkt,... gehalten wird. Warum werden die Informationen nicht so gestaltet, daß sie auch mit einfacheren als den aktuell teuersten Schickimickihilfsmitteln entziffert werden können? (Nebenbei: Ist das vorige Substantiv mit seinen sechs "i"-Buchstaben nicht nett?).

 

Ähnliche Probleme gibt es mit Dokumenten, die einem auf elektronischem Wege zugestellt werden. Am Anfang einer solchen Nachricht steht manchmal noch ein Hinweis darauf, daß das nachfolgende - wirr aussehende - Dokument irgendwie gezipt, unzipped, uuencoded,... ist. Und da soll ich nun entweder zahllose Programme zusätzlich installieren (vielleicht sogar kaufen), die mir diesen Zeichensalat automatisch oder mit zeitraubend umständlichen Hantierungen wieder entwirren? Der Normalkunde denkt gar nicht an sowas und schmeißt das Dokument dann lieber gleich weg. Wer jemals eine internationale Gruppe von sogenannten Experten gemanagt hat, der lernt den Vorteil von einfachem ASCII (ohne ä, ö, ü, ß,...) rasch schätzen - zumindest dann, wenn er Diskussionsbeiträge von vielen Seiten erhalten will. Die Erfahrung zeigt nämlich, daß ein Großteil der Gruppe mysteriös codierte vermatschte Nachrichten nicht lesen kann oder nicht lesen will. Ein bißchen schade ist nur, daß bei Beschränkung auf ASCII Informationen wie "=?iso-8859-1?Q?Gru=DF_aus_D=FCsseldorf?=" ausbleiben. Aber auf diese tägliche Rätselstunde kann ich eigentlich verzichten.

Wo wir schon beim Thema "Overkill durch überflüssiges und amateurhaftes 'Nutzen' neuer Möglichkeiten" sind, möchte ich eine gewisse Amüsiertheit über die Kreativität gewisser Zeitgenossinnen bzw. Zeitgenossen loswerden - und zwar bezieht sich das auf das Erfinden wundervoll prägnanter Abkürzungen für Projektnamen. Offenbar nach dem Motto: "Wenigstens der Name des Vorhabens muß belegen, daß intensiv nachgedacht wurde". Ich bin begeisterter Sammler solcher Namenskreationen (oder sollte man Namenskatastrophen sagen?) und bringe hier einmal kommentarlos drei meines Erachtens besonders schöne Exemplare:

MOVE = Multimedia Software Development; FUSION = Funktionsbasierte Suche nach Informationen;HeaRT = High Performance Routing Table Lookup.

Was lernen wir aus solchen Overkill-Vorgängen (wenn es überhaupt etwas zu lernen gibt)? Wir lernen vor allem eines: "Keep it simple. Simple is beautiful". Das gilt allein schon deshalb, weil Dinge, die nicht überflüssigerweise hinzugefügt wurden (wie z.B. die tiefdunkelblaue Einfärbung unschuldiger Overheadfolien), nicht mißbraucht werden oder kaputtgehen können. Murphy's law ("what can go wrong will go wrong") hat dann weniger Chancen. Und das ist um so wichtiger, weil Murphy's law zwar gültig, aber strenggenommen viel zu schwach ist. In Wirklichkeit gilt nämlich die erweiterte Fassung, die meinem alten Freund K. C. Toh aus Kuala Lumpur zu verdanken ist (K C Toh's extension of Murphy's law): "What cannot go wrong will go wrong".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton