Alois Potton hat das Wort [Nr. : 29, 06/1998 ]


 

Das Zornsche Lemma

 

Das Zornsche Lemma ist ein zum Auswahlaxiom äquivalenter Satz der Mengenlehre, der auf Max Zorn zurückgeht: Ist G = (G, £) eine teilweise geordnete Menge, in der jede nichtleere Kette K nach oben beschränkt ist, so gibt es in G maximale Elemente. Eine Kette K ist dabei eine durch £ totalgeordnete Teilmenge von G. Diese heißt nach oben beschränkt, wenn ein a Î G existiert mit x £ a für alle a Î K. Allgemein gibt es zu jedem b Î G ein maximales Element m mit m ³ b.

Diese Weisheit habe ich (woher denn sonst?) vom Internet heruntergezogen. Aber nichts ist perfekt - und das Internet schon gleich gar nicht. Das genannte Lemma stammt nämlich aus dem Jahr 1935, ist also über 60 Jahre alt. Ein leider deutlich längeres und viel weniger anspruchsvolles Zornsches Lemma wurde vor etwa 6 Monaten erfunden - aber nicht von Max Zorn, sondern von Werner Zorn (siehe PIK 1998, Heft 1).

neue Lemma lautet: "Deutschland verschläft das Internet" oder anders formuliert: "Lerne klagen ohne zu leiden". Das zugehörige Manuskript ist reichlich mit seltsamen Cartoons garniert, die der Autor in Auftrag gegeben und vielleicht sogar bezahlt hat. Die Veröffentlichung des Artikels erfolgte unter der Rubrik "Internet", sie hätte aber ebensogut unter "Beschimpfung von DFN-Verein, Telekom und OSI-Bettlern" laufen können. Die Teilnehmer diverser Kongresse sind bereits früher in den zweifelhaften Genuß der stammtischartigen Zornschen Thesen gekommen. Der Beifall des überwiegenden Teils der PIK-Leser ist Werner Zorn wohl gewiß - ebenso wie die Tatsache, daß nur wenige Beiträge eine ähnlich große Leserschaft erreichen werden. Aber rechtfertigt das die Vergleiche der deutschen Kommunikationstechnik mit der Lagerungspraxis für russische Gülle? Oder effekthaschende Zitate, nach denen Deutschland im internationalen Vergleich angeblich jede Woche einen Monat zurückfällt?

Für mich bestätigt das Manuskript (das hoffentlich Gegendarstellungen provoziert) die typisch deutsche Tendenz zur Weinerlichkeit und zum Weh-Klagen ("W" = "Weh" ist ja auch der Anfangsbuchstabe von Werner Zorn). Es ist halt viel einfacher, Mängel aufzudecken als konstruktiv an ihrer Beseitigung zu arbeiten. Jeder kann sofort naserümpfend feststellen, daß ein Ei faul ist; ein nichtfaules Ei zu konstruieren, das ist ungleich schwerer!

Nun will ich nicht behaupten, daß das Zornsche Klagelied völlig unberechtigt ist. Vieles ist verbesserungsbedürftig "in diesem unserem Lande". Aber ein großer Teil der Mängel ist darauf zurückzuführen, daß neue Ideen (wozu auch Internet gehört) erst einmal kritisiert und oberlehrerhaft zerquatscht werden. Konsequenterweise kann sich Neues nur spät und nur gegen härtesten Widerstand durchsetzen - manchmal so verspätet, daß der sprichwörtliche Hase längst über die Höhe ist.

 

Großer Schaden wird von den in Deutschland besonders zahlreichen spitzfindigen Kostenrechnern angerichtet: Als man jahrelang vergeblich versuchte, dem Bildschirmtext zum Durchbruch zu verhelfen (was zum Beispiel in Frankreich durch billige Endgeräte, durch spielerischen Umgang und vor allem durch unkonventionelle Anwendungen sehr gut gelang), da kamen in Deutschland nicht wenige Kostenrechner auf die glorreiche Idee, mühsam eingerichtete BTX-Angebote aus Kostengründen wieder einzustellen. Der ADAC zum Beispiel ist den Ausführungen eines solchen Kostenrechnungshansels erlegen.

Beim Internet ist es ähnlich: Sehr viele Anbieter machen nur zähneknirschend mit, weil sich die Sache momentan noch nicht rechnet; andererseits schalten sie, ohne lange nachzudenken, teure Zeitungsannoncen. An sowas hat man sich eben gewöhnt. Ein wirklich spielerischer Umgang mit Internet will sich nicht so recht einstellen. Dafür sind natürlich die hohen Kommunikationskosten mitverantwortlich (diese Situation bessert sich ja zum Glück seit dem Fall des Telefonmonopols). Aber ein ebenso schwerwiegender Hinderungsgrund ist die Unfähigkeit der Deutschen zum fröhlichen Spieltrieb. Ein Ländervergleich: In den Niederlanden sind http-Adressen in Fernsehwerbespots seit Jahren gebräuchlich und inzwischen völlige Normalität. In Deutschland ist Entsprechendes viel später begonnen worden, und ein großer Teil der Bevölkerung hält das immer noch für mysteriös bzw. für irgendwie gefährlich. Viele Leute wollen lieber nichts Neues probieren als ein überschaubares Risiko eingehen. Diese Haltung ist sogar verständlich, denn: Funktioniert die "ein bißchen riskante" Neuerung, dann ist das normal. Treten aber wider Erwarten Probleme auf, wird es unweigerlich gewaltige Kritik hageln: "Wie konnten Sie überhaupt einen derartigen Unsinn probieren, wo der gesunde Menschenverstand doch sofort erkennen konnte, daß....". Wenn man riskante Neuerungen dagegen ablehnt, hat man weniger Streß, denn Neuerungen sind immer mit Zusatzarbeit verbunden. Im ungünstigsten Fall (wenn man die Einrichtung von wirklich bahnbrechenden Neuerungen durch offensichtliches Zögern verhinderte) wird man als ein wenig übervorsichtig angesehen und vielleicht sogar ein wenig getadelt werden. Das läßt sich aber aushalten und steht in keiner Relation zum Ausmaß der Kritik bei Scheitern des riskanten Experiments.

Was ich damit sagen will: Die Zornsche Mängelliste ist nur zum kleineren Teil auf die von ihm zwischen den Zeilen geäußerte angebliche Beschränktheit der DFN-Oberen zurückzuführen. Viel schlimmer ist die Presse-, Funk- und Fernsehreportern genüßlich zerquatschte Akzeptanz jeglicher Innovation mit Hinweis auf die ungeklärte Folgenabschätzung. Wir alle müssen daran arbeiten, daß diese Seuche (Schlagwort "Technikfeindlichkeit") nicht weiter grassiert und vor allem, daß sie nicht auch noch belohnt wird.

Was ist letzten Endes vom Werner-Zornschen Lemma zu halten? Für meinen Teil gebe ich ihm einen neuen Titel, der eine Leihgabe aus einem (echten!) Papier der theoretischen Informatik ist: "Nil and None considered Null and Void".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton