Alois Potton hat das Wort [Nr. : 30, 12/1998 ]


 

Podiumsdiskussionen I

 

Es ist ein Kreuz mit der Ausrichtung von Tagungen: Weil es so viele davon gibt, kommt die erforderliche Menge an brauchbaren Vortragsmeldungen nur noch ganz selten zusammen. Mit schöner Regelmäßigkeit treffen daher Nachrichten ein, in denen das Datum für die spätestmögliche Abgabe nach hinten verschoben wird. "Due to popular demand we have postponed the deadline until...". Ist die Formulierung "due to popular demand" nicht herrlich? So ähnlich wie: "Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Herren". Kann es einen überzeugenderen Beweis für unzureichenden Eingang qualifizierter Beiträge geben?

Ein mehr als zweifelhafter (wenngleich oft praktizierter) Ausweg aus diesem Dilemma ist es, Abstracts oder Extended Abstracts als Vortragsmeldung zuzulassen. Solch einen kurzen Pofel wird auch der beschäftigste Klient in kürzester Zeit erzeugen. Hier ist nämlich nicht Substanz gefragt, leere Versprechungen genügen durchaus. Die Zahl der Vortragsmeldungen wird auf diese Weise dramatisch erhöht, die Auswahl wird erleichtert, und spätere Schuldzuweisungen (wenn die Versprechungen sich tatsächlich als leer herausstellen) sind unzulässig. Schließlich wurden die Beiträge ja auf Verdacht und mit einem akzeptierten Risiko angenommen.

Allerdings: Unter Umständen kann man mit Extended Abstracts gewaltig auf die Nase fallen. Das schönste mir bekannte Beispiel dafür ist die Story mit der VIDEA-Konferenz. Dort gelang es einer Gruppe von Autoren, gleich vier Extended Abstracts unterzubringen: Nummer 1 war schierer Blödsinn, es hieß nämlich "The Footprint Function for the Realistic Texturing of Public Room Walls". Nummer 2 war ein leicht als solches erkennbares Perpetuum Mobile. Nummer 3 bestand aus einer Kopie des Call for Papers, in der lediglich "in this conference..." durch "in this paper..." ersetzt wurde. Nummer 4 schließlich war geradezu bizarr, nämlich eine per Zufallszahlengenerator aus einem Fachwörterbuch erzeugte Menge von Fachausdrücken, die in herrlich unsinnige Sätze gereiht wurden. An dieser geradezu wundervollen Nummer 4 hat mich besonders begeistert, daß sogar der Begriff "the Sparbuchdruckertheorem" unbesehen durchging. Die ganze Geschichte (incl. Rechtfertigungsversuchen der Konferenzveranstalter!) ist nachzulesen unter: The VIDEA Conference Da Internet-Seiten "nicht ewig leben", muß man ggf. anderswo fündig werden, also z.B. auf Metacrawler nach VIDEA suchen. Es gibt (Stand Ende 1998) mindestens 50 Server, wo man die Sache nachlesen kann.

Wie gesagt: Alle diese Extended Abstracts wurden akzeptiert. Die Organisatoren der Veranstaltung waren offensichtlich scharf auf möglichst viele Tagungsteilnehmer. Und dann stellten sie folgende etwas zweifelhafte Überlegung an: Lehnt man ein Manuskript ab, dann vergrötzt man den Autor. Und beleidigt wie er ist, wird er die gesamte Konferenz durch Nichtteilnahme strafen. Schließlich gibt es Konkurrenzveranstaltungen in Hülle und Fülle, so daß auch das bescheidenste Manuskript eine gute Chance hat, irgendwann angenommen zu werden; man muß es nur oft genug versuchen. Akzeptieren die Tagungsausrichter aber das Manuskript, dann haben sie einen zahlenden Teilnehmer gewonnen. Organisatoren, die um ihr Ansehen fürchten, sind bei dubiosen Angeboten vorsichtiger: Sie lassen keinen Vortrag zu, bieten dem Autor aber an, daß er ein Poster seiner Arbeiten im Foyer der Tagung ausstellen und persönlich erklären dürfe. Dies hat denselben finanziellen Effekt, nämlich einen zusätzlichen Zahlemann. Außerdem wird die Seriosität der Veranstaltung nicht beschädigt. Und man darf auch nicht unterschätzen, daß die häufig recht unansehnlichen Wände des Foyers durch die Poster kostenlos tapeziert werden. Vorteile über Vorteile!

 

Vergessen wir also für den Moment die Veranstaltungen, die ihr Material aus Extended Abstracts rekrutieren. Was soll man aber dann tun für die "richtigen" Konferenzen, die einen großen Mangel an viel zuwenig guten Beiträgen haben (wie es Roda Roda formulieren würde)? Die Verlängerung der Deadline bringt nicht besonders viel. Direktes Telefonmarketing ist erfolgreicher: "Sehr geehrter Herr XXX, Sie müssen unbedingt Ihre international anerkannte Expertise zum Thema YYY vorstellen. Das würde Aufsehen erregen und ein paar Dinge klarstellen, über die in der ...ffentlichkeit wenige und zudem falsche Informationen vorliegen usw. usw.". Durch dieses persönliche Weichklopfen mit Real-Time-Audio (keinesfalls aber per Brief oder per E-Mail) kann der Organisator die Vortragsbilanz deutlich verbessern. Ob es dem Tagungsband zugute kommt, ist eher zweifelhaft, denn ein solchermaßen gewonnener Redner wird normalerweise nichts Schriftliches von sich geben. ("Es gilt das gesprochene Wort").

Das nächste probate Mittel ist die Verkürzung der beiden Ränder. Das heißt, man beginnt erst um 11.30 Uhr am ersten Tag, damit noch am ersten Veranstaltungstag angereist werden kann. Und man hört am letzten Tag schon um 12.00 Uhr auf, um den Teilnehmern eine zusätzliche Übernachtung zu ersparen. Bei zwei- bis dreitägigen Veranstaltungen ist man damit schon fast am Ziel aller Wünsche, selbst bei magerstem Vortragsangebot. Erst recht dann, wenn man noch viele Grußworte von Bürgermeistern, Ministerialen etc. vorsieht, wenn die Zeit für eingeladene Redner nicht zu knapp bemessen wird und wenn ausreichend viel Freiraum für Dinner und für Dinner Speech gelassen wird.

Dennoch: Es kann vorkommen, daß selbst die Kombination aller dieser Mittel noch nicht reicht. Dann gibt es nur noch einen Ausweg: Eine oder mehrere Podiumsdiskussionen zu fetzigen Themen! Und darüber sollte jetzt berichtet werden - was aber nun leider nicht mehr geht, denn durch die Anmerkungen zu den "Extended Abstracts" ist die Kolumne schon so lang geworden, daß für das eigentliche Thema kein Platz mehr ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wie sagte schon Sepp Herberger: "Nach dem PIK-Heft ist vor dem PIK-Heft".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton