Alois Potton hat das Wort [Nr. : 31, 03/1999 ]


 

Podiumsdiskussionen II

 

Und ist das Thema noch so krumm,
man setzt sich gern aufs Podium.
Die Sache hat ein Odium,
das bringt selbst ............!

Die letzte Zeile dieses einleitenden Gedichtchens mußte aus Rücksichtnahme auf das britische Königshaus unvollständig bleiben. Alois Potton ist eben "politically correct".

Also ein neuer Anlauf zum Thema "Panel discussion" (nach den leeren Versprechungen im vorigen PIK-Heft): Die normale Podiumsdiskussion ist von einer Gesprächsrunde a la Arabella Kiesbauer oder Bärbel Schäfer annähernd so weit entfernt wie der Jupiter von der Erde. Oder meinetwegen so weit wie ein Werbespot für Coca Cola von einer via MBone übertragenen Vorlesung. Das muß uns nicht wundern, sind doch in den jeweiligen Fällen drastisch unterschiedliche Geldmittel im Spiel - und Amateur bleibt eben Amateur. Die Podiumsteilnehmer sind im Hauptberuf weder Showmaster noch Filmsternchen, und das merkt man. Wäre ja nicht weiter schlimm, weil jeder Zuschauer das weiß (und auch insgeheim zugibt, daß er selbst wohl kaum besser agieren würde). Allerdings: Durch die Berieselung mit Fernsehwerbespots ist die schweigende Mehrheit des Auditoriums, das der Podiumsdiskussion mehr oder weniger intensiv lauscht, außerordentlich verwöhnt. Eine wirkliche Zufriedenheit mit dem Ablauf der Veranstaltung wird sich deshalb nur selten einstellen. Auch der Versuch, sich auf das Wesentliche (nämlich auf die Inhalte statt auf die Präsentation) zu konzentrieren, will aus denselben Gründen nicht so recht gelingen.

Die Sache wird noch dadurch verkompliziert, da§ sich die meisten Organisatoren einer Podiumsdiskussion um möglichst ausgewogene Zusammensetzung bemühen. Alle Aspekte haben sich dem Gesichtspunkt "Abdeckung möglichst vieler unterschiedlicher Facetten" unterzuordnen. Das führt zu einem extrem schwierigen graphentheoretischen Überdeckungsproblem - und die suboptimale Lösung sieht dann etwa wie folgt aus: Ein katholischer DFN-Mitarbeiter aus Niedersachsen, eine leitende Angestellte einer Anwenderfirma aus Baden-Württemberg, ein konfessionsloser Universitätsprofessor aus der Schweiz, ein Vertreter des Top-Managements eines großen japanischen Herstellers usw. usw.

 

Apropos Podiumsteilnehmer aus Japan: das ist bei internationalen Tagungen natürlich ein Muß. Der Beitrag des japanischen Podianten (ist das nicht eine nette Wortneuschöpfung?) bringt allerdings oft wenig Erkenntnisgewinn. Der Japaner - und das gilt in leicht abgeschwächter Form auch für andere Nationen - wird mit einer Unzahl von Overheadfolien oder mit einer ähnlich langen Powerpointdemonstration anrücken. Bei der zweiten Alternative hat man häufig Glück, weil Murphy sagt, daß irgend etwas mit der Technik nicht funktionieren wird. Im Normalfolien-Fall kann man sich nur dadurch retten, daß man den Overheadprojektor entfernt oder die Birne ausschraubt. Leider gelingt es dann meist, Ersatz zu organisieren, und man muß den Folienvortrag über sich ergehen lassen. Was enthalten diese geheimnisvollen sehr bunten Folien? Hier eine kleine Inhaltsauswahl:

- Kuchendiagramme mit geschönten Unternehmensbilanzen.
- Marktentwicklungstrends für das nächste Jahrzehnt.
- Architekturfolien mit zahllosen Kästchen, mit OSI-artigen Stacks und mit diversen die Kästchen verbindenden Pfeilen.
- Am schlimmsten: Entsetzlich viele Abkürzungen! Ich habe neulich - das ist kein Witz - eine Folie gesehen, die mindestens 67 Abkürzungen enthielt. Weiter konnte ich nicht zählen, weil der Präsentator in diesem Augenblick zur nächsten ähnlich abkürzungs-"reichen" Folie wechselte.
- Bei "internationalen" Folien: Mehr oder weniger großmaßstäbliche Landkarten, auf denen die Dependancen des Arbeitgebers eingetragen sind. Für mich ist das der angenehmste Teil von Folienpräsentationen: Man freut sich an geheimnisvollen Namen wie Munnari, Thiruvananthapuram oder Johor Bahru - und man beginnt zu träumen. Oder man grinst innerlich über unfreiwillige Fehldarstellungen, also wenn zum Beispiel Berlin östlich von Moskau zu liegen kommt. Die besondere Tücke foliengestützter Eröffnungsstatements ist, daß der Vortragende höchstens mit Brachialgewalt vom Moderator der Veranstaltung davon überzeugt werden kann, daß er seine langweiligen Ausführungen endlich abzubrechen habe - und das geht anstandshalber nicht vor Ablauf von zehn Minuten. Wenn der Moderator allzu zahm ist (Moderator kommt von "moderare", d.h. von "mäßigend eingreifen"), dann ist die Podiumsveranstaltung nichts anderes als eine Folge von "short paper presentations".

Diskussionsteilnehmer unterscheiden sich neben ihrer Nationalität und ihres Arbeitnehmerverhältnisses auch durch ihre Typologie. Da gibt es trockene Verwaltungsleute ebenso wie na§forsche Berater oder weinerliche Weltuntergangsankündiger. Die letzte dieser Kategorien zu vertreten, das ist besonders einfach: Man rede vom großen Bruder, male kassandrahaft einen Y2K-Popanz an die Wand, würze das Ganze mit einem Schuß Kulturpessimismus, schon hat man den Tag gewonnen. Standardzitat: "Es muß doch erlaubt sein, Fragen zu stellen"! (Ohne natürlich auch nur ansatzweise zu versuchen,eine dieser Fragen zu beantworten).

Auf diese Weise wird sich die Podiumsdiskussion - immerhin tröstlich - ebenso stetig wie unerbittlich ihrem zeitlichen Ende nähern. Und danach wird sie überraschend schnell vergessen sein. Abgesehen natürlich von besonderen Ereignissen, die haften bleiben, obwohl oder weil sie mit dem Inhalt nichts zu tun haben: daß einer der Teilnehmer im Übereifer sein Wasserglas umgeworfen hat; daß der Japaner etwas murmelte, was wie "lauting" klang; daß sich zwei KiVS-Gurus ohne ersichtlichen Anlaß lautstark beschimpften. Solche ungeplanten Events entschädigen ein wenig für den ansonsten staubtrockenen Ablauf. Sie sind fast schon talkshow-like. Leider kommen sie viel zu selten vor.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton