Alois Potton hat das Wort [Nr. : 32, 06/1999 ]


 

WEITUKÄH

 

Der nächste Jahreswechsel ist ein besonderer. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung markiert er allerdings nicht das Ende des zweiten Jahrtausends n.u.Z. (nach unserer Zeitrechnung; DDR-Jargon, mit dem das Wort Christus vermieden werden sollte). Den alten Römern war die Zahl (und das Jahr) Null unbekannt, weshalb das aktuelle Jahrtausend noch ein Jahr länger dauern wird als vielerorts angenommen. Es wird außerdem vermutet, daß Christi Geburt bereits im Jahr –6 erfolgte. Bei korrekter Zählung hätten wir demnach schon einige Jahre des dritten Jahrtausends hinter uns und der nachfolgend angesprochene Kuddelmuddel wäre längst passé. Wir hätten auch kein Problem, wenn wir nach dem islamischen, jüdischen oder chinesischen Kalender rechnen würden, denn die haben momentan ganz unauffällige Jahreszahlen.

Nein, das große Menetekel des kommenden Jahreswechsels hat mit Computern zu tun und heißt "Weitukäh-Problem" (englisch: Y2K problem), weil die dummen Rechner wegen ihrer Uralt-Software mit dem Ziffernüberlauf 999 - 000 nicht zurechtkommen. Apropos Software: kann jemand erklären, warum dieses Wort von Wissenschaftsredakteuren im Fernsehen oder von CeBIT-Präsentatoren immer so überkandidelt ausgesprochen werden muß wie etwa "Zzzhoffftwehr"?

Jetzt haben wir also den Salat mit dem Jahr Zweitausend. WEITUKÄH heißt die Devise, mit der uns Weltuntergangsverkünder und abgezockte Krisengewinnler seit Jahren malträtieren. Wenn man den landauf und landab geäußerten Katastrophenbekundungen glaubt, dann halten Sie die vorletzte Ausgabe der PIK in Ihren Händen, weil ja in der nächsten Silvesternacht punkt 24.00 Uhr alles, wirklich alles seinen Dienst einstellen wird. Flugzeuge werden abstürzen, Telefone werden nur noch Besetztzeichen melden (wenn überhaupt), die Logistik des Lebensmittelhandels wird komplett zusammenbrechen. Einwohnermeldeämter werden Hundertsechsjährige wieder in die Grundschule schicken, keine Kreditkarte wird mehr funktionieren und sämtliche Rentenbescheide werden falsch sein. Der Film "Apocalypse now" ist, wenn dieses Gejammere auch nur halbwegs zutrifft, eine harmlose Variante von dem, was uns bevorsteht. Es ist unmöglich, gegen diese Panikmache völlig immun zu bleiben. Beispielsweise habe ich mir auf einem Flohmarkt vorsorglich eine handbetriebene russische Taschenlampe gekauft. Mit diesem Low-Tech-Gerät könnte ich mir, wenn ich den Jahreswechsel zuhause verbringe, am frühen Neujahrsmorgen die Schäden betrachten. Aber eigentlich träume ich davon, dem Jahreswechsel rund um die Uhr hinterherzufliegen – von Tonga über Australien, Indien usw. bis nach Hawaii oder so. Da würde ich dann von oben sehen, ob die Ländereien auf der Erdoberfläche kurz zuvor wegexplodiert sind. Obwohl: Die Benutzung eines Flugzeugs zum nächsten Jahreswechsel, das muß denn doch nicht sein; insofern hat die Infiltration der Weitukäh-ologen bei mir schon gewirkt.

Ich weiß, daß die folgende These riskant ist, aber ich wage sie trotzdem: Das Weitukäh-Problem ist ein groß angelegter Beschiß. Ich halte davon nichts oder nur wenig mehr als vom Ablaßhandel im frühen 16. Jahrhundert. Damals wie heute wurde der Bürger durch große Panikmache aufgeschreckt und an seine Sünden erinnert. Es wurde ihm angedroht, daß er grauenvoll leiden müsse, wenn er nicht enorm viel Geld für Traktate und Programme (sowie für deren Überarbeitung) auszugeben bereit sei. Und genau wie heute sind beliebig viele Kleingläubige hereingelegt worden. Passiert ist jedenfalls damals nicht sehr viel; es hat sich meines Wissens noch niemand gemeldet, der wegen Nichtbezahlung eines Ablaßzettels zur Strafe in der Hölle schmort. Und ich vermute, daß sich auch diesmal der Schaden in Grenzen halten wird - vielleicht einmal abgesehen von ein paar verspäteten Rentenbescheiden im Januar/Februar 2000.

 

Meine Prognose ist außerordentlich riskant, denn falls es wirklich zur Katastrophe kommen sollte, bin ich natürlich der Dumme (obwohl: wenn wir sowieso alle hopsgehen, dann ist es ja egal). Wenn dagegen wie von mir erwartet nichts nennenswert Negatives passiert, dann wird das entweder unkommentiert bleiben (so wie etwa die Wahrsager ihre zu Beginn des vergangenen Jahres abgegebenen Fehlprognosen schlicht und einfach "vergessen") oder man wird das Ausbleiben von Schäden auf die zahllosen Warnungen und auf die zwar spät, aber zum Glück noch rechtzeitig eingeleiteten Gegenmaßnahmen zurückführen. Das ärgert mich, ist aber nicht zu ändern.

Reale Befürchtungen habe ich eigentlich nur für das zweite Halbjahr 1999: Beinahe täglich rechne ich damit, daß die Ukraine gewaltige finanzielle Forderungen stellt, um Tschernobyl Weitukäh-tauglich zu machen (weil man es aus eigener Kraft nicht schaffen könne und weil im Ernstfall eben die ganze Welt bedroht wäre). Bereits die schiere Vorstellung einer solchen Forderung und ihrer Konsequenzen führt dazu, daß ich mich lieber mit der Frage abzulenken versuche, wie denn die Jahre 00 - 19 des nächsten Jahrhunderts heißen werden. Man kennt die "Zwanziger", die "Sechziger" und die "Neunziger", aber für die ersten zwei Jahrzehnte eines Jahrhunderts funktioniert das aus merkwürdigen Gründen nicht.

Es gibt schlimmere Dinge als "Weitukäh". Zum Beispiel:

daß ein Parfümshop im zollfreien Bereich von Frankfurt/Flughafen sich "Beauty-free" nennen darf

daß es Arbeitskreise gibt, deren Initiatoren angestrengt nach einem treffenden Namen suchen und dann so hilflos Mißlungenes produzieren wie "Technische Dokumentation und Help"

daß Menschen ihre grauen Zellen belasten mit Sachen wie der folgenden in einer Rundfunkzeitschrift entdeckten "nützlichen Hilfestellung und Gedächtnisauffrischung" zur Lösung eines Kreuzworträtsels, nämlich: "Aba = Arabisches Sackgewand".

Manchmal glaube ich, daß der Weitukäh-Wirbel ähnlich bedeutend ist wie so ein arabisches Sackgewand.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton