Alois Potton hat das Wort [Nr. : 34, 03/2000 ]


 

Extero-propriozeptives Feedback

 

Die Informations- und Kommunikationstechnik wird immer lateinischer. Es gehört offenbar zum guten Ton, auf seine humanistische Bildung aufmerksam zu machen, z. B. mit Veranstaltungen zum Thema "Informatik – cui bono?" Oder mit Sülzereien wie "Ceterum censeo, dass mutatis mutandis ... Aber: Suum cuique! Immerhin gilt a fortiori und a posteriori, dass der Computer ubiquitär wird". Einige andere (garantiert echte!) nicht ganz so lateinische Beispiele meiner Privatsammlung sind:

- das supportive kumulativ Systemische
- der expertative Error
- emotive situative Sinnhaftigkeit
- einen argumentativen Diskurs als Thema ziselieren.

Die Liste derartiger Monströsitäten ließe sich beliebig fortsetzen.

Ein Workshop anlässlich von KiVS’99 hieß "Electronic Commerce - Quo vadis?". Diese Mischung aus Neudeutsch (also Englisch) und Latein scheint überhaupt der neue Megatrend (englisch: Hype) zu sein. Das schönste mir bisher untergekommene Beispiel dafür steht im ansonsten sehr gut gelungenen Beitrag "der überforderte Techniknutzer" (PIK 3/99) und heißt "extero-propriozeptives Feedback". Das ist eine Buchstabenkombination, die von Dritte-Zähne-Trägern nicht ohne erhöhtes Gebissverlustrisiko ausgesprochen werden kann. Das Wort Feedback ist mir zwar näherungsweise bekannt, aber ich habe keinen Schimmer, was mit diesem "extero-proprio..." gemeint sein könnte. Mit einiger Mühe kann ich noch herausfinden, dass es wohl weder echtzeitlich noch kontinuierlich noch erwartungsgemäß bedeuten dürfte, denn "extero-proprio..." steht zusammen mit diesen drei Begriffen in einer aufzählenden Reihe. Im genannten Manuskript steht wörtlich: "Der Techniknutzer setzt die Geräte, die echtzeitlich, kontinuierlich, extero-propriozeptiv und jedesmal erwartungsgemäß reagiert, als stets gegebene Rahmenbedingung". Der Inhalt dieses geheimnisvollen Satzes bleibt mir auch nach mehrfachem Lesen im Verborgenen, er wird sogar durch wiederholtes Lesen immer unverständlicher. Ich kann noch ermitteln, dass der Satz syntaktisch nicht ganz korrekt ist ("der Nutzer setzt die Geräte, die ... reagiert"; Leute, wollt ihr nicht endlich mal Korrektur lesen!?). Aber auch wenn ich "reagiert" durch "reagieren" ersetze, komme ich mit dem Inhalt des geheimnisvollen Satzes absolut nicht klar.

Wenn die Autoren des Beitrags irgendwie "normal gedacht haben", dann sollten die vier Begriffe der aufzählenden Liste jeweils etwas anderes bezeichnen. Allerdings: Kann man bei Psychologen von Normalität ausgehen? Dass "extero-proprio..." mit drei anderen Begriffen wahrscheinlich wenig oder nichts zu tun hat, trägt noch nicht sehr viel zum Erkenntnisgewinn bei. Deshalb bin ich mittelschwer befremdet und auch verärgert darüber, dass die Autoren mir das Verstehen des Beitrags (absichtlich?) unnötig erschweren. Schließlich haben sie den Artikel mit "der überforderte Techniknutzer" betitelt, die Überschrift "der überforderte PIK-Leser" wäre vielleicht angemessener gewesen. Aber ehrlich gesagt bin ich ja nur ein wenig neidisch, denn einer der beiden Autoren des "extero-proprio..."-Manuskripts ist nicht nur Psychologe, sondern auch Finanzwirt. Und das ist wahrscheinlich noch deutlich besser als Bahnhofswirt.

 

Andere "Experten" verhindern das Verständnis durch einen geradezu zwanghaften Abkürzungs- und Schnoddrigkeitswahn, also durch den Wechsel vom Lateinischen ins (Fach-)Chinesische. Auch hier kann ich mir das Zitieren einiger wirklich ernstgemeinter krankhafter Auswüchse nicht verkneifen: - POT bleibt (baw)
- CPU/Mem (VLSI)-Trend hält an
- C/S => Multi Tier-Server.

Solche Formulierungen sind bestenfalls als Mülltonnengerappel zu bezeichnen, wobei besonders das im letzten Beispiel genannte Vielfachlebewesen zu bedauern sein dürfte. Das erste Beispiel könnte bedeuten, dass der Nachttopf in Baden-Württemberg eine dauerhafte Einrichtung bleiben wird, was ich daraus schließe, dass der Verfasser der mysteriösen Aussage in Ba-Wü ("baw") lebt und arbeitet.

Mit aller Gewalt kann man den Floskeln durch mühsame Decodierung vielleicht sogar noch Sinn abgewinnen. Aber wenn dem so ist, dann ist es umso ärgerlicher, dass der jeweilige Autor sich zu einer derart schlampigen Formulierung bequemt hat. Wobei ich das Wort "bequem" mit voller Absicht verwendet habe.

Was will der Urheber solch geschwollener Texte oder Thesen eigentlich erreichen? Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass er einen gewaltig großen Minderwertigkeitskomplex hat und durch schlaues Gefasel davon ablenken will. Er meint nämlich, dass er als Redner bzw. als Autor überhöht und unantastbar sei, wenn der Gesprächspartner oder der Leser nur Bahnhof versteht. Und er glaubt ohne jede Berechtigung, dass man direkt in Ehrfurcht vor ihm erstarren müsse. Aber ein solcher Verfasser von lateinischem oder fachchinesischem Schwachsinn könnte sich gewaltig irren, wenn er an die geniale Wirkung seines Gebrabbels glaubt. In jedem kleinen Kaff gab es früher jemanden (in aller Regel war es der Dorftrottel), der über nichts anderes Bescheid wusste als über die (zahlreichen!) Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Dorfbewohner untereinander. Also etwa, dass der Grossvater des Onkels mütterlicherseits der Sohn des angeheirateten Schwipschwagers der Stiefmutter sei. Ich kann mich noch an viele Stunden solcher "nützlicher" Zusammenkünfte erinnern. "Meien" nannte man das grauenhafte Dummschwätzen anlässlich solcher anheimelnder familiärer Treffen vor der flächendeckenden Einführung des Fernsehens, zu deren Teilnahme wir Kinder selbstredend zwangsverpflichtet wurden. In der Tat hat uns der scheinbar hohe Kenntnisstand von Kennern der überabzählbar vielen Verwandtschaftsrelationen zunächst gewaltig beeindruckt, bis wir dann draufkamen, dass die selbsternannten Experten in Wirklichkeit nichts als alte Trottel waren. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher als dass dieselbe Erkenntnis sich schlussendlich auch bzgl. der Fachchinesisch-Verbreiter durchsetzen wird.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton