Alois Potton hat das Wort [Nr. : 35, 06/2000 ]


 

Jahresberichte

 

Durch allzu deutliches Betonen eines Sachverhalts erreicht man häufig einen unerwünschten Effekt. Man weist nämlich ungewollt auf Schwächen hin, die andernfalls nicht so offensichtlich gewesen wären. Zwei Beispiele:

Die Industrieansiedlungen fördern sollende Formulierung "Hermeskeil liegt im Schnittpunkt der Verkehrsachsen Paris-Berlin und London-Rom" spricht nicht für Weltstadtniveau, sondern ist viel eher ein Indiz dafür, dass in und um Hermeskeil ziemlich tote Hose ist.

Das Zitat (sinngemäß aus einem Inflight-Magazin von Ukraine Airlines übersetzt) "Kiew ist eine außerordentlich sichere Stadt mit gutem Trinkwasser und kaum erhöhter Radioaktivität" weist auf nicht weniger als drei Problembereiche hin, die in Werbeprospekten der Stadt Zürich nicht genannt werden müssen (und deshalb auch nicht genannt werden).

Ungefragte und daher überflüssige Rechtfertigungsversuche erzeugen also kontraproduktive Effekte. In ganz ähnlicher Form gilt das für die sogenannten Jahresberichte, die sich seit einiger Zeit seuchenartig ausbreiten. Irgendein Narr, der offenbar an keinerlei Zeitmangel litt, hat sich in diesen Unsinn ausgedacht, und jetzt müssen es alle anderen nachmachen.

Typisch für Jahresberichte ist das sehr späte Erscheinen. "Unserer" (denn wir müssen ja leider auch ein solches Machwerk produzieren) wird normalerweise Anfang Dezember ausgeliefert (nicht für das laufende Jahr, sondern für das Vorjahr!). Aber eigentlich sind solche Verspätungen belanglos, denn die Inhalte von Jahresberichten aufeinanderfolgender Zeiträume sind fast identisch - und lesen tut das Zeug sowieso niemand.

Was steht eigentlich drin in solchen Berichten? Zunächst einmal natürlich die Liste aller Beteiligten, vom Professor über die Mitarbeiter bis zum Hausmeister. Es wird genauestens aufgeführt, in welchen Gremien wer wann tätig war (Haushalt, Geräte, Berufung, Prüfungen, Bibliothek,....). Zur Auflockerung wird diese Sammlung garniert mit manch munterem Gruppenfoto oder mit einer Ablichtung des Institutschefs, wo ihm die Bedienung eines Computerbildschirms erklärt wird. Wenn einem sehr wenig einfällt (oder wenn es wenig zu berichten gibt; man beachte die oben erwähnten kontraproduktiven Effekte von Jahresberichten), dann wird stolz verkündet, dass das eine oder andere Manuskript referiert werden durfte, dass man Mitglied in diversen Organisationen sei, dass man das Amt des Vorsitzenden der Schülergesellschaft für Mathematik ausfülle usw. usw. Es gibt nichts, was unwichtig genug ist, in dieser Rubrik nicht aufzutauchen.

 

Die auf solche Weise entstehende Liste ist aber noch nicht voluminös genug, um dem Jahresbericht seine angemessene Dicke zu verleihen; schließlich ist sein Hauptzweck, schief stehende Klaviere durch geeignetes Unterfüttern mit einem Jahresbericht in waagerechte Position zu zwingen. Also müssen zusätzliche Texte erzeugt werden. Ein großer Teil davon entsteht dadurch, dass die Mitarbeiter ihre aktuellen Forschungsarbeiten vorstellen. Gegen dieses Ansinnen ist zunächst einmal nichts einzuwenden, wenn denn die wirklich Interessierten nicht durch einschlägige Zeitschriften oder Tagungen sowieso schon informiert wären. Nun gut, wird man einwenden, es wird ja nicht alles auf Kongressen oder in Journalen vorgestellt. Im Klartext also: der Jahresbericht enthält auch und manchmal überwiegend Kurzpräsentationen von Arbeiten, die anderswo abgelehnt oder überhaupt nicht zur Veröffentlichung angeboten wurden. Das heißt aber doch wiederum, dass der Leser (wenn es denn einen solchen gäbe) sich viele schöngeredete unbrauchbare Dinge antun soll; na denn vielen Dank!

Kein Jahresbericht kann verzichten auf die Zusammenstellung dessen, was sich im Laufe des Jahre alles zugetragen hat. Man erfährt also, wen von seinen alten Spezis der Institutsleiter im vergangenen Jahr zum Vortrag eingeladen hatte - mit dem listigen Hintergedanken der unvermeidlichen Gegeneinladung, über deren Verlauf man dann im nächsten Jahresbericht informiert wird. Es wird nämlich auch penibel vermerkt, von wem man zum auswärtigen Vortrag eingeladen wurde und wohin man zu solchen Zwecken reisen musste.

An wen wendet sich eigentlich der Jahresbericht? Nicht wenige Exemplare der meist unvertretbar hohen Auflage gehen an Fachkollegen in der vergeblichen Hoffnung, diese zu beeindrucken. Die wichtigsten Adressaten sind aber wohl die leitenden oder untergeordneten Beamten in Landes- und Bundesministerien. In der Tat könnte das ein trickreiches Motiv des ersten Jahresberichterzeugers gewesen sein: Wenn hinreichend viele Ministerialbeamte mit dem Lesen ebenso langer wie langweiliger Berichte beschäftigt werden können, dann bleibt diesen Ministerialen weniger Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen. Schön wäre das ja, aber ich glaube nicht, dass der Ersterzeuger eines Jahresberichts so trickreich gedacht hat (denn er selbst muss ja eher ein Bürokrat gewesen sein). Und außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Berichte in den jeweiligen Ministerien derart intensiv gelesen werden; so naiv sind die Ministerialen nämlich nun auch wieder nicht! Die Vergeblichkeit etwaiger Versuche zum Einlullen von Ministerialen durch verschärftes Jahresberichtlesen wird schon dadurch nachgewiesen, dass das Ausmaß der erwähnten dummen Gedanken nicht gesunken, sondern (nicht zuletzt wohl auch durch die Jahresberichte) eher gestiegen zu sein scheint. Nachvollziehbare Argumentation von ministerialer Seite: "Wenn die Kerle soviel Zeit haben, um derart Unsinniges wie einen Jahresbericht zu produzieren, dann müssen wir ihnen unbedingt diese oder jene zusätzlichen Pflichten aufbrummen".

Konsequenterweise wenden sich die Jahresberichte eigentlich an niemand - außer an die Füße schief stehender Klaviere. Aber so viele Klaviere gibt es ja nun wieder auch nicht, und außerdem steht manches Klavier sogar ohne Unterstützung durch Jahresberichte schon gerade.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton