Alois Potton hat das Wort [Nr. : 36, 09/2000 ]


 

Teleteaching

 

Es gibt unterschiedliche Formen der Wissensvermittlung. Der technische Fortschritt führt zu immer neuen Möglichkeiten und zu neuartigen Experimenten - auf den ersten Blick zum Vorteil des Lernenden und auch des Lehrenden. Ob sich aber ein wirklicher Nutzen einstellt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Ein bekanntes Zitat heißt:

"You can teach people using your head.
You can kill people using overhead.
Your can overkill people using two overheads!".

Diverse Erfahrungen veranlassen mich, die Abfolge "head, overhead, two overheads" durch zwei weitere Elemente (nämlich "Powerpoint" und "Teleteaching") zu ergänzen und zwar wie folgt:

"You can only disappoint
with demos using Powerpoint.
But the disaster will be farther reaching
when you begin with Teleteaching".

Zur Erläuterung: Am nachhaltigsten war und ist Wissensvermittlung immer noch "per Kopf", d.h. durch Argumentation und Diskussion, ggf. unterstützt durch Tafel und Kreide. Aber das hat sich mit dem flächendeckenden Einsatz des Overheadprojektors (Überkopfwerfers) deutlich geändert. Dieses Gerät ist für den Referenten bequem und daher sehr beliebt. Es ermöglicht das Halten eines Vortrags, ohne dass man vom Inhalt des Referats irgendwelche Ahnung hat: Man liest nämlich einfach die Folientexte ab. Nur wenige Vortragende können der Versuchung widerstehen, Berge von Folien zu verwenden, die mit allerlei kryptischen Abkürzungen überfrachtet sind. Auf diese Weise wirken die Vorträge gleichzeitig unverständlich, kenntnisreich, mysteriös und unangreifbar.

Die nächste Stufe der Schwierigkeit besteht im Einsatz eines zweiten Überkopfwerfers. Das hat den für den Referenten gesundheitsfördernden Effekt, sich sportlich zu betätigen. Der Vortragende springt nämlich wie ein Irrwisch zwischen beiden Projektoren hin und her, wobei er ständig Folien wechselt. Dass er sich dabei nicht selten verheddert, wird als systemimmanent unvermeidlich und ohne Murren zur Kenntnis genommen.

Der Fortschritt der Technik lässt sich natürlich nicht aufhalten und erzeugt mit Macht (also mit power, nomen est omen!) neue Dinge, vorzugsweise die Missgeburt namens Powerpoint, wodurch die Vorträge noch moderner werden. Alle Abarten von Fehlfarbenkombinationen werden möglich und die Folien gewinnen (scheinbar!) an Dynamik. Sie sind zunächst fast leer und füllen sich schrittweise dadurch, dass Buchstaben und Grafiken quasi aus dem Off herbei-"zittern". Das ist für den Zuschauer zunächst sehr beeindruckend (wie macht der Kerl das bloß?), aber schon nach kurzer Zeit wird es nervtötend. Ein deutlicher Nachteil gegenüber den Überkopfvorträgen besteht darin, dass Powerpoint-Präsentationen trotz ihrer Herbei-Zittereffekte irgendwie statisch sind: Man hat während eines Vortrags so gut wie keine Chance, Inhalte zu ändern oder zu ergänzen - schon gar nicht in Echtzeit. Damit ist man Druckfehlern oder anderen Unzulänglichkeiten des Erzeugungsprozesses hilflos ausgeliefert, wenn man sie erst während des Vortrags bemerkt. Und Murphy bestätigt seine Allgegenwart dadurch, dass Powerpoint-Demos mit Vorliebe abstürzen oder nicht zum Laufen kommen oder dass zu ihrer Installation massenhaft Zeit benötigt wird, die dem Referenten dann fehlt (aber das kann auch sein Gutes haben).

 

Das Bisherige ist aber Peanuts gegenüber der letzten Stufe der Evolution, nämlich Distance learning, Teleteaching, Virtual Classroom oder wie auch immer man das nennen mag. Gemeint ist die unvermeidlichste aller Entwicklungsstufen, denn um alle anderen kann man sich irgendwie drücken, aber an diesem neuen Trend wird niemand mehr vorbeikommen. Und das wird bitter, denn diese neuen Techniken sind ja ganz nett und zunächst unverdächtig, aber Aufwand und Kosten...! Das beginnt bei der technischen Infrastruktur (Räume, Kameras, Vernetzung, Gebühren - jawohl: Gebühren, obwohl das oft vergessen wird). Es geht weiter mit den Präsentationstechniken (nicht jeder Fernlehrer ist ein Showmaster, und bei lokalen Veranstaltungen werden die Mängel nicht so überregional sichtbar). Und es endet beim geradezu unermesslichen Aufwand zur Erstellung des Lernmaterials - wenn dieses halbwegs professionell gestaltet sein soll. Die Protagonisten des Distance Learning werden darauf hinweisen, dass die Lage durch neue Werkzeuge entscheidend verbessert werde und dass mit deren Hilfe qualifiziertes Material ruckzuck produziert werden könne. Diese frohe Botschaft hört man gern, allein mir fehlt doch ein wenig der Glaube. Ich fürchte nämlich, dass jede Vereinfachung durch dramatisch steigende Qualitätsansprüche des Kunden kompensiert wird. Schauen Sie sich einmal einen ca. zehn Jahre alten Werbespot an und Sie werden feststellen, dass er Ihnen ebenso langweilig wie unprofessionell vorkommt und dass er bestenfalls noch in der Rubrik "unfreiwillig komisch" mitlaufen kann. Professionelle Werbespots kosten heutzutage Millionen - und sowohl die dafür benötigte Zeit als auch die Herstellungskosten sind keineswegs niedriger geworden, eher ist das Gegenteil der Fall. Ich habe Anlass zur Vermutung, dass dies für Distance-Learning-Material nicht anders ist: Der Nutzer wird Produkte, die älter als drei Jahre sind, nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Für die Produzenten solchen Materials wird daher der Stress niemals aufhören.

Auf einen wenig zitierten Begleiteffekt von Distance Learning bin ich noch gar nicht eingegangen, nämlich die totale Freudlosigkeit der Präsentation: In "normalen" Veranstaltungen kann man schon mal spontan und ungestraft einen Witz erzählen. Im Teleteaching ist dafür kein Platz, weil die pure Anwesenheit der Kamera und die grundsätzliche Wiederverwendbarkeit des Materials solche Gelüste im Keim erstickt.

Letztlich ist auch noch der Lernerfolg bei neuen Lehr- und Lernformen und seine "Nachhaltigkeit" (welch' vornehmes Wort) zu hinterfragen. Auch hier wird viel Positives verkündet, aber ich denke, es ist so ähnlich wie wenn Doris Day singt "Move over darling, make love to me": In Wahrheit sind es wenig mehr als leere Versprechungen.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton