Alois Potton hat das Wort [Nr. : 37, 12/2000 ]


 

ILOVEYOU-Viren und anderes Gewürm

 

Bevor wir zum Titelthema kommen, möchte Alois geziemend darauf hinweisen, dass am WEITUKÄH-Wirbel (Y2K) - wie in PIK 3/99 vorhergesagt - nichts, aber auch überhaupt nichts, dran war; abgesehen natürlich von Geldmacherei. Als die ersten Jahreswechselbilder aus Sydney kamen und Australien weder explodierte noch stromlos war, da war der Fall schon gegessen. Natürlich bliesen unsere professionellen Hysteriker zu Rückzugsgefechten und behaupteten, erst beim Wechsel zur GMT-Zeit einige Stunden später werde es so richtig krachen. Tat es aber nicht! Die Schwarzseher prophezeiten daraufhin, bisher habe man unverdientes Glück gehabt, jetzt würde aber am nächsten Arbeitstag, also am Montag, 3. Januar 2000, die unvorbereitete Software kleinerer Firmen den Geist aufgeben, was sie natürlich keineswegs tat. Es folgte eine Vorhersage bzgl. Verhungernsgefährdung von Rentnern wegen fehlerhafter Abrechnungen und ausbleibender Zahlungen am Januar-Ende. Den Sozialminister hätten ja vielleicht die auf diese Weise möglichen Einspareffekte interessiert, aber seine Hoffnung (wenn er sie denn hatte) blieb ebenso unerfüllt wie eine Vielzahl von anderen Erwartungen.

Die letzte Ausgabe des "Stern" des Jahres 1999 zeigte auf der Titelseite mehrere gefährlich aussehende Bomben und jammerte in riesigen Lettern: "Warum es doch ernst wird". Das hat möglicherweise die darbende Auflagenhöhe des Blatts kurzfristig gesteigert, aber es war inhaltlich ungefähr so seriös wie die Hitlertagebücher.

Es war genauso wie im August 1999, wo einige blöde Hanseln ein Chaos auf allen Weltmeeren vorhersagten, weil Anfang September 99 die GPS-Systeme (welche auf 1024 Wochen ausgelegt waren und sind) in ihrer Wochenzählung überlaufen und aufs Dramatischste spinnen würden. Die genannten Tuppese (in Aachen wird der Hansel "Tuppes" genannt) wussten mit Sicherheit, dass alle GPS-gelenkten Tanker, Frachter, Kreuzfahrtschiffe,... hilflos auf dem Meer herumirren und mit weißen Haien oder mit Eisbergen zusammenstoßen würden. Es wurden Horrorszenarien verkündet, die Steven Spielberg mehr als genug Material für seine nächsten zehn Filme liefern können.

Nichts von den Spekulationen bzgl. Weitukäh ist also eingetreten, aber die Schwarzmaler geben nicht auf. Jetzt muss eben der nächste Jahreswechsel als Gefahrenmoment herhalten - und so wird das ad infinitum weitergehen! Hat man es Alois gedankt, dass er frühzeitig auf die unsinnige Manie hingewiesen hat? Keineswegs! Das war zwar zu erwarten, ist aber doch mehr als ärgerlich. Immerhin brachte der Kölner EXPRESS am 12. Januar 2000 folgende Kurzmeldung unter der Überschrift "Alles übertrieben?": "200 Milliarden Mark wurden in den USA gegen Computerprobleme zum Jahreswechsel ausgegeben. Davon waren 20 Milliarden für die Katz, glaubt ein Präsidentenberater". An und für sich ja eine richtige Meldung - bis auf einen offensichtlichen Druckfehler: Bei der zweiten im Beitrag genannten Zahl fehlte eine Null am Ende.

Kurt Geihs, der wie viele andere von mir per Email auf diesen Druckfehler aufmerksam gemacht wurde, schrieb dazu : "Ja ... aber wir Informatiker profitieren doch alle von dieser Hysterie?!? Jetzt brauchen wir dringend ein neues Boom-Thema". Ebenfalls völlig richtig, aber das neue Boom-Thema ist schon da (genauer gesagt: es war schon lange vor WEITUKÄH anwesend und zeigte ab und zu seine scheußlichen Krallen). Es ist im Gegensatz zu WEITUKÄH viel geheimnisvoller und unangreifbarer: Bei WEITUKÄH kann man immerhin posthum oder vielleicht besser "postjahreswechselmäßig" feststellen, dass der ganze Wirbel lediglich Panikmache war. Beim neuen Boomthema, das sich im Titel der Kolumne andeutet, ist das nicht mehr möglich. Das wird für die Hysteriker noch geldbringender und noch risikoloser sein!

 

Der neue Boom wurde nach einigen ersten Betrugsversuchen namens Michelangelo oder Norton aufs Kräftigste eingeläutet durch den Namen ILOVEYOU. Huch, watt wör datt fürene fiese Virus - sagt der Kölner. So richtig was angestellt hat er ja nicht, ich habe jedenfalls nicht viele nachvollziehbare (!) Meldungen betreffs realer Schäden erhalten, und auf Gerüchte gebe ich nix mehr (siehe Weitukäh). Eigentlich war der Virus sogar recht angenehm, denn wenn ich eine Sache aus Faulheit liegengelassen hatte, dann habe ich dringliche Mahnungen gern damit abgewimmelt, dass durch ILOVEYOU leider die betreffenden Dateien zerstört worden seien. Also in mancher Hinsicht gar nicht übel, so ein angeblicher Virus!

Es wurde zum Statussymbol, mindestens eine ILOVEYOU-Nachricht erhalten zu haben. Wer keine bekam, war nicht mehr "in". Einige Kollegen waren äußerst unglücklich, weil sie davon verschont blieben, andere outeten sich prahlend als angebliche Empfänger des Virus. Ob Sie es glauben oder nicht: Alois hat eine ILOVEYOU-Nachricht empfangen - und auch noch von einer Frau, die uns ca. drei Wochen vorher besucht hatte! Aus reiner Neugier habe ich daher verzweifelt versucht, ihn zu knacken. Es ist mir genauso wenig passiert wie dem Virus! Er hat offenbar weder mich noch meinen Computer angesteckt.

Insgesamt gesehen muss ich aber doch zugeben, dass ILOVEYOU beträchtliche Schäden angestellt hat - indirekt! Irgendein Übermotivierter im Rechenzentrum kam nämlich auf die Schnapsidee, einen besonders scharfen Filter einzubauen, um dem Virus schon beim Eintrittsversuch den Garaus zu machen. Aber die Mitarbeiter des Rechenzentrums sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: Jedenfalls gelang dem Übermotivierten zwar die Virusabschottung, aber der "price to be paid" war, dass wir eine Woche lang von jeder Kommunikation mit der Außenwelt abgehängt waren und dass deswegen diverse Termine, Deadlines für Projektmilestone-Dokumente,... den Bach runtergingen. Der Virus war also eher harmlos, die wahren Schäden entstanden durch allzu scharfe Auslegung von Antivirus- und Datenschutzgelüsten.

Datenschutz ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr! Und weil man datenschutzgarantierende Produkte ebenso unbesehen wie teuer verkaufen kann, wird Alois jetzt endlich eine Firma gründen zum Zwecke des Vertriebs des datenschutzkonformsten aller denkbarer Speichermedien, nämlich WOM, d.h. "Write Only Memory".





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton