Alois Potton hat das Wort [Nr. : 39, 06/2001 ]


 

Ulmer, Berber und Nomaden

 

Viele hilfreiche Dinge hat die Informationstechnik bereitgestellt, das muss man ihr lassen. Nehmen wir nur einmal die Textverarbeitungssysteme. Auch der Undankbarste wird zugeben, dass z.B. Microsoft Word trotz aller Merkwürdigkeiten doch recht nützlich sein kann. Die Dokumente werden durch Ge- und Missbrauch von Copy and Paste zahlreicher und länger. Ob die Gesamtmenge an Information sich dadurch in gleicher Weise erhöht, ist eine andere Frage. Es wäre mir zwar lieber, wenn nicht alle drei Monate eine neue angeblich noch benutzerfreundlichere Version auf den Markt käme. Denn bis ich mich mühsam eingewöhnt habe, gibt es schon wieder eine neue Versionsnummer, ich bin also permanent am Umlernen. Das sture Beharren auf der alten Version ist leider kein praktikabler Ausweg - weil ich mich nicht ohne Not dem Getuschel meiner Umgebung aussetzen möchte.

Dennoch: Moderne Textverarbeitungssysteme erleichtern die Arbeit. Der Gebrauch von Diktiergeräten ist schon so gut wie unbekannt geworden, denn der Chef schreibt ab jetzt alles selbst. Man kann an keiner Sitzung mehr teilnehmen, wo nicht fast alle Teilnehmer eifrig mit ihrem Laptop werkeln. Mittelfristig wird dieser Trend den Berufsstand der Sekretärin ausrotten. Und "Rede"-Beiträge anlässlich von Tagungen werden via Laptop-Tastatur abgeliefert. Für IETF-Meetings ist das längst zum Standard geworden.

Besonders angenehm finde ich aus subjektiver Sicht (und weil ich mich daran gewöhnt habe) die automatische Rechtschreibeprüfung, mit der sich viele leichte Fehler sofort beseitigen lassen. Man wird durch ein unübersehbares rotes Sägezahnbändchen auf die unrichtige Schreibweise hingewiesen - und schruppdiwupp ist der Fehler schon korrigiert. Das ist derart bequem, dass man mit der Zeit auf jegliches weitere Korrekturlesen verzichtet. Solche Nachlässigkeit kann dann leider manchmal ärgerlich werden. Vor einiger Zeit schrieb ich z.B. folgende Protokollnotiz: "Leider waren die Berber nicht einschlägig qualifiziert". Und wunderte mich dann über leicht säuerliche Kommentare betreffs politisch inkorrekter Behandlung nordafrikanischer Einwohner. Wenn der Schreibfehler zu einem Ergebnis führt, das syntaktisch gesehen zulässig ist, dann werde ich nicht gewarnt und der Fehler bleibt unkorrigiert. Warten auf inhaltliche Rechtschreibekontrolle ist keine perfekte Lösung, denn auch in ferner Zukunft wird ein noch so schlaues System mit der Interpretation des Satzes "Der Soldat saß auf der Wachstube" seine Schwierigkeiten haben. Die aktuelle Bedeutung und die Silbentrennung des Wortes Wachstube (Wach-Stube oder Wachs-Tube) wird ein unlösbares Geheimnis bleiben. Obwohl: Gibt es überhaupt noch Trennregeln nach Inkrafttreten der Rechtschreibereform?

Die durch meinen Verschreiber ungewollt betroffenen Berber werden mir hoffentlich verzeihen. Ihre Erwähnung war ein Freudscher Verschreiber im Zeitalter der nomadischen, aslo berberartigen, Kommunikation. Man hört ja immer mehr von solchen Nomaden, die ziellos herumirren und dabei permanent mehr oder weniger sinnvolle Informationen abrufen, auf die sie angeblich angewiesen sind. Die erhaltenen Auskünfte sind häufig abhängig vom aktuellen Aufenthaltsort, also neudeutsch "location based". Was sollte der Nomade in Tuttlingen auch mit Wasserstandsmeldungen aus Eckernförde anfangen? In einem ziemlich grausamen Werbespot für ein Location-Based-System behauptete der informationssuchende Nomade, er möchte wissen, wo das nächstgelegene Theater zu finden sei - und das System versprach dieses zu leisten. Wobei es dem Nomaden anscheinend völlig egal war, ob der aktuelle Spielplan dieses Theaters eine Tragödie von Euripides oder aber eine Comedy von Herbert Knebel im Angebot hatte; es kam ihm offenbar nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die geographische Distanz an. Der Werbespothersteller sollte die Sache doch vielleicht etwas differenzierter betrachten, denn mit derart hirnrissigen Spots wird er sicher nicht zur Erzeugung und zur Verbreitung von Killerapplikationen beitragen können.

 

Was ich von Location-Based-Systems gern hätte, sind wirklich zielführende Auskünfte - und nicht etwa das, was ich sowieso schon weiß. Es gibt zahllose despektierliche Witze über nutzlose Informationen (zusammen mit der Schlussfolgerung, dass man dann eben einen Microsoftangestellten gefragt habe, weil die Information zwar korrekt, aber inhaltlich wertlos ist). Die dümmste mir untergekommene Bemerkung stammt aber nicht von Microsoft, sondern von einem biederen schwäbischen Polizisten. Und zwar passierte folgendes: Wir fuhren vier Mann hoch zu einem Auswärtsspiel nach Ulm: PKW mit Aachener Kennzeichen, Insassen mit Alemannia-Aachen-Schals und entsprechenden Mützen. Das Ulmer Donaustadion war fast erreicht, wir sahen schon die Flutlichtmasten in etwa 200 Meter Entfernung, aber eben noch nicht den Parkplatz. Anhänger des SSV Ulm strömten in Scharen zum Stadioneingang. Woraufhin besagter schwäbische Polizist auf unsere Frage nach der Lage des Parkplatzes mit treuem Augenaufschlag die Gegenfrage stellte: "Hano, wo wellet Sie jetz hie"? Bei derart kompetenter Auskunft und bei solch intensivem Mitdenken würde man sich doch lieber einem elektronischen Zielführungssystem anvertrauen, obwohl auch diese bekanntlich nicht ohne Tücken sind.

Nun sollte ich vielleicht über die menschliche Beratung nicht gar so schlecht reden (oder schreiben). Sie könnte ja durchaus hilfreicher sein als das, was die als Call Center bekannt gewordene Seuche bereitstellt. Wenn ich bei solch einer Zentrale anrufe, brauche ich zunächst mehrere Minuten zur Überwindung von Hinweisen wie: "Wenn Sie Informationen zu diesem wünschen, drücken Sie bitte die 1; wenn Sie Informationen zu jenem wünschen, drücken Sie die 2; ... ; wenn Sie das Gespräch beenden wollen, drücken Sie die Raute oder legen Sie einfach auf". Im nächsten Schritt (nein, meistens natürlich zu Beginn des "Dialogs") wird man über die zu verwendende Sprache aufgeklärt, worauf wiederum weitere Alternativen per Zifferdruck auszuwählen sind usw. Diese elektronischen Sprachmenüs behandeln einen wie einen mittelprächtigen Idioten, vom hohen Zeitaufwand einmal ganz abgesehen. Es ist außerordentlich schwierig, als Endresultat einer solchen Menüführung einen echten Menschen an die Strippe zu kriegen - und wenn das wider Erwarten und nach langen Warteschleifen doch gelingt, dann befindet sich dieser menschliche Gegenpartner in Buenos Aires oder in Birmingham und hat von meinem Problem wenig oder null Ahnung.





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton