Alois Potton hat das Wort [Nr. : 40, 09/2001 ]


 

EUROphobia

 

Nach dem von interessierter Seite losgetretenen lächerlichen WEITUKÄH-Wirbel (siehe "Alois Potton" in PIK 3/99 und in PIK 4/00) steht nun die zweite und für lange Zeit wohl auch letzte Mega-Herausforderung des Informationszeitalters unmittelbar bevor: die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung. Das Jahrtausendproblem WEITUKÄH (Y2K) ist ja vorhersehbar glimpflich an uns vorübergegangen, auch der Jahreswechsel 2000/2001 hat daran nichts mehr ändern können. Die Krakeeler sind straffrei ausgegangen, nicht einmal ihre wissenschaftliche Reputation ist beschädigt worden (o sancta scientia!), sie haben sich sogar nicht selten an der von ihnen verursachten Hysterie bereichert.

Und nun kommt eben der nächste "Hype", nämlich der EURO. Anscheinend arbeiten praktisch alle Softwareentwickler an nichts anderem als an der Lösung dieses Problems. Dabei gibt es doch schon Billigtaschenrechner mit EURO-Taste, die man sehr bald wird wegwerfen können - genauso wie die Jahr-Zweitausend-Rückwärtszähluhren.

An und für sich ist die Sache ganz ähnlich gestrickt wie beim Y2K-Rummel vor zwei Jahren: Es werden diffuse Ängste geschürt, die dann zu einem Brei von Horrormeldungen vermengt werden. Dabei geht man offenbar davon aus, dass der Empfänger entsprechender Meldungen total verblödet ist (diese Unterstellung nehme ich dem Horrornachrichtenproduzenten einigermaßen übel). Denkbar ist allerdings auch, dass die Produzenten ihrerseits ziemlich niedrige IQ-Werte haben. Es gibt zahllose Beispiele für Meldungen im Zusammenhang mit der EURO-Umstellung, die bestenfalls Kopfschütteln erregen können. Ein meines Erachtens recht bezeichnendes solches Beispiel fand ich in einem jener Käsblättchen, die in ausländischen Touristenzentren verteilt werden und denen gegenüber die Bäckerblume beinahe schon FAZ-Niveau hat. In diesem unsäglichen Publikationsorgan war zu lesen: "Bisher haben deutsche Touristen wenig Probleme mit der Umrechnung der portugiesischen Währung, denn 100 Escudos sind ja praktisch genau eine Mark wert. Nach der EURO-Umstellung wird das deutlich schwieriger werden, denn die Umrechnungskurse in EURO sind bekanntlich sehr krumm". Wenn ich solche Meldungen lese (man mag mich dafür tadeln, dass ich sie überhaupt gelesen habe), dann beginne ich an der Zurechnungsfähigkeit des Autors gelinde Zweifel zu hegen.

Im Vergleich zu Y2K gibt es allerdings doch ein wirklich ernstes Problem mit der EURO-Einführung: Die Umrechnung wird nicht ohne Rundungsprozesse abgehen, und die menschliche Habgier wird dabei eher Aufrundungsoperationen als Abrundungsvorgänge favorisieren. Glücklicherweise ist das DM-EURO-Verhältnis ziemlich aufrundungsunfreundlich, denn eine Mark ist ein bisschen mehr als 50 Cent, weshalb ein Betrag von - sagen wir mal - DM 9,99 (d.h. 5,1078 EURO) sich hoffentlich zu 4,99 EURO verbilligen wird. Denn ein aufgerundeter Betrag von 5,49 EURO wäre eine gar zu unverschämte Preiserhöhung und 5,11 EURO oder meinetwegen 5,19 EURO sähe irgendwie nicht so gut aus. Andererseits könnte aber eine Situation eintreten, wo die exakten Preise fröhliche Urständ' erfahren werden, so wie es seinerzeit in der DDR gängige Praxis war. Ich besitze noch einen kleinen Salzstreuer, in dessen Glas die Inschrift "EVP M 0,31" eingeprägt ist. Diese ans Absurde grenzende Exaktheit - d.h. die 1 in der zweiten Nachkommastelle - ist mir lange sehr sonderbar vorgekommen (und nur deshalb hat der Salzstreuer überlebt), bis mir ein Kenner der Szene vermittelte, dass eben diese Preisgestaltung eine perfekt umgesetzte DDR-typische Absicht war: Es sollte nämlich der Eindruck erweckt werden, die Preise seien aufs Genaueste durchkalkuliert und daher sei der Werktätige sicher, dass er nicht wie im bösen Westen von den Kapitalisten betrogen werde. Das hatte man sich in der Tat psychologisch sehr fein ausgedacht, wobei der Beschiss der Werktätigen rechts der Elbe sich von dem links der Elbe in Wahrheit keineswegs unterschied (wie wir schon damals ahnten und wie wir heute wissen).

 

Es gibt auch Positivbeispiele bzgl. vorbildlicher Preissenkungen durch Abrundung: Die Werbekampagne von PIK (sie hätte mehr Erfolg verdient) offeriert ein Jahresabonnement von PIK zum sagenhaft niedrigen Preis von DM 55,--, also 28,12 EURO, und - anständig wie die Fachgruppe Kommunikation und Verteilte Systeme nun einmal ist - wurde der entsprechende EURO-Preis freundlicherweise abgerundet zu 28 EURO. Das hat Nachahmer verdient, aber es ist nicht jeder so fair wie unsere Fachgruppe. Vielleicht war der Werbekampagne ja auch deshalb bisher so wenig Erfolg beschieden, weil die Kunden darauf warten, dass sie endlich den Umrechnungsgewinn durch Zahlung in EURO einstreichen dürfen. Man sollte es der Fachgruppe und vor allem der Zeitschrift PIK von Herzen wünschen. Verdient hätte sie es jedenfalls, denn allein die vorliegende Kolumne ist doch schon den Abonnementpreis wert [oder etwa nicht? ;-)]. Und außerdem hat diese Kolumne deinen Herstellungspreis, der umrechnungstechnisch völlig aufkommensneutral ist, d.h. der in DM bzw. EURO denselben Zahlenwert hat.

Die Presse wird auf jeden Fall bis zur Jahresmitte 2002 viel zur EURO-Umstellung zu schreiben haben, an Meldungen zum Überbrücken der Saure-Gurken-Zeit wird es nicht fehlen. Ich glaube aber, dass die langfristigen Wirkungen nicht viel schwerwiegender sein werden als beim Übergang von vierstelligen zu fünfstelligen Postleitzahlen: Zuerst großes Lamentieren - und nach kurzer Zeit ist die Sache ge- und vergessen. In DM oder in EURO zahlen: das wird sehr bald "isomorph" sein. Ich weiß, dass isomorph ein vornehmes griechisches Wort ist, das hauptsächlich von irgendwelchen schussligen Mathematikern benutzt wird, daher gleich die Definition hinterher - produziert von einem alten Schulfreund und auf saarländisch: "Isomorph ess, wamma ebbes med roda oder med griena Tint schreibd".





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton