Alois Potton hat das Wort [Nr. : 41, 12/2001 ]


 

Standardisierung

 

Überall fehlt es an standardisierten Lösungen: Steckt man zwei x-beliebige Komponenten zusammen, die angeblich zueinander passen, dann werden sie zunächst nicht und später - wenn überhaupt - nur mit großer Mühe und nach Erledigung ebenso verwirrender wie schweißtreibender Operationen zusammenarbeiten. Für Produkte verschiedener Hersteller gilt das quasi per Naturgesetz, aber auch bei absoluter Herstellertreue ist man vor Überraschungen keineswegs gefeit -außerdem hat Herstellertreue ihren Preis.

Woran liegt es eigentlich, dass Standards sich so zäh entwickeln und nur unter unendlichen Mühen am Markt durchgesetzt werden können? Man denke nur an IPv6, wo der letztendliche Markterfolg ja bisher alles andere als gesichert ist.

Einer der wichtigsten Gründe für das regelmäßige Scheitern auch der bestgemeinten Standardisierungsbemühungen scheint mir darin zu liegen, dass an solchen Initiativen viele (in der Regel allzu viele) sogenannte Experten beteiligt sind, aber eben längst nicht alle, die sich für Experten halten. Zu den prominentesten Beispielen vergeblicher Liebesmüh’ gehört zweifelsfrei die Rechtschreibereform. An ihr wirkten zahllose Germanisten mit, und zwar so viele, dass die Sache immer unübersichtlicher und unsystematischer wurde, weil jeder Beteiligte eigene Vorschläge einbrachte, die nur schwer unter einen Hut gebracht werden konnten. Wären nur wenige "Macher" beteiligt gewesen, dann wäre die Angelegenheit nach kurzer Zeit ausgestanden gewesen. Das ist so wie bei Programmkomitees, wo die geleistete Arbeit sich mit wachsender Zahl von Komiteemitgliedern drastisch verschlechtert; in einer früheren Kolumne dieser Serie wurde darüber ja bereits berichtet. Man hätte zur Vereinfachung der Rechtschreibung zum Beispiel den außerhalb des deutschen Sprachraums völlig unbekannten Buchstaben "ß" ersatzlos abschaffen können und sollen, so wie es die Schweizer vorexerziert haben. Das Weinen über den Verlust dieses Buchstabens wäre zu verschmerzen gewesen, und mit den wenigen Zweifelsfällen wie "Busse" oder "Masse" hätten wir ebenso wie die Schweizer ganz gut leben können. Stattdessen hat man aber nur eine Teilabschaffung des "ß" angeordnet. Die diesbezügliche Regelung sagt, wenn ich richtig informiert bin, dass nach kurzen Vokalen dieser Buchstabe durch ein Doppel-s zu ersetzen sei, ansonsten bleibe alles wie bisher. Aber zeichnet sich denn z.B. im Wort "heiß", dessen Schreibweise sich nicht geändert hat, die Vokalkonfiguration durch übermäßige Länge aus?? Na gut, wird mir der an der Reform beteiligte Germanist sagen, diese Sonderkonfiguration musst Du eben auswendig lernen. Warum er aber diese Ausnahmeregeln eingeführt hat, verrät er mir leider nicht.

 

Desaströser noch für den Erfolg der Reform war die Tatsache, dass insgesamt gesehen nur ein verschwindend geringer Bruchteil aller real existierenden Germanisten mitbestimmen durften, denn so große Säle gibt es ja auf der ganzen Welt nicht, um auch nur 5 Prozent der Germanisten aufnehmen zu können - von den für die häufigen Meetings anfallenden Reisekosten ganz zu schweigen. Konsequenterweise war und ist die große Masse der Germanisten wegen ihrer Nichtberücksichtigung in diesem erlauchten Reformgremium schwer beleidigt. Diese große Masse (fast hätte ich Meute gesagt) bildet sozusagen die keineswegs schweigende überwältigende Mehrheit. Jedes Mitglied dieser Mehrheitsfraktion wird Ihnen - egal ob gefragt oder ob ungefragt - haarklein erklären, was für ein unsäglicher Quatsch diese Rechtschreibereform sei. Er wird Ihnen zahllose Beispiele für in der Tat merkwürdige neue Schreibformen vorführen. Und er wird Ihnen erzählen, was er anders gemacht hätte und was unter Garantie zum Erfolg der Maßnahme geführt hätte. Aber leider.... und daher sei er gegen die Reform. Folglich lehnen fast alle Schreibkundigen die Reform ab, weil sie wegen ihrer Nichtberücksichtigung bei dieser Jahrhundertaufgabe beleidigt sind. Damit ist die Akzeptanz zum Teufel: Jeder darf munter so schreiben, wie er möchte: alt oder neu, es kommt nicht drauf an. Die FAZ schreibt wieder nach alte Regelung, andere Zeitungen versuchen sich an der neuen Version, wieder andere mengen Altes und Neues fröhlich durcheinander. Eigentlich ist dieser unbeabsichtigte Kuddelmuddel ganz angenehm, man könnte das Scheitern der Standardisierung sogar (ein Widerspruch in sich!) als Standard bezeichnen. Die Koexistenz verschiedener zulässiger Schreibweisen wird hoffentlich den Schülern kommender Generationen das Schreiben erleichtern, weil es die Zahl der möglichen Rechtschreibfehler verringert. Und deshalb wird man weniger Deutschlehrer brauchen. Ich habe den finsteren Verdacht, dass die Reform absichtlich gegen die Wand gefahren wurde, um diesen Einspareffekt zu erzielen. Das Scheitern war also ein geplanter finsterer Akt diverser Kultusministerien - über alle Parteigrenzen hinweg.

Es gibt viele weitere Gründe dafür, dass Standards sich nur schwer durchsetzen. Aus Platzgründen muss ich mich auf einen zufällig ausgewählten Aspekt beschränken - und zwar auf die Problematik der Optionen. Diese sind mit versuchsweise geborenen Standards in ähnlicher Zahl assoziiert wie Flöhe mit einem ungepflegten Hund. Und das in bester Absicht, denn man möchte doch jede Anforderung jedes Kunden bestmöglich bedienen. Und dann wundert man sich, wenn sich solche optionsüberhäuften Wunderwerke partout nicht verkaufen lassen. Dabei kann man das bereits durch ein einfaches Beispiel erklären. Angenommen, man möchte ein Standardfahrrad konstruieren, das folgende Eigenschaften hat: Es soll optional Dreirad, Rennrad, Hollandrad und Tandem sein. Außerdem soll es einfach und schnell in eine andere Variante umkonfiguriert werden können. Was wird das zwangsläufige Ergebnis solcher Konstruktionsbemühungen sein: Ein Produkt, das schwerfällig, enorm teuer und potthässlich ist. Und fahren wird ein solches "Fahrrad" schon gleich gar nicht.





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton