Alois Potton hat das Wort [Nr. : 42, 03/2002 ]


 

Die neue deutsche Furchtsamkeit

 

Der Verlag, der denselben Namen hat wie das zu Ende gegangene ereignisreiche Jahr 2001, hat ein Buch herausgegeben, das sämtliche Glossen und Parodien von Umberto Eco aus den Jahren 1963-2000 enthält. Eine wirklich wunderschöne und lehrreiche Monographie. Ich will ein Zitat daraus verwenden, das laut Umberto Eco auf den amerikanischen Humoristen Shelley Berman zurückgeht. Dieser Weise hat vorhergesagt, man werde demnächst ein Sicherheitsauto erfinden, bei dem die Türen sich nur von innen öffnen lassen. In der Tat scheint der Zeitpunkt für solche Absurditäten zumindest im Kommunikationsbereich unmittelbar bevorzustehen, denn die Sicherheitsbedenkenträger haben Hochkonjunktur.

So versucht zum Beispiel unser Rechen- und Kommunikationszentrum mit großem Erfolg, den Ausbau und die Nutzung eines Funknetzes durch vielfältige administrative und technologische Regularien einzuschränken und praktisch zu verunmöglichen. Mit Erfolg deshalb, weil das Rechenzentrum ja sowieso das Sagen hat und weil gegen angeblich sicherheitssteigernde Maßnahmen niemand etwas einwenden darf. Lieber lässt man die gekauften, aber nicht installierten Komponenten im Keller verrosten. Die Schikanen reichen dabei von Brandschutzbestimmungen über Reichweitenbegrenzung bis hin zu ausgefeilter Anmeldebürokratie und Netzordnungseinhaltungsrichtlinien. Das Ganze trägt den hochtrabenden Titel "Sicherheitskonzept", ist aber wie gesagt in Wirklichkeit nicht viel mehr als eine Nutzungsverhinderungsstrategie. Zur partiellen Ehrenrettung unseres Rechenzentrums darf gesagt werden, dass nicht alle Schikanen von dieser einzigen Institution zu verantworten sind. Es sind viele andere daran beteiligt: Bauamt, Liegenschaftsverwaltung, Personalrat, die Verwaltung ganz allgemein,... Alle verbünden sich (jeder mit der scheinbar besten Absicht) zu einer höchst unheiligen Verhinderungsallianz.

An Argumenten für die Einführung zusätzlicher hemmender Vorschriften ist kein Mangel: Vermuteter Aufruf von Informationen zweifelhaften, schädlichen oder ekelerregenden Inhalts; Schädigung der Unterhaltungsindustrie durch unlizensiertes Kopieren von Filmen und Musiktiteln, die ihre Gestehungskosten noch nicht eingespielt haben; Ablenken der Studierenden von ernsthaftem Büffeln durch weltweit verteiltes Computerspielen; Abwehr gezielter Einbruchsversuche.... Das absurdeste Nutzungsverhinderungsargument kam aber denn doch wieder von einem Mitarbeiter des Rechenzentrums, der meinte, ein Unternehmen mit mehreren Standorten an unterschiedlichen Enden des ziemlich weitläufigen Universitätsgeländes könne sich durch illegale Nutzung des Funknetzes einen Vorteil erschleichen (weil ja dann ein Großteil der Kommunikationskosten des Unternehmens wegfallen würde). Nun zeigt zwar eine ausführliche Sichtung des Grundbuchs, dass es ein solches Unternehmen nicht gibt, aber das gilt nicht: Was nicht ist, kann ja schließlich noch werden! Der Nutzungsverhinderungsmissionar ekelt sich vor keinem noch so dummen "Argument", wenn er nur zusätzliche Hemmschwellen einbauen kann.

Die meisten Schikanen werden gerechtfertigt und gefördert durch die diffusen Ängste, die seit dem 11. September 2001 in Deutschland herumgeistern und zu einer noch dumpferen Furchtsamkeit als bisher schon geführt haben. Überall wird Böses vermutet. Es grassieren wildeste Spekulationen und Gerüchte über Sicherheitsmängel und über bereits entstandene unermesslich hohe Schäden. Neulich nahm ich an einem Vortrag teil, wo jemand behauptete, allein im Jahre 2000 sei durch Sicherheitslücken ein Schaden in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar entstanden. Es war nicht herauszufinden, auf welche Kontinente sich diese Meldung bezog; ebenfalls nicht, welche Art von Mängeln und von Schäden denn gemeint sein könnten; auch nicht, von wem und an wen Regressforderungen gestellt und ob diese in voller Höhe bezahlt wurden. Es war eines der immer häufiger werdenden leichtfertig hingehauenen Statements, die aus zwei Gründen ärgerniserregend sind:

 

Erstens wird die Gültigkeit einer solchen Botschaft apodiktisch in den Raum gestellt. Ich soll an sie glauben wie an die heilige Dreifaltigkeit. Hinterfragen ist unerwünscht, denn die genannte Zahl ist natürlich weder belegt noch belegbar. Ich halte es für enorm schwierig oder für so gut wie ausgeschlossen, den zum Beispiel durch die Zerstörung einer Datei entstandenen Schaden in Euro und Cent einigermaßen verlässlich anzugeben - von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Zu den Privilegien der Sicherheitsbedenkenträger gehört, dass sie mit unbelastbarem Zahlenmaterial arbeiten dürfen. Die Suche nach wirklich nachprüfbaren Beispielen für böswillig angerichtete Schäden ist ähnlich erfolgversprechend wie das Aufspüren von weißen Raben.

Zweitens ist die Präzision der Zahl 1,7 (d.h. die Angabe der Nachkommastelle) ärgerlich und bösartig zugleich. Sie suggeriert nämlich, dass die angebliche Schadenshöhe akribisch genau recherchiert wurde - was keineswegs der Fall ist, siehe oben. Hätte man statt 1,7 zum Beispiel die deutlich rundere Zahl 2 oder das Wort "mehrere" hingeschrieben, dann würde das bedeuten, dass der wirkliche Schaden irgendwo zwischen 0 und 4 Milliarden Dollar liegen könnte - jedenfalls so ungefähr. Die Zahl 1,7 soll aber den Eindruck einer Genauigkeit erwecken, die nicht einmal ansatzweise vorhandenen ist (wobei die Nachkommastelle zwar zugegebenermaßen viel Geld ist, aber insgesamt gesehen doch nicht viel mehr als die berühmten Peanuts).

Es ist ein echtes Kreuz mit diesen Sicherheitsbedenkenträgern. Oh hätten sie doch wenigstens eine etwas bessere Kenntnis von den Sagen des klassischen Altertums. Aber daran mangelt es ihnen nicht selten, denn: Wenn der Bedenkenträger wieder einmal die von ihm vermutete Verseuchung eines Systems durch Viren oder durch trojanische Pferde anprangern möchte, dann gebraucht er mit Vorliebe Formulierungen wie: "Da sitzt ein Trojaner drin". Nein, lieber Bedenkenträger, im trojanischen Pferd saßen keineswegs die Trojaner, sondern die Griechen!





In diesem Sinne
Ihr Alois Potton