Alois Potton hat das Wort [Nr. : 43, 06/2002 ]


 

Vom Entropietod des Konferenzwesens

 

Vor Ihnen liegt ein PIK-Themenheft jener Sorte, die dem Verlag und den Herausgebern zuweilen Bauchschmerzen bereiten. Es verlangt vom Leser nämlich Nachdenken, Grundlagenwissen und auch einige theoretische Vorkenntnisse. Der Verlag fürchtet dann (vielleicht nicht ganz unbegründet), dass der eine oder andere Leser solche Hefte ignoriert und eventuell sogar sein Abonnement kündigt. Daher sind wir recht sparsam mit solchen Heften geworden. Eigentlich ist es ja pervers, wenn man sich vor anspruchsvollen Themen wegen des eventuell drohenden Volkszorns fürchtet. Es ist eine Art von Minderwertigkeitskomplex gegenüber despektierlichen Äußerungen bzgl. „Greek letter papers“, wobei in diese Kategorie alle Manuskripte fallen, die irgendwelche Formeln beinhalten. Allerdings ist das Aufbegehren gegen griechische Buchstaben nicht ganz unberechtigt (natürlich gilt das nicht für die Beiträge des vorliegenden Hefts!). Theorielastige Konferenzen sind in die Krise geraten, wie sich z.B. an den Teilnehmerzahlen vieler Veranstaltungen unschwer ablesen lässt, vor allem aber an der quasi totalen Abstinenz nichtuniversitärer Teilnehmer. Ich habe mir über die Gründe dieser Entwicklung ein paar krumme Gedanken gemacht und glaube, dass die Krise sowohl logisch begründbar als auch unvermeidlich ist. Weiterhin bin ich zur Überzeugung gelangt, dass praxisorientierte Konferenzen zwangsläufig infiziert und ebenfalls in den Abgrund gerissen werden, was eine Art von Entropietod des Konferenzwesens ist. Im Folgenden will ich versuchen, meine Vermutung zu begründen.

Nehmen wir irgendeinen komplexen technischen Prozess, etwa den Aufbau des Telefonsystems oder die Konzeption von Rechnernetzen. Bei diesem schwierigen Vorgang wird zuerst hemdsärmlig herumgewurschtelt. Nicht selten entstehen die ersten Konzepte dadurch, dass die Zeit einfach reif für die neue Entwicklung ist. Amerika wäre auch ohne Christoph Columbus spätestens im Jahr 1515 entdeckt worden (sag’ ich mal so, weil mir das Gegenteil ja niemand beweisen kann), und das WWW wäre auch ohne Tim Berners-Lee entstanden. Das Verständnis des oben genannten komplexen technischen Prozesses wird meist sehr positiv beeinflusst durch wenige Gurus, welche die Problematik von der Pike auf kennen und sich ein paar grundsätzliche Gedanken machen. Dadurch entsteht eine nützliche Strukturierung, die aber noch relativ grob ist und häufig nicht über einfache Dreisatzrechnungen oder Pi-mal-Daumen-Abschätzungen hinausgeht.

Der nächste Schritt besteht darin, dass die Schüler der Gurus diese beerben. Die Schüler haben von der eigentlichen Fragestellung noch viel mitbekommen (nicht mehr ganz soviel wie der Guru, aber immerhin). Zum Ausgleich dafür sind sie mathematisch gebildeter. Statt Dreisatz verwenden sie z.B. Warteschlangentheorie – in einer noch halbwegs verständlichen Form. Die Erfolge sind enorm (vielleicht weniger für die Produktgestaltung als für das allgemeine Verständnis der Abläufe), die Fachwelt jubelt, die Anzahl der Konferenzen nimmt ebenso dramatisch zu wie die der Anhänger dieser Vorgehensweise.

 

Die dritte Generation - also die Enkel - wird bereits dominiert von Leuten, die das eigentliche Problem nur noch ansatzweise kennen, statt dessen aber mehr Zeit für die Beschäftigung mit mathematische Finessen hatten. Das von den Enkeln erzeugte Formelwerk zur Beschreibung des Gesamtsystems ist deutlich komplexer und unüberschaubarer. In gewissem Sinne sind die Analysen sogar realitätsnäher, denn die Untersuchungen der Väter und der Söhne enthielten noch eine Reihe von allzu groben Vereinfachungen. Der Preis für die genauere Nachbildung der Realität besteht allerdings in einem dramatischen Anstieg der Kompliziertheit der Formeln, die sich häufig nur noch auf Supercomputern auswerten lassen. Für diesen höheren Aufwand ist der ihn erzeugende Enkel natürlich nicht verantwortlich zu machen, denn seine Formeln sind korrekt und die Welt ist eben kompliziert - eigentlich noch viel komplizierter, denn auch der Enkel muss noch vereinfachende Annahmen machen, weshalb er am Ende jeder seiner Veröffentlichungen mit weiteren noch realitätsnäheren und noch schwierigeren künftigen Formelgebäuden droht. Es ist evident, dass die Öffentlichkeit durch solch komplexe Formeln verwirrt wird und sie ebenso wie die genannten Drohungen zu ignorieren beginnt.

Der bisherige noch halbwegs akzeptable Vorgang gerät nun aber in die Hände der Urenkel, welche vom ursprünglichen Problem absolut keinen Schimmer mehr haben, dafür aber aufs Genaueste mit dem mathematischen Firlefanz ihrer Vorgänger vertraut sind. Weil sie sich profilieren müssen (was nur durch das Verfassen eigener Manuskripte möglich ist), verfallen sie auf die Idee, das Gedankengebäude der Enkel durch immer abenteuerlichere mathematische Klapparatismen zu verfremden und noch verwirrender zu gestalten. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit konkreten Fragen sind weder vorhanden noch beabsichtigt, sondern werden allenfalls als störend empfunden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt führen die Thesen der Urenkel ein von der Außenwelt unbeachtetes Eigenleben.

Die finale Stufe besteht in der Infizierung bzw. der feindlichen Übernahme von Veranstaltungen: Weil es immer weniger Spezialkonferenzen gibt, die sich mit irrelevant gewordenen Themen beschäftigen, reichen die Urenkel ihre überschüssigen (und überflüssigen) Manuskripte jetzt bei anderen Gelegenheiten ein. Sie konkurrieren dort mit Beiträgen, die zwar vielleicht viel nützlicher, aber eher schlicht gestaltet sind. Das Ende ist absehbar und unvermeidlich: Die nutzlosen, aber mathematisch exzellent geschriebenen Papiere werden die Oberhand gewinnen. Und als Konsequenz werden sich noch weniger Praktiker zur Teilnahme an einer solchen Konferenz anmelden (geschweige denn einen eigenen Beitrag dazu anbieten), und die Veranstaltungsreihe wird letztendlich eingestellt werden müssen. Vielleicht ist es ja auch nicht schade drum.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton