Alois Potton hat das Wort [Nr. : 44, 09/2002 ]


 

Der Bachelor, ein armer Hund?

 

An den deutschen Universitäten rumort es: Zu lange Verweilzeiten, zu hohe Abbrecherquoten, zuviel Theorie und zuwenig Praxis, immer weiter sinkendes Niveau, zu geringe Internationalisierung,... Insgesamt also: zu wenige echte Reformen. Daher greift jetzt ein Reformationsgeist um sich, der den von Martin Luther deutlich in den Schatten stellt. Frei nach dem Motto: Alles muss umgestaltet werden, dann wird’s schon besser werden.

Paradebeispiel für solche Perestroika-Ansätze ist die unausweichliche Ablösung des guten alten Diploms durch gestufte Studienabschlüsse: "Bachelor-Master-Konzept" nennt man das. Am anglosächsichen Wesen soll die Welt genesen! Und gegen die neue Idee ist ja zunächst auch nichts einzuwenden: Bisher musste man sich nämlich mühsam über das Vordiplom zum Diplom kämpfen, und das schwer zu erringende Vordiplom war - beschäftigungsmäßig - rein gar nichts wert. Daher mussten sich alle Studierenden nach Möglichkeit das Diplom ertrotzen, was zu manchem Missmut und vor allem zu volkswirtschaftlich unvernünftigen Studiendauern führte - sofern das Studium überhaupt erfolgreich abgeschlossen werden konnte, denn nicht wenige blieben dabei auf der Strecke.

Ab sofort soll aber alles viel besser werden: Das Vordiplom wird ein wenig verändert, d.h. kosmetisch aufgepäppelt. Es erhält den hochtrabenden Namen "Bachelor" und wird dadurch angeblich zu einem berufsbefähigenden Abschluss. Der Großteil der Studierenden soll mit diesem Abschluss die Hochschule verlassen, nur die kleine wirklich an Wissenschaft und Forschung interessierte Minderheit erklimmt die nächste Stufe zum Master bzw. zum PhD (der sich seinerseits dazu anschickt, den Doktortitel abzulösen).

Soweit so gut (oder so schlecht). Die ganze Hochschulszene ist in freudiger Aufbruchstimmung ob dieser neuen Entwicklung. So richtig wissen tut es zwar noch niemand, ob denn der Bachelor wirklich so ein durchschlagender Erfolg wird, d.h. ob die Arbeitgeber ihn tatsächlich als berufsqualifizierenden Abschluss (vor allem bezüglich des Einstellungsgehalts) anerkennen werden. Erste Erfahrungen, z.B. aus der Chemie, stimmen da eher skeptisch. Dort verdrängt der Bachelor die bisherigen Laboranten (zu schlechteren finanziellen Bedingungen), keineswegs aber die Diplomierten oder gar die Promovierten - weil in der Chemie ja sogar das Diplom absolut wertlos ist und jeder seinen Doktor bauen muss.

Was ist überhaupt so ein Bachelor? Die großen Englisch-zu-Englisch-Lexika bieten als interessanteste von mehreren Erklärungen die folgende an: "A young male fur seal kept from the breeding grounds by older males". D.h. ein Bachelor ist im wahrsten Sinne des Wortes ein armer (See-)Hund!

Der Bachelor-Master-Wahn hat aber noch andere Konsequenzen: Mit dieser Umstellung kann der Wunsch zu verstärkter internationaler Ausrichtung en passant befriedigt werden. Denn: Wenn die Titel der neuen Studienabschlüsse englischsprachig sind, dann können ja auch die Lehrveranstaltungen in eben dieser Sprache abgehalten werden. Zwar eher in Form von Pidgin-Gestammel als in Oxford-Cambridge-Diktion, aber immerhin. Das eröffnet zudem (im Prinzip) die Möglichkeit, sich die weltweit besten und höchstmotivierten Studierenden heranzuholen statt sich allein auf die pisa-geschädigten deutschen Abiturienten zu beschränken. Allerdings gilt das nur bedingt, denn die wirklich besten Inder und Chinesen werden sich bevorzugt nach USA und Großbritannien orientieren statt nach Deutschland, wo Busse, Bahnen und Speisekarten ohne Kenntnis der deutschen Sprache von arg reduzierter Benutzbarkeit sind.

 

Die Umstellung auf englischsprachige Lehrveranstaltungen hat aber tatsächlich deutliche Vorteile. Vorlesungen über Software Engineering werden drastisch präziser und kürzer, weil sich im Englischen nicht annähernd so gut schwafeln lässt wie im Deutschen. Und das grauenhafte Durchmischen mit englischen Fachbegriffen hat wegen der zwangsläufigen Vereinheitlichung dann endlich ein Ende. Sie war auch wirklich nicht mehr zu ertragen, diese entsetzliche Mischung von deutschen Sätzen und englischen Idiomen wie etwa die folgende, die ich (Ehrenwort!) bei einem kürzlichen Firmentreffen mitstenografiert habe und die ich hiermit auszugsweise wiedergebe: "Wir müssen das protecten, was wir schon invested haben. Das ist im Mind Set von diesen Leuten drin. Man muss sich darauf spezialisieren, zwischen Netzwerken zu interworken. Denn es ist ein Unding, wenn man immer von einem Network zum andern pollen muss - mit allen Functionalities, vom High End bis zum Low End. Das Billing und Accounting muss man so machen, dass man immer online ist. Das ist ebenfalls eine Opportunity, die wir nutzen müssen. Denn das wäre nochmals ein Fill In. Auch müssten irgendwelche Recovery Server initialisiert werden, damit wir wirklich right in time sind. So ähnlich wie man das mit dem Wireless ad-hoc gemacht hat. What ever! Wir sollten auch was für die Applications tun. Auch dorthin gehen, wo man nicht immer die gesamten Footprints hat. Die Thematik ist zu clustern. Und insgesamt müsste unter (!) das noch eine Überschrift (!) drüber!" Solch einen höheren Blödsinn wird es also nach konsequenter Ver-Englischung nicht mehr geben. Das ist eigentlich fast zu bedauern.

Aber nicht nur wegen der Bachelor-Master-Story sind wir auf dem Weg zum einheitlich schlechten Englisch ("the most spoken language of the world is bad English"). Auch Beobachtungen wie der folgende CeBIT-Dialog sind eindeutige Indizien für den unaufhaltsamen Vormarsch der englischen Sprache:

Moderator: "Welches Feature an einem Handy wäre für Sie am wichtigsten"?
Kandidatin: "Also am wichtigsten wäre für mich, dass es eine Spracheingabe hätte".
Moderator: "Aha, ehemm, dann sollte es also quasi voice enabled sein"?


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton