Alois Potton hat das Wort [Nr. : 45, 12/2002 ]


 

Drängler, Dussel, Diktatoren

 

Die neuen Kommunikationstechniken - allen voran natürlich das Internet - machen Abläufe dramatisch viel schneller: Postlaufzeiten entfallen, Korrekturen von Manuskripten lassen sich im Nullkommanix erledigen. Alles wird viel besser. Da sollte man meinen, die gewonnene Zeit könne jetzt zum Relaxen genutzt werden. Man könnte sich jetzt also theoretisch gesehen mehr Zeit lassen und die pünktliche Ablieferung etwa eines Gutachtens immer noch schaffen. Die Deutsche Bahn verwendet ja solche Strategien listigerweise dadurch, dass sie die Pünktlichkeit durch Verlängerung der Fahrzeiten zu verbessern sucht (aber auch da ist sie, wie jeder leidvoll weiß, nicht gerade erfolgreich). So brauchte zum Beispiel der schnellste Zug für die Strecke Aachen - Köln im Jahre 1960 gerade mal 36 Minuten, heute geht das laut Fahrplan bestenfalls in 43 Minuten.

Also: Internet müsste nervenschonend wirken. Merkwürdigerweise ist aber das genaue Gegenteil der Fall: Die kürzeren Bearbeitungsvorgänge sowie die quasi entfallenden Zustellzeiten führen zu immer größerer Hektik.

Beispiel 1:

Ich erhalte die Bitte zum Verfassen eines Gutachtens zu mehreren preiswürdigen Arbeiten an einem Mittwoch zusammen mit der in freundlichem aber bestimmten Ton gehaltenen Aufforderung, die Beurteilungen doch bitte per Fax(!) bis zum darauf folgenden Samstag zu übermitteln. Überflüssig zu sagen, dass es sich bei den zu begutachtenden Manuskripten um nicht ganz einfach zu lesende Wälzer von im Schnitt 200 Seiten Umfang handelt. Der Absender dieser Nachricht hat offenbar den Einsendern von Manuskripten generös Extrazeit zugeteilt, die er mir dann zum Ausgleich abzieht. Dieses Drängeln (mir gegenüber) zusammen mit der Großzügigkeit (für die Gegenseite) ist ein Versuch zur Veränderung der Hackordnung, der mich einigermaßen missmutig stimmt. Es ist schwer vorstellbar, dass das ohne Folgen für die Sorgfalt der Begutachtung und auch für die Freundlichkeit der Beurteilung bleiben kann.

Beispiel 2:

Die Vorabinformationen zur Vorbereitung auf eine Programmausschusssitzung einer Tagung (nennen wir sie mal KiVS) erreichen mich am Vorabend der betreffenden Sitzung um 18.02 Uhr. Die Sitzung selbst beginnt am nächsten Morgen um 9 Uhr und ist durch mehrstündige Zugfahrt zu erreichen, aber nicht zwischen 18 Uhr abends und 9 Uhr morgens, denn die Nachtzüge sind ja weitgehend eingestellt worden. An diesem eingermaßen dussligen Vorgang freut mich, dass der Verfasser der betreffenden Nachricht offenbar annimmt (oder es mir wenigstens zutraut), dass ich nach 18 Uhr noch im Büro bin bzw. noch spät abends zu Hause meine elektronische Post lese. Weniger dagegen gefällt mir, dass die Nachricht für ihren eigentlichen Zweck von geringem Nutzen ist - wegen der genannten Erreichbarkeitsprobleme.

 

Nicht nur diese beiden Beispiele zeigen, dass die Benutzung des Internet immer nervenaufreibender wird. Bedauerlicher sind Vorgänge, die mir wie eine Fata Morgana die Möglichkeit des Erhalts sagenhafter Reichtümer suggerieren und die sich dann aber doch nicht in die Tat umsetzen lassen. Mir jedenfalls werden beinahe täglich als top-secret zu behandelnde Nachrichten von Witwen afrikanischer Diktatoren zugestellt, wonach ich der geeignete Partner sei, um die vom verblichenen Diktator ins Ausland transferierten, dort gebunkerten, aber wegen geänderter Politik dieses Auslands jetzt gefährdeten vielen vielen Milliarden von US-Dollars auf mein Konto zu überweisen, wofür ich dann ca. 25 Prozent der Transfersumme als Aufwandsentschädigung erhalten soll. Das klingt sehr reizvoll und ist eine sehr verlockende Versuchung, aber die als Waffengeschäft deklarierte Herkunft der Milliarden lässt mich (noch?) zögern. Ungefährlicher war da schon die überaus erfreuliche Nachricht, wonach ich als einer von mehreren Tausend zufällig aus allen Kontinenten gezogenen Kandidaten (die alle nichts von ihrem Glück wussten und keinen Einsatz für die Teilnahme zahlen mussten!) einen der Hauptpreise in einer niederländischen Lotterie gewonnen habe. Um die immerhin 120 Millionen US-Dollar (was ja eigentlich Peanuts im Vergleich zum Nachlass afrikanischer Diktatorenwitwen ist) einsacken zu können, müsse ich folgendes tun:

1. Eine Firma mit mindestens drei Beschäftigten gründen, denn die Lotterie sei ein Beitrag zur Reduktion der Arbeitslosigkeit.
2. Ein Konto eröffnen oder den Scheck direkt in den Niederlanden abholen.
3. 750 US-Dollar an Bearbeitungsgebühr zahlen.

Diese Bedingungen kamen mir so akzeptabel vor, dass ich in der Tat geantwortet habe und die vollständige und umgehende Erfüllung zusagte. Den Scheck wollte ich persönlich abholen und statt der lumpigen 750 Dollar an Bearbeitungsgebühr erklärte ich mich generös damit einverstanden, das Verfahren zu vereinfachen und eine deutlich höhere Summe, nämlich immerhin 2.000 Dollar, direkt von der auf dem Scheck einzutragenden Summe in Abzug zu bringen. Leider ist bisher aus der Transaktion noch nichts Konkretes geworden, meine Antwort muss wohl verloren gegangen sein. Es ist aber auch ein kreuz mit der Unzuverlässigkeit von Best-Effort-Diensten. So hat mir also die nicht garantierte Zustellung der elektronischen Post ein nicht unbeachtliches Zusatzeinkommen versaut.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton