Alois Potton hat das Wort [Nr. : 46, 06/2003 ]


 

KWOSS

 

Alle Welt redet heutzutage über Dienstgüte, neudeutsch "Quality of Service", abgekürzt QoS = KWOSS. Und von KWOSS-Diensten werden nicht nur Qualitäten, sondern sogar Garantien (!) dafür verlangt. Dabei ist das mit Garantien so eine Sache: Es gibt Hersteller von Matratzen, die dem Kunden eine zwanzigjährige Garantie auf ihre Produkte versprechen. Mich hat es schon immer brennend interessiert, was passieren würde, wenn man ca. 18 Jahre nach dem Kauf mit solch einem hinreichend versifften Matratzenexemplar beim Produzenten aufkreuzen und die Garantieleistung einfordern würde (?!). Ich bezweifle, dass jemals jemand die Kühnheit zu einer solch verwegenen Aktion besessen hat. Wahrscheinlich wäre so etwas auch faktisch unmöglich. Es ist nämlich ziemlich sicher, dass der Matratzenhersteller innerhalb des 18-Jahres-Zeitraums in Konkurs gegangen ist oder mindestens insolvent wurde. Letzteres ist ja momentan große Mode: Wer nicht insolvent ist, der ist überhaupt nicht mehr "in". Weil man also ernsthaft in Erwägung ziehen muss, dass Hersteller während der Garantiezeit den Weg zum Konkursrichter antreten müssen, sollte man sich vielleicht ernsthaft fragen, ob in der heutigen Zeit die sechsmonatige Garantie auf einen Siemensstaubsauger noch irgendeinen real existierenden Wert hat.

Wenn wir aber schon bei zweifelhaften Garantieversprechungen sind, verdient hier eine ähnlich dubiose Offerte von Lotto-Faber erwähnt zu werden. Bekanntlich ist Faber diejenige Institution, die im Auftrage des Kunden unübliche (weil auf Geburtstage, Glücks/Unglückszahlen, einfach zu erkennende Muster und so weiter verzichtende) Lottozahlenkombinationen tippt und die im Gewinnfall höhere Auszahlungen einstreicht als wenn man beispielsweise eine nahe liegende Kombination gewählt hätte, bei der man sich den Gewinn mit unzähligen Mitspielern teilen muss. Lotto-Faber behauptet also für diverse seiner Systemwetten: "Bis zu drei Gewinne sind garantiert". Aber halt: "Bis zu drei...", heißt das nicht "kleiner oder gleich drei"? Und enthält die diese Bedingung erfüllende Zahlenmenge nicht auch die Zahl Null? Und null Gewinne zu garantieren, das kann doch wirklich nicht schwer fallen! Das heißt also, dass Lotto-Faber seine Garantieversprechungen mit Leichtigkeit einhalten kann, ganz erheblich leichter als das KWOSS-geplagte Internet.

Eine ähnliche Konfusion von unteren und oberen Grenzen wie bei Lotto-Faber hat sich vor nicht allzu langer Zeit ein Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt geleistet (ich weiß nicht, ob er diese Position noch inne hat und möchte seinen Namen auch aus diesem Grund gern verschweigen). Er sagte jedenfalls anlässlich seiner Regierungserklärung: „Die Anzahl der Ministerien soll nicht vergrößert, sondern maximal auf 7 als untere Grenze verringert werden“. Na ja, eine Verringerung auf maximal 7 als untere (!) Grenze, das muss man sich gleich mehrfach zu Gemüte führen. Vielen herzlichen Dank übrigens an einen Herrn Ministerialdirigent Dr. Dr. Maibaum vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst für den diesbezüglichen Hinweis.

 

Wenn wir nun schon einmal dabei sind, dann verdient zur Ehrenrettung der Politiker aber doch festgehalten zu werden, dass auch andere Personen des öffentlichen Lebens manchmal Merkwürdiges von sich geben. So fiel mir z.B. kürzlich ein Exemplar von DB-mobil in die Hände und zwar die Ausgabe 01/03. Ich vermute, Sie kennen das Traktätchen, das in Intercityzügen ausliegt und mit dem die Deutsche Bahn die Kunden während des häufigen Stillstands auf freier Strecke zu besänftigen oder ihre Langeweile zu mindern versucht. Bahnchef Hartmut Mehdorn beklagt sich im genannten Heft zum wiederholten Male über die Ungleichbehandlung der Verkehrsträger und führt folgendes Beispiel an: „Man nehme die Verbindung Frankfurt/Main-Zürich: Wer auf dieser Strecke ins Flugzeug steigt, bekommt sein Ticket unbelastet von Mineralölsteuer, Ökosteuer und Mehrwertsteuer. Die umweltverträgliche Bahn hingegen, die zwischen beiden Städten mehrmals täglich den ICE pendeln lässt, muss ihren Kunden alle diese Abgaben aufbürden“. Nun gut, das mit der Ungleichbehandlung ist ja irgendwie nicht ganz von der Hand zu weisen, aber Moment mal: Ist es denn möglich, dass die Strecke zwischen Frankfurt/Main und Zürich immer noch nicht elektrifiziert ist – wo wir doch ein so starkes Süd-Nord-Gefälle in Deutschland haben?? Auch glaube ich mich zu erinnern, dass ich diese Strecke schon mit einem E-Lok-getriebenen Zug befahren habe. Aber wieso denn dann Mineralölsteuer? Ich sehe ja irgendwie ein, dass Radlager etc. ab und an mal geschmiert werden müssen, doch hielt ich die Aufwendungen für Schmiermittel (genauer gesagt für Schmieröl, denn andere Schmiermittel könnten in der Tat sehr kostenträchtig sein) bisher für einen vergleichsweise marginalen Anteil an den Gesamtbetriebskosten. Offenbar ist die Lage der Bahn wirklich außerordentlich ernst, wenn jetzt schon solch kleine Beträge kritisch hinterfragt und steuerbefreit werden müssen.

Aber es gibt auch etwas Erfreuliches über das inzwischen offenbar deutlich verbesserte Kundenbewusstsein der Deutschen Bahn zu vermelden: In der PIK-Ausgabe 4/02 (Erscheinungsdatum 15. Dezember 2002) hatte ich Klage darüber geführt, dass die schnellste Verbindung zwischen Köln und Aachen 43 Minuten brauche, dass aber vor drei Jahrzehnten bereits 36 Minuten dafür ausgereicht hätten. Und siehe da: Genau einen Tag später, nämlich zum neuen Fahrplan, der am 16. Dezember 2002 in Kraft trat, hat die Bahn doch tatsächlich die schnellsten Züge auf der genannten Strecke wieder auf 36 Minuten beschleunigt. Diese so nicht erwartete prompte Wirkung meiner Kolumne hat mich stark beeindruckt, ja fast umgehauen. Obwohl: An den realen Fahrzeiten hat sich durch die neuen Fahrplanangaben nur wenig oder nichts geändert.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton