Alois Potton hat das Wort [Nr. : 47, 09/2003 ]


 

Von PIK zu PIC ?

 

Es ist soweit: Eine weitere Bastion ist gefallen, nämlich das Festhalten der PIK an Beiträgen in deutscher Sprache! Das übrigens sehr gut gelungene (Themen)-Heft 2/03 ist nämlich - abgesehen vom Inhalt natürlich - nur dem/der verständlich, der/die mit dem Angelsächsischen einigermaßen vertraut ist. Ich hatte den Eindruck, dass die deutschen Themen am Heftende zum Beispiel über "Innovation und intellektuelles Eigentum" oder über "Informationsmanagement als Teil der Unternehmensführung" ein wenig provinziell wirkten - vielleicht deswegen, weil die englische Sprache vornehmer ist, jedenfalls in unserer Branche.

Englischsprachige Manuskripte lassen sich für deutsche Autoren offenbar leichter schreiben als solche in der Muttersprache, weil sie nicht diese unsägliche Mischung aus deutschen und englischen Textbausteinen aufweisen und den Verfasser von der Entscheidung befreien, ob er nun "Support" oder "Unterstützung" schreiben soll bzw. ob er für "Payload" eine halbwegs passende deutsche Alternative findet. Letzteres ist gar nicht so einfach, denn z.B. "Bezahllast" als wörtliche Übersetzung ist ja nun nicht gerade ein gängiger Begriff, obwohl er den Sachverhalt irgendwie treffender als die englische Formulierung wiedergibt. Ein weiteres Plus für englischsprachige Manuskripte ist, dass sie - zumindest theoretisch - eine größere internationale Sichtbarkeit haben, obwohl ja eine wissenschaftliche Veröffentlichung im Mittel nicht mehr als 1,5 Leser hat unter Einschluss des Autors (wenn man einschlägigen Statistiken glauben darf).

Aber es spricht auch einiges gegen den neuen Trend. Nicht alles muss in englischer Sprache publiziert werden. Schließlich gibt es immer noch deutsche Tageszeitungen, obwohl wir den in Flugzeugen manchmal ausliegenden International Herald Tribune nicht verschmähen (der kostenlose Zugang zu einem interessanten Nachrichtenmagazin wird uns im Zeitalter der Billigflieger abhanden kommen). Trotzdem wird man kaum auf die Idee verfallen, diese Zeitschrift zu abonnieren. Also sollten doch deutsche (Fach)-Zeitschriften auch weiterhin ihre Leser finden.

Das wichtigste Argument gegen die Umstellung von PIK zu PIC (Practice of Information and Communication) scheint mir aber zu sein, dass man dadurch freiwillig ein Alleinstellungsmerkmal aufgibt, denn deutschsprachige Fachzeitschriften sind inzwischen sehr selten geworden. Und diese Sonderstellung wird noch einzigartiger, weil sich der Erzrivale "it+ti" mit Wirkung von Heft 1/2003 in "it - Information Technology" umbenannt hat. Gerade jetzt hätte PIK einen Kontrapunkt setzen können. Stattdessen machen wir es der "it+ti" einfach nach! Nicht die Umstellung an sich ist verwerflich, sondern der Umstellungszeitpunkt. Wenn wir wenigstens vor (!) der "it+ti" gewesen wären!

Verantwortlich für die neue Sprachregelung in Heft 2/03 war der enorme Druck, den die beiden (deutschen!) Herausgeber mit ihrer Forderung bzgl. durchgängig englischer Sprache auf die PIK-Redaktion ausübten: "Kruse, friss oder stirb" - und da hat Kruse halt gefressen. Und dies trotz der Tatsache, dass an fast allen Beiträgen des Themenhefts deutschkundige Autoren beteiligt sind - in mehreren Fällen sogar ausschließlich solche! Die Heftherausgeber haben sich bei ihrer Druckausübung auf den armen Herrn Dr. Kruse möglicherweise etwas zu stark vom Familiennamen eines der Manuskriptautoren ("Z. Despotovic") beeinflussen lassen.

 

Es stellen sich jetzt viele neue Fragen: Sollen, müssen, werden wir ab sofort auch bei Nichtthemenheften englischsprachige Manuskripte bringen? Vielleicht sogar bevorzugen? Wird die Zahl deutschsprachiger Beiträge überhaupt noch ausreichen, um PIK-Hefte zu füllen? Vielleicht könnten wir auch - wie etwa im Lufthansa Inflight-Magazin - jeden Artikel in deutscher und (!) in englischer Sprache gleichzeitig herausgeben (:-).

Unter Abwägung aller Pro- und Contra-Argumente verdient eine erfreuliche Eigenschaft englischsprachiger Manuskripte festgehalten werden: In ihnen haben Bandwürmer wie Tripelgraphgrammatikenspezifikation, Schemakorrespondenzeditor, Reaktivrektifikationskontrolle, Prozessdefinitionsevolutionsseite oder Prozellmodelldefinitionsprozess keine Chance. Ich versichere an Eides statt, dass die genannten Ungetüme aus seriösen Meetings eines DFG-Sonderforschungsbereichs stammen, wobei den Erzeugern dieser Absurditäten nicht die geringste ironische Absicht zu unterstellen ist. Dabei sind diese Konstrukte noch rein gar nichts im Vergleich zu dem, was ein Landwirtschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern (MeckPomm) seinem Parlament vorgelegt hat, nämlich ein "Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz".

Beiträge in englischer Sprache wären deutlich kürzer als deutschsprachige, weil die mittlere Wortlänge kleiner würde (geht schon los mit "I" statt "Ich", "We" statt "Wir" usw.; "Du" statt "You" ist nur eine der seltenen Ausnahmen). Mysteriöse Schachtelungen unverständlicher Nebensätze wären dann nur noch in begrenztem Umfang möglich. Zum Ausgleich könnten wir mehr Artikel pro Heft bringen und die Wartezeit bis zum Erscheinen eines Manuskripts deutlich verkürzen. Aber: Würden wir dann überhaupt noch genug Material haben??

In Heft 1/03 hätte die englische Sprache bereits Wirkung gezeigt, denn dort geriet das Geleitwort ungewöhnlich lang. Normalerweise sollte eine Seite reichen, aber dieses erstreckte sich ohne rechte Not über zweieinhalb Seiten. Konsequenz dieses Geleitgeschwafels war, dass für "Alois Potton" kein Platz mehr war. Das Fehlen der Kolumne fiel einer prominenten Leserin auf, die deswegen - was mich sehr freute - bei der PIK-Redaktion protestierte.

Das englischsprachige Geleitwort zu Heft 2/03 enthält ebenso viel Information wie das von Heft 1/03, kommt aber mit einer einzigen Seite aus, weshalb "Alois Potton" wieder aktiv werden musste oder durfte. Ob das ein Plus- oder ein Minuspunkt für das betreffende Heft war, darüber mag sich der "geneigte Leser", wie H.-G. Kruse ihn zu nennen pflegt, seine eigenen Gedanken machen.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton