Alois Potton hat das Wort [Nr. : 48, 12/2003 ]


 

SPAM

 

Eine Drecklawine überrollt uns ähnlich den Schlammfluten, welche nach der Schneeschmelze diverse Alpentäler heimsuchen und unpassierbar machen. Die neue Lawine ist elektronisch und wir verdanken sie der Leichtigkeit des Versendens von Nachrichten an mehrere Adressaten gleichzeitig. Das hat viele zwielichtige Gestalten dazu veranlasst, aller Welt diverse Angebote zweifelhaften Inhalts zu machen. Woher wissen die Absender dieser Nachrichten eigentlich, dass ich Interesse oder Bedarf an diesen Angeboten habe? Nun gut, den Anlass dazu habe ich vielleicht schuldhaft dadurch gegeben, dass ich mir vor geraumer Zeit einmal eine ähnliche Nachricht aus Schussligkeit oder auch aus Neugier angesehen habe. Ich geb’s ja zu. Aber fragen tue ich mich doch, woher diese Müllschleuderer wissen, dass ich diverse körperliche Gebrechen habe und dass ich zudem total verschuldet bin. Ich vermute einmal, dass die Verursacher der SPAM-Flut dies eben nicht wissen, sondern dass sie einfach nur die Streubreite maximieren und wie mit einer Schrotflinte losballern in der Hoffnung, vielleicht doch irgendetwas oder irgendjemanden zu treffen. Leider sind Spam-Produzenten (noch?) schwer zu entlarven bzw. müssen wenig für den Vertrieb ihres Schrotts bezahlen, sonst würden sie es ja aufgeben.

Einen nahe liegenden und auch zumindest partiell wirksamen Schutz gegen die Schrottnachrichten bieten Filter, die aber ihre Tücken haben. Werden sie zu lasch eingestellt, dann nützen sie nicht viel. Werden sie dagegen zu scharf konfiguriert, dann kommen auch wichtige Nachrichten nicht mehr beim Empfänger an. Es sind mir Leute bekannt, die ihre Filter so konfigurieren, dass sie nur noch Nachrichten von Absendern durchlassen, die von ihnen als vertrauenswürdig akkreditiert wurden. Aber abgesehen davon, dass auch diese Schutzmauer durch gemeine Tricks umgehbar ist, schränkt solches Verhalten die Kommunikation vielleicht doch zu sehr ein. Obwohl: die Theorie "Six degrees of separation" besagt, dass jeder jeden anderen weltweit (!) erreichen kann - über maximal 6 Bekanntschaftsrelationen; man bezeichnet das auch als Small-World-Effect. Also käme ich mit höchstens sechs solcher Beziehungen von Kalterherberg bis nach Zentralpatagonien oder bis in die innere Mongolei; man mag es nicht glauben. Aber wenn die Six-Degrees-Theory auch nur ansatzweise zutrifft, dann könnte man den Spam-Filter schärfstmöglich einstellen und nur die wirklich vertrauenswürdigen Nachbarn als Kommunikationspartner akzeptieren. Diese wären dann für den Weitertransport der Nachrichten zu anderen Adressaten zuständig und so weiter. Es entstünde auf diese Weise ein veritables ad-hoc-Netz. Ob so etwas allerdings praktisch funktionieren würde, müsste noch näher untersucht werden, denn wenn die 6-degrees-theory stimmt, dann muss es ja auch Zeitgenossen geben, die sowohl edle Menschen kennen als auch Spam-Produzenten (denn auch diese müssten ja über maximal sechs Zwischenschritte erreichbar sein). Und damit würde uns auch der schärfste Filter vor Spam nicht schützen können.

Da das Filtern nach Absenderadressen also problematisch ist, bleibt wohl nichts anderes übrig als Nachrichten inhaltsbezogen zu überprüfen und bei hinreichenden Verdachtsmomenten als Spam zu klassifizieren und zu verwerfen. Das ist bereits gängige Praxis und die Spam-Produzenten scheinen das auch schon zu wissen, denn warum sonst kämen sie auf die Idee, zwischen die Buchstaben gewisser Worte - etwa den Produktnamen eines Stärkungsmittels - Punkte oder andere Sonderzeichen zu setzen, um die automatische Erkennung des Produktnamens zu erschweren. Diese simplen Tricks kennen aber auch die Hersteller von Spam-Filtern, weshalb sich die SPAMmer wieder Komplizierteres einfallen lassen usw. Ein echtes Hase-und-Igel-Spiel, das vermutlich Arbeitsplätze schafft und daher positive Auswirkungen auf die Konjunktur haben sollte. Dieser Umstand verdient bei allem Negativem, was sonst so über Spam gesagt wird, auch mal als positive Randerscheinung vermerkt zu werden.

 

Während ich mich also durch Filter gegen allzu viel Spam noch mehr oder weniger gut schützen kann (trotzdem muss ich viel Zeit damit verbringen, Nachrichten in den Papierkorb zu transportieren), bin ich gegen eine andere Klasse von Unsinnsnachrichten beinahe hilflos. Ich will versuchen, mein Dilemma an einem Beispiel zu verdeutlichen: Es kann insbesondere im Kontext großer EU-Projekte vorkommen, dass man sich in einem Netzwerk wiederfindet, an dem man aus irgendeinem Grund interessiert ist, z.B. in einem "Network of Excellence". Ach wie schmeichelt uns dieser Name und die Tatsache, dass wir ebenso wie ca. 65 andere Institutionen mit zusammen schätzungsweise 1000 so genannten Experten zu diesem illustren Kreis gehören dürfen! Zwar mindert die übergroße Zahl der Experten den Exklusivitätsanspruch ein wenig, aber immerhin, es ist eine Ehre. Ich habe keinen Schimmer davon, wie die konkrete Arbeit in einem so riesigen Gebilde organisiert werden soll, aber darüber haben sich auch die Initiatoren dieser Idee offenbar keine Gedanken gemacht. Hauptsache, es gibt Geld. Da sich die ca. 1000 Leute nur selten treffen können (denn soviel Geld kriegen wir ja nun wieder auch nicht), läuft die Kommunikation vorwiegend elektronisch. Und wenn der Gesamtkoordinator des Exzellenznetzes eine Frage an alle Gruppenmitglieder stellt, dann erfolgen die Rückmeldungen nicht etwa durch "Antwort an den Absender", sondern vorwiegend durch "Antwort an alle". Von diesen "allen" werden dann wieder sehr viele eine Rückfrage stellen - ebenfalls an alle - und so fort. Folglich steigt die Zahl der versendeten Nachrichten quadratisch oder im schlimmsten Fall sogar exponentiell mit der Zahl der Teilnehmer an - und so gut wie alle Nachrichten sind für mich völlig wertlos. Es ist Spam der schlimmsten Sorte und wird nur noch getoppt von den zahllosen verzweifelten Versuchen, mich zum Besuch einer an Teilnehmermangel leidenden Konferenz zu motivieren.

Übrigens: Was haben Monty Python’s Flying Circus und SPAM miteinander gemein? Die Antwort auf diese Frage findet man zum Beispiel auf http://www.pcwelt.de/ratgeber/online/31248/2.html.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton