Alois Potton hat das Wort [Nr. : 49, 09/2004 ]


 

Drittmittel

 

Die vorliegende Ausgabe ist von den bisherigen 49 Kolumnen diejenige, die am knappsten vor ihrer Drucklegung geschrieben wurde. Dass Alois derart in Zeitnot geriet, hat mehrere Gründe.

Erstens: Viele zugkräftige Themen sind bereits verbraucht. Der Unternehmensberater wurde ebenso auf die Schippe genommen wie die Frauenbeauftragte (pardon: Gleichstellungsbeauftragte); gelästert wurde über Viren genau so wie über Standards oder auch über Fax-Geräte; der inzwischen (wegen der Kolumne?) längst aus der Mode gekommene ATM-Würfel wurde fröhlich veräppelt usw. usw. Jeder Beitrag hat ein Thema vernichtet, welches sich zum Persiflieren eignete. Inzwischen scheinen aber offenbar nicht mehr so viele neue Trends zu entstehen wie man für vier Beiträge pro Jahr bräuchte oder es fehlt mir die Gabe, neue (Fehl)Entwicklungen zu identifizieren und geeignet zu verarbeiten.

Zweitens: Die rechte Lust zum Schreiben will sich weniger und weniger einstellen, denn die Rückmeldungen der Leser fehlen. Kein PIK-Abonnent äußert sich. Niemand schreibt einen Leserbrief. Oder werden diese mir vorenthalten, um mich zu schonen?

Drittens (und das ist der wichtigste Grund): Es fehlt die Zeit, denn Alois ist wie alle Kollegen praktisch rund um die Uhr auf der verzweifelten Jagd nach Drittmitteln, die immer schwieriger wird. Woran mag es liegen, dass uns die traditionellen Drittmittelgeber abhanden kommen? Gehen wir sie doch einmal der Reihe nach durch:

An vorderster Front für jeden Drittmittelbegierigen muss natürlich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren diversen Fördermöglichkeiten stehen. Zunächst einmal das Normalverfahren, wo man selbst die abenteuerlichsten Ideen als Projekte beantragen darf – und auch bewilligt erhält, wenn sie nur qualitativ hochwertig genug sind. Das Normalverfahren ist ein Förderinstrument, um das man Deutschland weltweit beneidet. Nur: der Futtertrog ist viel zu klein und sein jährlicher Aufwuchs ist kaum noch als nennenswert zu bezeichnen. Andererseits gibt es immer mehr Ferkel, die aus diesem Trog saufen wollen. Also ist die Bewilligungsquote auf einen deprimierend niedrigen Wert gesunken, der den Aufwand zur Erstellung eines Antrags kaum noch rechtfertigt.

 

Eine andere DFG-Förderschiene sind Schwerpunktprogramme, die zu aktuell besonders heißen Themenbereichen ausgeschrieben werden. Gegenüber dem Normalverfahren hat diese Förderart den schwerwiegenden Nachteil, dass man zur Teilnahme an zahllosen Berichtskolloquien verpflichtet ist. Und die werden nicht immer an Orten ausgerichtet, wo der sprichwörtliche Bär tanzt.

Die mutigste und aufwändigste Förderart ist der Versuch zur Einrichtung eines Sonderforschungsbereichs (SFB). Nehmen wir mal an, wir hätten eine Idee für eine attraktive SFB-Thematik und wir hätten auch schon hinreichend viel Vorarbeiten dazu geleistet. Dann müssen wir uns geeignete Partner vor Ort suchen und (was ganz erheblich viel schwerer ist) wir müssen jede Menge Trittbrettfahrer fernhalten. Wir müssen uns darauf einstellen, dass beliebig viel Häme auf uns wartet, wenn die SFB-Einrichtung nicht gelingen sollte. Im Erfolgsfall wird die Anerkennung viel bescheidener ausfallen.

Ein besonders zahlungskräftiger Sponsor für Drittmittelprojekte könnte und sollte „die Industrie“ sein – und das war sie auch bis vor nicht allzu langer Zeit. Aber diese Quelle scheint weitgehend versiegt zu sein – und wenn sie noch sprudelt, dann liefert sie nur Vorhaben von sechs oder zwölf Monaten Laufzeit und mit der Verpflichtung, in diesem Zeitraum etwas schnell Zusammengehauenes praktisch ohne Forschungsinhalt abzuliefern. Und das zu – an Industriemaßstäben gemessen – geradezu jämmerlichen finanziellen Konditionen. Es ist beinahe aussichtslos, kompetente Leute für solche Schnellschüsse zu finden. Das vorhersehbar schlechte Resultat eines solchen Vorhabens reduziert die Begeisterung des industriellen Partners zur Bewilligung von Folgeprojekten. Ein Teufelskreis!

Die möglichen Drittmittellieferanten sind mit den bisher genannten Alternativen längst nicht erschöpft. Anzubieten sind noch (die Liste ist unvollständig): Diverse Stiftungen, der Bund, die Länder und nicht zuletzt die Europäische Union, weil auf nationaler Ebene überall grausam gespart wird und man uns auf die EU verweist, wo Deutschland schließlich Nettozahler sei und deshalb möglichst viel durch Projekte und dadurch entstehende Beschäftigungsverhältnisse zurückgeholt werden müsse. Also besteht eine moralische Verpflichtung zum Einwerben von EU-Projekten. Die Chancen dazu sind scheinbar auch nicht schlecht, denn die Zahl der Ausschreibungen ist hoch. Allerdings ist der Umfang der zugehörigen Dokumente so gewaltig, dass auch der Gutwilligste den Überblick verlieren muss. Mal angenommen, wir hätten uns mit einem dieser Projektcalls hinreichend angefreundet. In einem solchen Fall müssen wir versuchen, ein Konsortium auf die Beine zu stellen oder einem bereits existierenden beizutreten. In beiden Fällen riskieren wir, dass unser Status nicht mehr ist als der eines Unterauftragnehmers, was unsere Stellung im Konsortium nicht gerade stärken dürfte. Da EU-Projekte aus einem unerfindlichen Grund immer größer werden, besteht das Konsortium immer aus Dutzenden von Beteiligten aller europäischen Regionen und ist daher völlig handlungsunfähig. Abgesehen natürlich von der Ausrichtung zahlloser Projektmeetings, die ebenso lang wie ergebnisarm sind. Immerhin lernt man auf diese Weise halb Europa kennen, vor allem aber Brüssel, diese steingewordene Rache der Bürokraten. Vieles verbreitet in Brüssel eine Art von Endzeitstimmung: Die seelenlosen EU-Gebäude, die Scheußlichkeit der EU- Cafeterien (oder heißt es Cafeterias?), der grauenhafte Kaffee und die lauwarmen kohlensäurefreien Wässerchen,... Am schlimmsten aber – wer’s einmal erlebt hat, wird es bestätigen – ist das Umsteigen im Bahnhof Bruxelles Nord (wahlweise Brussel Noord): die pure Apokalypse! Bruxelles Midi (bzw. Brussel Zuid) ist kaum weniger schrecklich. Da verzichtet man besser von vornherein auf Drittmittel aus EU-Projekten.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton