Alois Potton hat das Wort [Nr. : 50, 12/2004 ]


 

ConfTools

 

Neue Möglichkeiten verleiten den IT-Experten häufig zu missbräuchlicher Nutzung, die nicht selten bizarre Ausmaße annimmt. Ich will das an einigen Beispielen zu belegen versuchen. Das erste davon ist nicht IT-bezogen, aber immerhin zahlentheoretisch und besonders absurd. Es hat mit Bahnhöfen zu tun, genauer gesagt mit dem Hauptbahnhof von Stolberg (Rheinland). Zunächst einmal ist es erstaunlich, dass dieses mickrige Gebäude mit seinen wenigen Gleisen den großmächtigen Titel Hauptbahnhof führen darf. Die Berechtigung dafür wird wohl daraus hergeleitet, dass es einen zweiten noch winzigeren Haltepunkt in der Kupferstadt Stolberg gibt. Größenwahnsinnig ist aber auf jeden Fall die Nummerierung der drei Bahnsteige, die es dort gibt. Sie haben folgende Kennungen: 1, 2 (soweit noch ganz normal) und – man kann es nicht glauben – 43 (!). Welcher Wahnsinnige kann auf eine solche Schnapsidee verfallen? Dieser Mensch wollte vielleicht beweisen, dass er bis weit über zehn hinaus zu zählen in der Lage ist.

In der IT-Branche gibt es zahlreiche andere Beispiele für missbräuchliche Verwendung neuer Werkzeuge, ohne dass sich der „Experte“ vorher überlegt hat, ob er diese auch zielgerichtet anwenden kann. Ein Musterbeispiel dafür lieferte (leider) unsere geliebte KiVS-Konferenz und zwar mit dem Begutachtungsmechanismus für die KiVS 2005 in Kaiserslautern (Westpfalz) eingereichten Manuskripte. Die Organisatoren hatten ein Tool erworben, das dem PC-Mitglied angeblich die Arbeit erleichtern soll. Dieser Effekt wurde aber nur sehr bedingt erreicht, denn zahllose Schlampereien vergällten dem PC-Mitglied jegliche Lust, sich dieses Tools zu bedienen. Wieso? Zunächst wurde die im Original möglicherweise englischsprachige Bedienungsanleitung ins Deutsche zu übersetzen versucht, wobei natürlich der Konflikt zwischen hochdeutsch und pfälzisch vorprogrammiert war. Dieser zeigte sich neben diversen Schreibfehlern vor allem darin, dass der Pfälzer des Genitivs nicht kundig ist, weil er ihn durch generelle Verwendung des Dativs, also durch „dem sein(e)“, zu ersetzen pflegt: „Ei horschemo, do kimmt e Fuxx, dem sei Ausdinschdung kunschd diräggd schnubberä“. Nun ist der Pfälzer zwar des Genitivs unkundig, aber er weiß von dessen Existenz, weshalb er versucht, einen solchen an Stellen einzubauen, die seiner nun wirklich nicht bedürfen. Die sprachliche Qualität des Begutachtungsformulars war also entsprechend erbärmlich.

Schlimmer aber waren die sachlichen Unerträglichkeiten. So suggerierte das Formular, man könne pro Kriterium 1 bis 10 Punkte vergeben (was dabei die beste bzw. die schlechteste Note sein sollte, wurde nicht verraten). Die folgenden genaueren Ausführungen ließen aber nur die Wahl einer der Schulnoten 1 bis 6 zu. Es wurde ferner verkündet, die ersten fünf Kriterien würden mit jeweils 10% gewichtet und die abschließende Empfehlung, die man mit der mir bisher völlig unbekannten pfälzischen Wortschöpfung „Ausschlagurteil“ umschrieb, mit den restlichen 50%. Ich habe versucht, mir interessehalber die ersten fünf Kriterien anzusehen, aber irgendwie wollte es mir nicht gelingen, mehr als vier davon zu finden. Ob man in Nordrhein-Westfalen anders zählt oder rechnet als in der Pfalz? Oder meinetwegen in Bayern? Es scheint mir fast danach auszusehen, denn in einem ZDF-Bericht über Probleme mit betrunkenen Oktoberfestbesuchern antwortete ein bayrischer Polizist auf die Frage, ob er denn nicht Milde walten lassen und auch mal Fünfe gerade sein lassen könne, wie folgt: „Jo mei, I ko sogar amol Zähni grode sein loss’n“. (Und das ist wirklich so gesagt worden und keinerlei Antubajuwarismus, ich schwöre!).

 

Das KiVs-Formular hatte weitere Ungereimtheiten, zum Beispiel wollte die zur Pflicht gemachte Änderung des zugeteilten Passworts ums Verrecken nicht gelingen, aber aus Fairnessgründen will ich nicht die KiVS allein anprangern, sondern noch eine andere Konferenz, diesmal eine internationale, die in Berlin stattfand und wo ich ebenfalls die Ehre hatte, dem Programmkomitee anzugehören. Selbstverständlich wurde auch dort ein professionelles Werkzeug benutzt. Und die Kriterien (deren Anzahl übrigens von den Berlinern korrekt berechnet wurde, na immerhin) wurden natürlich gewichtet; so etwas ist ja modern geworden. Allerdings: sieh’ mal einer an, die Gewichte waren ausnahmslos gleich groß – und wenn das mal kein Quatsch ist, dann weiß ich es auch nicht mehr, denn: Wenn alle Menschen auf der Welt permanent gleichviel wiegen, wozu braucht man dann noch Personenwaagen? Auf diese einfache Analogie sind die Berliner aber offenbar nicht gestoßen. Nun gut: Wäre die Konferenz auf Ostberliner Gelände ausgerichtet worden, dann hätte man ja noch zur Entschuldigung anführen können, dass im Kommunis- und/oder im Sozialismus eben völlige Gleichheit herrschte und dass deswegen auch die Gewichte identisch sein mussten (obwohl: nach unbestätigten, aber verlässlichen Gerüchten waren ja auch im Sozialismus einige noch deutlich gleicher als andere). Aber diese mögliche Entschuldigung scheidet aus, weil die Konferenz auf dem Gebiet der früheren selbstständigen politischen Einheit Westberlin stattfand.

Die Verantwortlichen für den Einsatz des Berliner Konferenztools wurden außerdem durch den Begriff „Threshold“ auf eine harte Probe gestellt. Dieser Schwellwert konnte nämlich für jedes der zahlreichen Beurteilungskriterien vorgegeben werden, aber auch hier wurde einfach immer derselbe Wert genommen, was erwiesenermaßen keinen rechten Sinn machte. Außerdem hatte ein Unterschreiten dieser Schwelle in dem einen oder dem anderen Fall - wie sich später herausstellte – keinerlei Auswirkungen auf die Annahme oder die Ablehnung eines Manuskripts.

Diese und ähnliche Schusseligkeiten halte ich für ärgerlich, denn für die großmächtigen Konferenztools wird wohl einiges an Geld hingeblättert und deshalb tragen sie dazu bei, die bereits jetzt astronomisch hohen Tagungsgebühren weiter zu verteuern. Löbliche Ausnahme: Die dreitägige Konferenz „IT and Sport“ im September 2004 an der Sporthochschule Köln verlangte gerade mal 100 EURO (!!) an Gebühren inklusive Tagungsband und zweier exzellenter Buffets. Wenn das ohne Defizit gelang, darf man durchaus mal hinterfragen, wofür denn die ansonsten üblichen exorbitant hohen Gebühren ver(sch?)wendet werden!


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton