Alois Potton hat das Wort [Nr. : 51, 3/2005 ]


 

25 Jahre KiVS

 

In Berlin (West) und nur in Berlin sollte sie stattfinden, unsere KiVS-Tagung. An Berlin (Ost) war ja aus Wessi-Sicht vor 25 Jahren noch gar nicht zu denken und andere Lokationen der alten Bundesrepublik sollten als Veranstaltungsort definitiv ausgeschlossen sein. Und die KiVS sollte vom Niveau (das sowieso!) und auch von der Teilnehmerzahl her eine gleichfalls im Frühjahr organisierte kommerzielle Konkurrenzveranstaltung, deren Namen ich hier nicht nennen will, deutlich übertreffen. Diese Ziele wurden auch zeitweise erreicht, denn in der Berliner Frühzeit hatten wir locker und leicht 750 zahlende Teilnehmer, viele davon aus der Industrie. Heute sind uns leider die Industriellen weitestgehend abhanden gekommen und die Teilnehmerzahl erreicht nur noch Bruchteile früherer Werte - mit sinkender Tendenz.

Auch der Schwur des ewigen Verbleibens in Berlin hielt nicht lange, denn bereits im Jahr 1984 wagte Baden-Württemberg eine Palastrevolution, indem aus einer damaligen Position der Stärke heraus verlangt wurde, die KiVS 1985 in Karlsruhe auszurichten zusammen mit dem Versprechen, dies werde ein einmaliges Verlassen des angestammten Tagungsorts bleiben. Dabei hatte man aber das Ausmaß des Beleidigtseins der Berliner gewaltig unterschätzt: Berlin weigerte sich (und weigert sich immer noch), die KiVS noch einmal auszurichten. Daher musste schon 1987, nachdem Berlin trotz diverser Schmeicheleinheiten widerspenstig geblieben war, Aachen kurzfristig als Notstopfen in die Bresche springen – und rückblickend auch ganz erfolgreich. Es gab die schönste aller Abendveranstaltungen – nicht zuletzt wegen des Auftritts der Bewegungsgruppe "Mobile" von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Begeisterung und die strahlenden Augen (auch fotografisch dokumentiert) von Radu Popescu-Zeletin sind unvergessliche Highlights. Im übrigen haben wir Radu ja wie so viele andere seit diversen KiVSen nicht mehr als Teilnehmer begrüßen dürfen. Vielleicht deshalb, weil die KiVS nicht mehr in Berlin stattfindet. Wenn Radu Berlin verlässt, dann gleich richtig, also nicht in die langweilige BRD, sondern direkt nach Fernost, nach Afrika oder nach US. Ich kann das kompetent beurteilen, denn ich verhalte mich ähnlich und treffe Radu häufiger im Ausland als zuhause. Anlässlich der Aachener Tagung konnte sich Nina Gerner (jetzt: Nina Kalt) vor Begeisterung über das Konzert im Aachener Dom nicht mehr einkriegen. Und Werner Zorn wankte in dichtem Schneetreiben und bei eisiger Kälte gewärmt durch diverse Promille ohne Mantel und Jacke vom nicht mehr existierenden Leierkasten zurück zu seinem Hotel. Er überstand das aber ohne ernstliche Erkrankung und erhielt auch Jacke, Mantel, Portemonnaie und Kreditkarten zurück, so ehrlich sind halt die Aachener.

Ach ja, gefeiert wurde bei den KiVS-Veranstaltungen schon immer heftig, vielleicht um sich von der Ereignislosigkeit der Provinzstädte abzulenken. Ganz schlimm war es 1989 in Mannheim, nachdem Berlin wieder einmal verweigert hatte. Paul Kühn verlor damals, wie er mir nachher gestand, beinahe seinen Führerschein und der Autor dieser Zeilen sprach dem von Hans Meuer überreichlich angebotenen Alkohol so sehr zu, dass er morgens um drei die Glasscheibe der Eingangstür des Central-Hotels stark beschädigte, ohne allerdings Einlass zu erhalten. Die Übernachtung erfolgte darauf in der (im wahrsten Sinne des Wortes zugigen) Vorhalle des Mannheimer Hauptbahnhofs. Erst um sechs Uhr morgens gelang der Eintritt durch die nun wieder aufgesperrte Hoteltür und im Frühstücksraum wurde an vielen Tischen die Frage, welcher Idiot denn die Tür ramponiert habe, leidenschaftlich diskutiert, blieb aber zum Glück unbeantwortet.

 

Apropos Hans Meuer: Anlässlich der ersten KiVS in den neuen Bundesländern (Chemnitz 1997), wo wir von einem nicht erwarteten Ausmaß an Weiberfastnacht überrascht wurden, verlor er nach nicht unerheblichem Alkoholgenuss seine Brille und tat sich auch sonst körperlich ziemlich weh. Die Brille fand sich wieder, die lädierten Knochen brauchten einige Zeit bis zur Heilung. Es gelang mir ebenfalls in Chemnitz, eine meiner früheren Studentinnen (Sabine Breuer) zu bewegen, bei der Preisverleihung für die beste Diplomarbeit dem Preisüberreichenden, nämlich Wolfgang Effelsberg, gemäß rheinischer Tradition seine teure Krawatte abzuschneiden. Der ungläubige Blick von Wolfgang wird jedem, der dabei war, ewig in Erinnerung bleiben.

Und mit was für Themen wir uns in den KiVS-Frühzeiten herumgeschlagen haben! Bildschirmtext, multifunktionale Endgeräte, X.25, ATM,... Alles aus heutiger Sicht absolut nicht mehr vorzeigbar und bestenfalls noch Schmunzeln oder Depressionen auslösend. Da haben es die Mathematiker oder Physiker schon besser, deren Ergebnisse aus dem Jahr 1920 immer noch gewisse Relevanz haben. Muss man sich dann nicht automatisch fragen, welcher Staub in fünf Jahren auf den Vorträgen der KiVS 2005 liegen wird?

Und was ist eigentlich mit dem Namen "KiVS"? Er war lange umstritten, denn "Kommunikation in verteilten Systemen" legt zu viel Betonung auf "Kommunikation" und zu wenig auf "verteilte Systeme", so wie es ja in Thomas Manns Klassiker "Lotte in Weimar" mehr um Goethes Geliebte "Charlotte Kestner, geb. Buff" geht als um das öde Nest "Weimar". Die Lösung und gleichsam der Stein der Weisen war, die Fachgruppe, welche die KiVS organisiert, einfach in KuVS umzutaufen (Kommunikation und verteilte Systeme). Dem Stellenwert der verteilten Systeme innerhalb der KiVS hat dieser gemeine Trick wenig oder nichts genutzt, was zum Beispiel Kurt Geihs immer wieder beklagt.

So, das war mein sehr persönlich gefärbter Rückblick auf 25 Jahre KiVS. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber Heinz-Gerd Hegering und Hans Günther Kruse haben mir wie üblich nur eine Seite zugestanden. Daher als Abschluss noch ein kurzes Gedicht zum "Silbernen", das zwar sonderbar ist, aber dafür war es um so schwerer; es ist nämlich ein a-e-i-o-u-Gedicht:

Schon fünfundzwanzig Jahre giff’s
nun uns’re heißgeliebte KiVS.
Erzeugt (als Resultat des Suffs?)
von einer Gruppe namens KuVS.
Der Inhalt des Jub’läumsheffs
wurde verfasst von KuVSen-Chefs.
Ein starkes Heft ist es, ein straff’s;
das reimt sich gut, da seid Ihr baff(s).
Es hat ’ne Menge Lesestoffs.
Dass es gefallen tat: Ich hoff’s!



In diesem Sinne
Ihr Alois Potton