Alois Potton hat das Wort [Nr. : 52, 6/2005 ]


 

Felix East Asia

 

Es gibt ein Problem, auf das ich bereits vor einem Jahr hingewiesen habe: Die IT-Themen werden langsam rar. Entweder sie sind schon abgearbeitet oder ich erkenne die neuen Trends nicht mehr (ich kann doch nicht permanent über die Unternehmensberater herziehen, das wäre ja albern). Nebenbemerkung: "Neue Trends", das ist ja ein Duplikat wie "weißer Schimmel". Mehrere Leser haben mir dankenswerterweise gut gemeinte Ratschläge für neue Themen gegeben, thanks in particular to Manfred Paul and to Werner Gora. Die Schwierigkeit mit der praktischen Umsetzung ist aber, dass diese Vorschläge für eine praktische Umsetzung nur bedingt taugen, denn das Verfassen der Kolumne ist schwieriger als vielleicht vermutet wird. Ich jedenfalls brauche eine Art Urknall oder einen Kickstart, danach geht es ziemlich leicht, aber ohne Urknall ist es eine pure Quälerei mit vorhersehbar jämmerlichem Resultat, so sehr ich mich auch anstrenge. Und besagter Urknall lässt sich eben nicht erzwingen.

Also muss ich diesmal und vielleicht auch fürderhin (ein wahrlich vornehmes Wort!), weil ich die Kolumne doch besserer Einsicht zum Trotz immer noch nicht aufgeben will, andere Themen wählen. Und das fällt mir bedeutend leichter als das sture Beharren an IT-Fragen. Zum Beispiel will ich diesmal etwas smalltalken über Konferenzen im und über zugehörige Reisen ins Ausland. Ich liebe solches und schäme mich auch ein klein wenig dafür, aber nur ein winziges bisschen. Und ganz besonders gern reise ich, auch wenn ich jetzt bei diversen Lesern Neid errege, nach Südostasien. Zum Ausgleich verkneife ich mir die Bush-geschädigten langweiligen Vereinigten Staaten so oft wie möglich - leider gelingt das aber nicht immer. Also viel lieber auf nach Südostasien, denn dort wird man noch beinahe behandelt wie ein König. In Nordamerika ist man ein "weißer Neger" und in Deutschland ist es auch nicht viel besser, also flüchte ich, so oft ich kann. In etwas gewagter Abwandlung eines bekannten Zitats könnte man sagen: "Bella gerant Bush and Company; tu, felix East Asia, smile".

Und erst die Konferenzen in Südostasien! Sie beseitigen für einige Zeit den Minderwertigkeitskomplex, wonach Europa gegen diese Länder keine Chance mehr hätte (was ja für die Produktion von Massengütern wie Fernsehgeräten und evtl. auch von Autos inzwischen wirklich zutrifft). Aber intellektuell werden wir mit Indien und China noch einige Jährchen mithalten können, davon bin ich überzeugt - und ich weise jeglichen Verdacht von mir, ein Chauvinist oder gar ein Rassist zu sein. Auch unseren Kinder und Kindeskindern wird das noch einige Zeit lang gelingen, äwwer sischer datt (sagt der Kölner) - allerdings mit einer Einschränkung: Sie werden den Konkurrenzkampf nur dann erfolgreich bestehen, wenn sie Grundlagenkonzepte und logisches Denken lernen und diese Kenntnisse für neue Herausforderungen anwenden statt dass sie sich auf das bloße Einpauken und auf das Beherrschen von kurzlebigen Software-"Lösungen" beschränken (was ja leider von nicht wenigen Industrievertretern immer noch als Traumziel einer guten Ausbildung angesehen wird). Mein optimistischer Blick in die Zukunft gründet sich auf folgende Beobachtung: Bevor ein Inder selbstständig auf einen halbwegs originellen Ansatz kommt, wird die Erde aufhören, sich zu drehen (es gibt Ausnahmen, aber wirklich nur ganz wenige). Die Angehörigen dieser Nation können zwar besser auswendig lernen als unsereins und im Nachahmen sind sie ebenfalls schwer zu übertreffen. Aber einen Gedanken fassen, der nur einen Millimeter "off the beaten track" ist, das gelingt ihnen nicht: No chance! Dieses erleben deutsche Hochschullehrer Tag für Tag bei Prüfungen in den internationalen Bachelor- und Masterstudiengängen. Und erst recht auf Tagungen in Asien. Deswegen bin ich immer ganz hochgestimmt und sogar überdreht, wenn ich von dort zurückkomme.

 

Aber nicht nur die Aufenthalte in Asien sind wundervoll, sondern auch die langen Reisen dorthin und zurück. Auf einer meiner jüngsten Flüge dorthin (ich sage absichtlich nicht: auf meinem letzten Flug..., did you get my point?) ergatterte ich - Sie mögen es für eine pure Nebensächlichkeit halten, aber ich achte auf solche Kleinigkeiten - eine Dose Castle-Bier echt aus Südafrika. Nicht etwa die übliche Amstel- oder Heineken-Pisse. Das rettete schon mal den halben Flug, obwohl der mit seiner 3-4-3-Bestuhlung in der Holzklasse einer Boeing 777 weniger Freiraum bietet als einem Huhn bei engster Käfighaltung zugestanden wird. Neben dem Genuss des exotischen Biers - ich sammle solche Genüsse - fand ich eine geradezu wundervolle Aufschrift auf der Dose, nämlich: "Brewed in perfect balance to satisfy a South African thirst". Da war ich aber von den Socken! Feixte innerlich und stellte mir sofort folgende Fragen:

  • What is the definition of a South African thirst?
  • What is the difference between a South African thirst and a German or a Russian one?
  • How to model the thirst arrival process?
  • Can we assume that interarrival times between South African thirst attacks are exponentially distributed; and if yes, with which parameter?
  • Do we observe single thirst arrivals or is there also a possibility for multiple thirst arrivals?
  • How to simulate the thirst arrival and service process with ns-2?
  • Can we use semantic web services in order to distinguish a South African thirst from an Italian one?
  • ...Questions over questions. And no answers.

    Anyway: I was really amused (unlike the UK queen with Charles and Camilla). Thus a simple can of beer and a small sentence printed on it makes me happy on an otherwise rather uncomfortable flight. You will admit that it is very easy to satisfy your good old Alois Potton.


    In that sense
    yours very truly
    Alois Potton