Alois Potton hat das Wort [Nr. : 53, 9/2005 ]


 

Die Exzellenz-Cluster-Initiative

 

Mit den deutschen Universitäten steht es nicht zum Besten (oder schreibt man das Wort "besten" ab sofort mit kleinem Anfangsbuchstaben? Verfluchte Rechtschreibreform!). Der schlimme Zustand der Universitäten ist seit ewigen Zeiten bekannt - und es gab und gibt ungezählte selbst ernannte Experten, die daran herumdoktern und uns permanent neue Reformen verordnen, ohne dabei aber nachhaltige Erfolge zu erzielen. Vielleicht wäre eine Nicht-Veränderung immerhin noch zielführender als ständig neue "Ideen", welche die Gesamtsituation graduell weiter verschlechtern. Dieser Änderungswahn hat vergleichbare Wirkungen wie bei meinem Rechner: Sobald der Systemadministrator drangegangen ist mit dem Versprechen, eine garantiert noch viel tollere und schnellere neue Software zu installieren, arbeitet das Gerät viel langsamer als vorher. Die gefühlte Rechnergeschwindigkeit ist sozusagen ein eindeutiger Beleg für die gut gemeinten, aber manchmal etwas übermotivierten Aktivitäten unseres Systembetreuers.

Mit den Universitäten verhält es sich genauso: Einmal wird Gleichmacherei verordnet, dann wieder sollen die Unterschiede herausgearbeitet und besonders gute Lokationen mit Extramitteln belohnt werden, getreu dem Motto: "Der Teufel scheißt auf den dicksten Haufen". Momentan scheinen Regierung und Opposition hier wieder einmal die Rolle des genannten Teufels einnehmen zu wollen. "Eliteuniversität" nennt man das. Und exakt zehn Universitäten wollte man mit diesem schmeichelhaften Hochglanzlabel auszeichnen - genau wissend, dass dies so nie und nimmer funktionieren würde. Denn zur erfolgreichen Umsetzung dieses Gedankens hätte man ja die Zustimmung aller sechzehn Ministerpräsidenten der Länder gebraucht. Und 16 ist nun mal größer als 10, weshalb dieser Ansatz unmöglich funktionieren konnte, denn jeder einzelne Ministerpräsident musste doch bedient werden und dabei Bayern und Baden-Württemberg gleich mehrfach. Aber entweder sind die Grundrechenarten in der Politik nur unzureichend bekannt (PISA gilt nicht nur für deutsche Grund-, Haupt- und Gymnasialschüler, sondern a fortiori auch für deutsche Politiker) oder die Politik hatte aus purer Niedertracht diesen Köder ausgelegt. Sehr wohl wissend, dass er nicht essbar sein würde. Diese Gemeinheit wäre ihr (der Politik nämlich) durchaus zuzutrauen.

Mit dem Trick der Eliteversprechung konnte man die Universitäten erst einmal eine Zeitlang ruhig stellen. Das war wohl auch das vorrangige Ziel der Übung. Diverse Monate später kam man dann zur nahe liegenden Erkenntnis, dass das Konzept der Eliteuniversität gar nicht so genial ist, denn schließlich kann keine einzige Universität von sich behaupten, in jeder Disziplin Spitzenleistungen zu erbringen. So mag ja, um ein Beispiel zu nennen, die KU Eichstätt (KU = Katholische Universität = offizieller Titel von Eichstätt) vielleicht in der katholischen Theologie brillieren, aber schon bei den evangelischen Theologen sind dort Schwächen unübersehbar - die sich schon darin zeigen, dass es im stockkatholischen Altmühltal die evangelische Theologie überhaupt nicht gibt.

Wenn also keine Universität insgesamt gesehen elitär ist (das würde nicht einmal für Harvard oder für Stanford gelten), dann kann sie aber durchaus hervorragende einzelne Fachbereiche haben oder - noch besser - exzellente interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Bereichen, die man stärken sollte. Das neue Zauberwort heißt "Exzellenzclusterinitiative". Damit sind scheinbar alle Probleme gelöst. Zumindest können die Universitäten auf diese Art und Weise für einen gewissen Zeitraum mit sich selbst beschäftigt werden - so wie das in den vergangenen Jahren erfolgreich durch den von oben verordneten Zwang zur Umstellung weg vom Diplom und hin zu Bachelor/Master gelungen ist. Eine andere beabsichtigte(?) und berechtigte Hoffnung war, dass sich einzelne Fachbereiche durch die Verordnung zur Ablieferung eines gemeinsamen Antrags aufs Gründlichste zerfleischen werden. Denn der Kampf um die virtuellen Fleischtöpfe (gerade mal bestenfalls 30 über die Republik hinweg und das für alle zig Disziplinen zusammen) und die frühzeitige Verteilung der Felle von noch nicht einmal am fernen Horizont sichtbaren - geschweige denn bereits erlegten - Bären ist bestens dazu geeignet, eine zuvor ggf. bestehende positive Zusammenarbeit zwischen Kollegen aufs Gründlichste zu ruinieren.

 

Ich hatte in diesem Zusammenhang einen furchtbaren Traum, nachdem ich über diese ganze Bredouille zu lange nachgedacht und aus Verzweiflung dem Alkohol allzu reichlich zugesprochen hatte. Es erschien mir nämlich, nachdem ich unruhig eingeschlafen war, eine wunderschöne Fee und sprach also zu mir: "Lieber Alois, ich sehe, dass Du Dir große Sorgen machst um den Zustand der Universitäten. Und schau einmal, ich habe eine gute Nachricht für Dich - aber leider auch eine etwas weniger gute. Die gute Nachricht ist: Es wird eine Exzellenzclusterinitiative kommen und eine zugehörige Ausschreibung - und ihr werdet dabei sein".

Da begann ich im Schlafe laut zu jubeln, worauf mich die gute Fee vorsichtig daran erinnerte, dass sie ja auch noch eine etwas weniger gute Nachricht für mich in petto habe. Dieses konnte mich aber überhaupt nicht mehr schockieren, denn die erste Botschaft war doch so überaus positiv. Trotzdem fragte ich nach, was es denn mit der schlechten Nachricht auf sich habe. Da antwortete die Fee: "Es ist eine Exzellenz-Cluster-Initiative, also ein Dreikomponentenkleber. Aber ihr könnt leider nur jeweils zwei von den drei Komponenten haben. Viel Glück bei der Auswahl". Dieses verkündete mir die gute Fee und sie entschwand.

Erst als sich meine Verblüffung gelegt hatte und ich schweißgebadet aufwachte, begann ich mir die drei Alternativen und die daraus entstehenden Konsequenzen klarzumachen:

Entweder man ist als Initiative exzellent, aber dann ist man kein Cluster (sondern lediglich eine Bande von Einzelkämpfern, für die eine Förderung sich nicht lohnt).

Oder man wird als Cluster initiativ, aber dann ist man kein bisschen exzellent (sondern bestenfalls eher mittelmäßig).

Oder zum Dritten: Man kann ein wirklich exzellentes Cluster sein, aber dann wird man ganz sicher nicht initiativ.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton