Alois Potton hat das Wort [Nr. : 55, 3/2006 ]


 

Die Flatrate und andere Flachheiten

 

Flatrate ist ein Spezialtarif, der wie viele andere solcher Tarife (All-you-can-eat, Monatskarte, Ehe) das Ereignis total entwertet. Diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern ist aus TITANIC (Dezemberheft 2005) entnommen. Es scheint mir aber nahe liegend zu sein, dass an dieser Weisheit etwas dran ist: Was nichts kostet oder was fixe Kosten verursacht, ist nichts oder wenig wert. Als gesichert kann gelten, dass die Flatrate eine Abkehr vom Gebot der Datensparsamkeit im Gefolge haben wird. Überlegungen zur strukturierten und effizienten Erstellung von Programmcode oder von Webseiten oder von was auch immer werden hinfällig und sogar als dumm oder einfältig verspottet werden. Dabei würde uns etwas Datensparsamkeit ganz gut zu Gesicht stehen. Denn dieses Prinzip würde so manchen Höchstleistungsrechner entbehrlich machen, wenn man dort nämlich bessere Programmiersprachen, leistungsfähigere Compiler und etwas weniger altmodische Programme einsetzen würde anstatt dieselben uralten Codes mit immer mehr Mega-, Giga-, Tera-, Peta-, Exa-, Zetta- und Yotta-Flops durchzunudeln – um dann doch den Tsunami nicht vorhersagen zu können. Übrigens: der Name „Flop“ als Bezeichnung für eine Gleitkommaoperation (im allgemeinen pro Sekunde), ist das nicht ein frappierendes Indiz für die vermutete Nützlichkeit solcher Rechenoperationen – sozusagen eine wirklich gelungene Freudsche Fehlleistung? Nebenbei bemerkt: Die Umkehrungen zu Mega,... Yotta heißen Micro, Nano, Pico, Femto, Atto, Zepto und Yocto. Hätten Sie’s gewusst? Wahrscheinlich nicht, aber Wikipedia weiß alles!

Im Englischen hat das Wort "flat" (was im Deutschen einfach nur "flach" bedeutet) zwei recht interessante Nachbarn mit geringer Hammingdistanz. Für Nichtexperten: Die Hammingdistanz ist ein Maß für den Unterschied zweier Zeichenketten, im einfachsten Fall zählt diese Größe die Anzahl unterschiedlicher Bits von gleichlangen Binärfolgen. Es gibt in der englischen Sprache das Verb "to flatten", was soviel heißt wie flachmachen oder zerdeppern - und es gibt das ganz ähnlich aussehende Wort "to flatter", was nichts anderes bedeutet als "sich einschmeicheln". Beides scheint mir als Erklärung für die Flatrate ganz passend, denn offensichtlich will sich der Netzbetreiber durch das Angebot eines Flatrate-Tarifs beim Kunden einschmeicheln und ihn dadurch einlullen. Andererseits kann die Flatrate aber durch ihr regelmäßiges Wiederkehren den Nutzer aber auch flachmachen, zumindest finanziell. Ich kann mich zwischen "flatter" und "flatten" als Ausgangspunkt für die Bezeichnung "Flatrate" nicht richtig entscheiden.

Flach ist auch mancher andere Aspekt der Informations- und Kommunikationstechnik, zum Beispiel die Form diverser Adressen - zum Beispiel der MAC-Adressen von Ethernet. Ein flaches, also nicht-hierarchisches, Schema hat den Vorteil, dass man bei einem Umzug seine Adresse einfach mitnehmen kann. Problematisch dagegen ist, dass man den Benutzer oder das Gerät schwerer lokalisieren kann, weil man aus der Adresse nicht mehr ableiten kann, ob er auf den Cocos- und Caiman-Inseln beheimatet ist oder nicht doch vielleicht in Biele- oder Bitterfeld. Obwohl: so groß sind die Unterschiede zwischen den genannten Lokationen ja nicht.

 

Flach werden - hardwarebezogen - die Bildschirme, und das ist nun ein Effekt, gegen den wirklich kaum etwas einzuwenden ist.

Flach wird zweifelsfrei auch das Niveau der neu eingerichteten Bachelor/Master-Studiengänge im Bereich Informatik/Informationstechnik sein, denn allzu viel Lehrstoff muss dort in immer kürzerer Zeit in die Studierenden hineingepresst werden, um sie durchlaufzuerhitzen und schnellstmöglich berufsfähig zu machen. Berufsfertig werden sie dann erst durch intensives industrielles Training. Dort (nämlich in der Industrie) kann man das ja sowieso besser als in den Universitäten, wo die fachidiotischen (oder flachidiotischen, um beim Thema zu bleiben) Professoren den Studierenden ja sowieso nur unnütze Flausen in den Kopf setzen. Durch die neuen Studiengänge werden die Universitäten unweigerlich zu F(l)achhochschulen. Umgekehrt werden die Fachhochschulen aber auf diese Weise keineswegs zu Universitäten: Eine Loose-loose-Situation für beide Parteien! Ach ja: Die Fachhochschulen sind ja schon absolut happy wegen der für sie scheinbar grandiosen Entwicklung aufgrund der Nivellierungen im deutschen Hochschulwesen. Folglich haben sie sich im Englischen bereits vornehm umbenannt. Sie heißen jetzt „University of Applied Sciences“ und sind sehr stolz darauf. Ich weiß ja nicht, wer ihnen diese Umbenennung erlaubt hat, aber erstens ist Name nicht mehr als Schall und Rauch (Goethe, Faust I) und zweitens zeigt eine genauere, wenngleich etwas fiese, Interpretation dieser Bezeichnung doch des Pudels Kern (ebenfalls Goethe, Faust I): „Universität der angewandten Wissenschaften“, das heißt doch, dass man die Wissenschaften (wieso eigentlich steht hier der Plural?) lediglich anwendet – und das bedeutet im Umkehrschluss, dass man eben selbst keine Wissenschaft(en) betreibt. Also doch eine insgeheime Verbeugung vor den altehrwürdigen Universitäten? Ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen.

Ach ja, weil mir zum Thema "flach" nun doch nicht genug einfällt, um eine ganze Seite zu füllen - und weil ich weiter oben die flachidiotischen Professoren erwähnte: Früher gab es an den Hochschulen ordentliche und außerordentliche Professoren, wobei die dienstlichen Verpflichtungen für beide Sorten gleich groß waren (und sind). Heute unterscheidet man die Professorentypen nur noch durch seelenlose Buchstaben- und/oder Ziffernkombinationen. Aber das Gehalt der außerordentlichen Professoren war und ist eben niedriger. Warum dann die beiden unterschiedlichen Bezeichnungen? Ganz einfach: der außerordentliche Professor heißt so, weil er noch nichts Ordentliches geleistet hat. Der ordentliche Professor hingegen verdient seinen Namen deswegen, weil ihm noch nichts Außerordentliches gelungen ist.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton