Alois Potton hat das Wort [Nr. : 56, 6/2006 ]


 

Pyrrhus-Siege

 

Pyrrhus (wie mag sich der Kerl eigentlich nach der Rechtschreibereform schreiben, vielleicht Piruss oder so?) war König der Molosser und Hegemon des Epirotenbundes. Er lebte von 319 bis 272 vor Christus (die Ossis würden sagen v.u.Z. = vor unserer Zeitrechung) und sein Name wäre längst vergessen, wenn er nicht zwei unangenehme Eigenschaften gehabt hätte. Erstens hatte er Schweißfüße. Diese Erkenntnis ist das Hauptresultat einer an der Universität SFUSF2 (Schweißfuß-Universität San Francisco; Außenstelle Suomi, Finnland) kürzlich entstandenen PhD-Thesis im Fachbereich Alte Geschichte. Zweitens aber – und das hat ihn noch viel berühmter gemacht – hatte er die für ihn sehr unangenehme Marotte, dass er seine Schlachten zwar häufig siegreich bestritt, dass die Siege in Wirklichkeit aber eindeutige Niederlagen waren – Pyrrhus-Siege eben.

Ähnliche Pyrrhus-Siege sind bei der berühmt-berüchtigten Exzellenzinitiative zu befürchten; siehe vorletzte Ausgabe der PIK. Wir (der Kundige wird wissen, welche Universität damit gemeint ist) waren enorm geplättet und gebauchpinselt, als wir feststellten, dass nicht weniger als sechs der noch verbleibenden 80 von ursprünglich 319 Anträgen aus unserer Feder stammen – und Alois ist sogar sowohl an einer Graduiertenschule als auch an einem Exzellenzcluster beteiligt. Nie und nimmer hatten wir von solch einer Erfolgsquote zu träumen gewagt. So weit, so gut; jedenfalls scheinbar. Wir waren anfangs hochgradig begeistert – nicht zuletzt auch in ehrfürchtiger Berücksichtigung der bereits versenkten Konkurrenz, denn von Kiel bis Konstanz hatte ja jeder mindestens einen solchen Antrag gestellt. Und zu sehen, dass quasi der gesamte (!) Osten abgeraucht ist, wenn man einmal die Humboldt-Universität als nicht wirklich dem Osten zugehörig bezeichnet, sondern ihr den Status „Ehrenwessi“ zukommen lässt: Dieses hat uns beinahe schon wieder den Glauben an die zurückkehrende Fairness im deutschen Begutachtungssystem wiedergegeben. [Oder doch nicht ganz, denn es waren ausschließlich internationale Gutachter beteiligt, die zum größten Teil den Unterschied zwischen Ossi- und Wessiland ebenso wenig kennen wie sie über Einzelheiten von Ossetien oder Wesseling informiert sind].

Aber nun ist natürlich eine furchtbare Menge an Arbeit für die Vollanträge zu leisten, von denen immer noch 50 Prozent den Jordan runtergehen werden. Ein solcher Absturz in letzter Sekunde wäre natürlich fatal, aber eine Bewilligung könnte beinahe denselben Effekt haben! Vor allem für diejenigen, die nicht direkt von der Bewilligung profitieren würden – und das sind ja fast alle, denn das Cluster bedient nur einige wenige! Vorboten dafür, dass diese Befürchtung nicht ganz unberechtigt sein könnte, gibt es bereits. Zum Beispiel hatten wir Mitte März 06 die Begehung eines so genannten Transferbereichs. Dabei geht (oder besser: ging, denn die DFG wird dieses Konzept wegen Untauglichkeit wieder einstellen) es um die Fortsetzung eines regulär ausgelaufenen Sonderforschungsbereichs mit dem Ziel der Umsetzung der Ergebnisse in die Praxis. Nun war ich zwar am SFB beteiligt, am Transferbereich aber nicht mehr, denn es gelang mir irgendwie nicht, die dafür erforderliche Industriebeteiligung aufzutreiben. Dieses war aber weniger der eigenen Unfähigkeit zuzuschreiben als meiner Schüchternheit, denn ich hätte – wie sich herausstellte – durchaus auch mit der Bäckerei Brammertz aus Würselen als Kooperationspartner antreten können. Die meisten der Transferprojekte hatten nämlich mehr oder weniger nur Windeier als Partner. Hier ist ein besonders drastisches Beispiel:

 

Die großmächtige Bayerische Asphalt- und Seifen-Fabrik in Louisport verstieg sich nämlich zu folgender wörtlicher (orthographisch und stilistisch nicht ganz astreiner) Zusage: "Die BASF Aktiengesellschaft wird sich an dem Transferprojekt in Form regelmäßiger, zwei- bis dreimal jährlich stattfindender Treffen und Workshops beteiligen. Dies entspricht einer Beteiligung in einem Umfang von einem halben Personenmonat pro Jahr über die Projektlaufzeit von drei Jahren". Wenn dieser Letter of Intent nicht eine arge Frechheit ist, dann weiß ich es nicht mehr! Die Beteiligung an zwei bis drei Treffen (die ja jeweils im Einzelfall bestenfalls zwei Tage dauern) als halben Personenmonat zu bezeichnen, das ist schon hart. Fünf Tage herumsitzen ist für diese gebeutelte Industrie offenbar ein halber Personenmonat! Man komme mir nur nicht mit der faulen Ausrede, die Teilnahme an einem solchen Workshop koste ja schließlich Zeit für Vor- und für Nachbereitung und die lange Reisedauer etc. Man wundert sich über gar nichts mehr. Ich hätte also nur die Bäckerei Brammertz um das Verfassen eines solchen Briefs bitten und ihr zusichern sollen, sie müsse nichts Ernsthaftes für das gemeinsame Projekt tun; das hätte als Industriepartnerschaft funktioniert.

Aber nun zurück zum Pyrrhus-Sieg: Die Gutachter aus deutschen Landen reisten zur Evaluation des Transferbereichs an. Und das waren ja sehr berühmte Gutachter. Man wusste oder konnte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten, dass sie ebenfalls an Exzellenzclusteranträgen beteiligt waren. Aber ganz offensichtlich und nachweisbar gehörten ihre Anträge zu den 239 bereits abgelehnten Vorhaben. Und dann sitzt so ein Gutachter im Zug auf dem Wege zur Begehung; wissend, dass wir im bisherigen Verlauf überraschend erfolgreich waren und idiotischerweise unsere noch keineswegs feststehende Exzellenz auf der Homepage der Universität großspurig verkünden. Wird sich dieser Gutachter nicht denken: "Jetzt wollen wir denen doch einmal zeigen, was eine Harke ist. So exzellent sind die nämlich nun auch wieder nicht!" Und wird er dann nicht den armen Transferbereich bestrafen, obwohl der für die Exzellenzcluster nun überhaupt nichts kann?

Es steht zu befürchten, dass an solchen Revanchefouls kein Mangel herrschen wird, sollten wir auch die Endausscheidung der Cluster erfolgreich bestehen. Daher bleibt es gewaltig spannend und hochinteressant. Ob das allerdings immer positiv ist, darf durchaus bezweifelt werden, denn ein chinesischer Fluch oder besser gesagt eine arge Verwünschung lautet wie folgt: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben".


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton