Alois Potton hat das Wort [Nr. : 57, 9/2006 ]


 

 

Das Tagungsgeschäft liegt danieder. Die inflationäre Zunahme von Veranstaltungen hat keineswegs zur Qualitätsverbesserung beigetragen, sondern das genaue Gegenteil ist der Fall. Das Produkt von Veranstaltungszahl und Registrierungen ist konstant, was eigentlich eine triviale Erkenntnis ist, weil sich das Budget der in Frage kommenden Teilnehmer/innen nicht ins Uferlose steigern lässt. Folglich kommen zu den meisten Tagungen kaum mehr Teilnehmer als das Veranstaltungsprogramm an Vorträgen ausweist. Würde man alle Vortragenden zusammenzählen (manche Beiträge haben ja fünf oder mehr davon), dann käme man auf ein Vielfaches von Teilnehmern, die eigentlich anwesend sein müssten, aber niemals sichtbar werden. Diese Abstinenz erklärt sich leicht aus besichtigungstechnischen Gründen (schließlich möchte man sich ja auch die kulturellen und sonstigen Highlights des Veranstaltungsorts und seiner Umgebung antun) und vor allem aus marktwirtschaftlicher Sicht, denn für den Autor eines Manuskripts ist es entschieden billiger, zuhause zu bleiben (und den Tagungsbeitrag zähneknirschend zu zahlen) als sich die zum Teil sehr weite, teure und mit Jetlag verbundene Anreise sowie die abenteuerlich hohen Übernachtungskosten anzutun. Besonders clevere Spezis in dieser Beziehung sind Koreaner und Taiwanesen, die unbedingt eine gewisse Anzahl an Veröffentlichungen brauchen und eine gut dotierte Position quasi automatisch erhalten, nachdem die notwendige Zahl von Publikationen erreicht ist. Als Veröffentlichung zählen für Angehörige dieser Nationalitäten in erster Linie vor allem solche, die mit den vier Buchstaben „IEEE“ als veranstaltender Organisation gekennzeichnet sind, aber auch andere Veranstalter erfreuen sich inzwischen eines sehr guten Zuspruchs. Das wiederum begeistert die Ausrichter der Veranstaltung ungemein, denn auf diese Weise kann die Annahmequote im niedrigen zweistelligen Bereich gehalten werden, was dann als hervorragendes Qualitätsmerkmal missdeutet wird.

Das Niveau der meisten Sitzungen einer Konferenz kann nur bedingt als hochrangig gelten. Handelt es sich doch in der Mehrzahl der Fälle um Fingerübungen für gerade laufende Diplomarbeiten oder Dissertationen, wobei häufig ohne allzu viel Nachdenken an einem speziellen Parameter herumgedoktert wird – wobei dann im Gegenzug andere und vielleicht viel wichtigere Kenngrößen unbeachtet bleiben. Großen Erkenntnisgewinn bringen solche Etüden (wie sehr habe ich diese im Violinunterricht gehasst!) nur in den seltensten Fällen – und dass ein solch rares Ereignis einmal vorkommt, darauf kann man sich keinesfalls verlassen. Weshalb sich denn mancher den Besuch von Konferenzen ganz allgemein lieber verkneift.

Also sind die "normalen" Vorträge auf Konferenzen bezüglich ihres Erkenntnisgewinns durchaus zu hinterfragen und erst recht die Posterdemos, die ja im Klartext nichts weiter als abgelehnte Manuskripte sind, bei denen man aber auf den zahlenden Teilnehmer nicht verzichten wollte. Hüten Sie sich auf Tagungen vor Leuten, die mit Behältern herumrennen, die Botanisiertrommeln nicht unähnlich sind. Laut Wikipedia ist eine Botanisiertrommel ein länglich-zylindrisches Gefäß, das meist an einem Riemen über der Schulter getragen wird. Diese Behältnisse enthalten Poster und der Botanisiertrommelträger wird Sie mit Erklärungsversuchen überschwemmen, sofern Sie auch nur das geringste Interesse vortäuschen sollten.

 

Bleiben also die Hauptvorträge (vornehmer als "Keynote Talk" bezeichnet). Vermitteln diese denn richtungweisende Erkenntnisfortschritte für die nächsten Jahrzehnte oder wenigstens für den nächsten Fünfjahresplan? Das kann man so allgemein nicht sagen, denn sehr oft werden sie von einem ganz anderen als vom angesagten und im Programm ausgedruckten Referenten gehalten. Statt des hochberühmten Obertiers eines globalgalaktischen Unternehmens wird der Keynote Talk von einem Chargierten der Hierarchieebene drei, vier oder fünf zum Besten gegeben, wobei dieser Chargierte erst unmittelbar vor der Veranstaltung von seinem Glück erfuhr und einen entsprechend begrenzten Informationsstand über den Inhalt des Referats an den Tag legt.

Aber manchmal erblühen sie dann doch, die Rosen an verdorrten Dornensträuchern, d.h. die Ereignisse, die einen für den Besuch einigermaßen bescheidener Veranstaltungen mehr als entschädigen. So etwas widerfuhr mir kürzlich anlässlich einer Tagung, die früher auch schon bessere Zeiten gesehen hat, an der ich aber wegen diverser angeflanschter Meetings teilnehmen musste. Das erfreuliche Ereignis war einer dieser Keynote Talks, der sogar vom eigentlichen Autor zum Vortrag gebracht wurde, was aber die Sache nicht besser machte. Inhaltlich konnte der Beitrag nicht eben vom Hocker reißen. Der Vortragende war Grieche und es war mir bis dato nicht bewusst, dass die griechische Sprache der englischen so eng verwandt ist. Insgesamt war für mich mit dem Beitrag wenig anzufangen, er hatte sehr wenig - wenn überhaupt - mit Kommunikationstechnik zu tun. Es ging um irgendwelche Optimierungen, Zielfunktionen und so. Aber irgendwie musste das Ganze doch etwas mit unserer Materie zu tun haben, denn der Vortragende schien sich laufend auf Karlsruher Arbeiten zu beziehen. Jedenfalls murmelte er fortwährend etwas von "Zitterbart" oder so, obwohl Martina gar nicht bei dieser Konferenz gesichtet wurde. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich hinter die Sache kam: Auf Karlsruher Professorinnen wurde nicht wirklich Bezug genommen, sondern eine vom Autor krampfhaft zu optimieren versuchte Zielfunktion hieß (d.h. "Thieta bar", mit stark ausgeprägtem führenden "tie eitsch", unsereiner würde "Täta quer" sagen). Für mich hat dieses kleine Ereignis dazu geführt, dass ich meinen Frieden mit der Tagung gemacht habe und dass ich mich schon heftig auf weitere Veranstaltungen freue, die mit so netten unerwarteten Nebeneffekten aufwarten.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton