Alois Potton hat das Wort [Nr. : 58, 12/2006 ]


 

Anspruch und Wirklichkeit ...

 

klaffen oft meilenweit auseinander. Das möchte ich an zwei Beispielen belegen, wobei eines meinem Steinbruch von Alois-Potton-Ansätzen entstammt und schon sehr lange dort herumliegt, weil es bisher keine Gelegenheit zur Verwertung gab. Es handelt sich um eine Werbefotografie, die Gertrud Höhler und ihren unsäglichen Sohn Abel angeblich beim Schachspiel zeigt. Gertrud Höhler, wer kennt sie noch? Es ist die von den Narren (im wahrsten Sinne des Wortes) des Aachener Karnevals-Vereins vor diversen Jahren ausgewählte "Ritterin wider den tierischen Ernst", die dann aber eine so blamable Leistung bot, dass sie sich nie mehr zur Rückkehr in den Narrenkäfig traute, obwohl ihr das ja fürstlich honoriert würde. Geschäftlich war (oder ist?) sie wohl als Politik- oder als Unternehmensberaterin tätig, was eigentlich schon alles besagt.

Die besagte Werbefotografie zeigte eine Pose, in der Gertrud mit ihrem unsäglichen Sohn angeblich eine Art Schachspiel zelebriert. Der Anspruch hierbei war, das sich das beworbene Produkt (ich weiß gar nicht mehr, was das war und will es auch lieber nicht wissen) besser verkaufen ließe, allerdings war die Wirklichkeit zumindest für mich und wohl auch für andere Schachspieler durchaus kontraproduktiv. Denn: Müsste nicht unten rechts ein weißes Feld sein? Auf dem Foto war besagtes Feld aber kohlrabenschwarz, womit indirekt schon einer der Gönner von Frau Höhler genannt ist. Die auf dem Schachposition war offenbar von einem wahnsinnig gewordenen Roboter aufgebaut worden: Die beiden Opponenten hatten sich gegenseitig die falschfarbigen Figuren geklaut, die schwarzen Läufer standen beide auf weißen Feldern, und der König von Gertrud war offensichtlich bereits schachmatt, obwohl sie noch munter einen Zug am machen war. Wenn Gertrud oder ihr Sohn Abel oder der Fotograf auch nur eine minimale Ahnung vom Schach gehabt hätten, dann hätten sie so eine idiotische Stellung nicht zugelassen. Es wäre ja (wenn man schon bescheißt) ein Leichtes gewesen, zum Beispiel eine zentrale Position von Aljechin - Capablanca (Buenos Aires, 1927) nachzusimulieren. Auf diesen Gedanken kamen aber offensichtlich weder Gertrud nach Gertruds Berater, weil sie offenbar zu scharf auf schnell verdientes Geld waren. Apropos: Wie heißt eigentlich der Genetiv von Gertrud: Gertruds, Gertrud´s, Gertrudens, Gertruden´s,...(???). Die letztgenannte Variante würde mir am besten gefallen, weil sie dem Bierstüber´l am nächsten käme, das ich neulich mit Freude in Eichstätt fotografierte. Der geneigte Leser wird sich fragen, was mich denn ausgerechnet in das Kaff Eichstätt verschlagen hat. Hier muss ich gestehen, dass ich auf den ADAC-Reiseführer "City Guide Deutschland" hereingefallen bin, der dem Nest Eichstätt eine Besichtigungsdauer von immerhin drei Stunden zubilligt. Zum Vergleich: Für Köln werden gerade einmal zweieinhalb Stunden angesetzt, für Frankfurt (Main) bzw. Düsseldorf zwei und für Aachen ebenso wie für Stuttgart nur eineinhalb Stunden. Einsamer Rekordhalter ist Potsdam mit nicht weniger als fünf Stunden. Das beweist wieder einmal, wie betriebsblind die ADAC-Leute sind, wenn es nicht unmittelbar um den fahrbaren Untersatz geht. Wegen des großartigen Doms und wegen des Bierstüber´ls habe ich den Abstecher nach Eichstätt aber nicht bereut. Und um auf Gertrud Höhler zurückzukommen: Ihr Renommee ist durch ihre Ritterrede und mehr noch durch ihre Schachposition (die sie ja immerhin ungeprüft zuließ) aufs Gründlichste ruiniert. Kohl, Köhler, Höhler: Gibt es da noch eine Steigerung? Wohl kaum.

 

Mein zweites Beispiel für das Auseinanderdriften von Anspruch und Wirklichkeit stammt aus Südostasien. Das ist bekanntlich meine bevorzugte Destination. Die Rente in Bangkok verjuxen, das wär´s doch! Aber vor die Rente haben die Götter bekanntlich den Schweiß gestellt. Soll heißen: Es sind noch einige Jahre bis dahin zu malochen. Was man aber auch partiell in thailändischen Gefilden erledigen kann. Und das ist durchaus empfehlenswert. Weil Deutschland "dort unten" noch als Vorbild gilt und weil man zum Beispiel Studiengänge und gewaltige Prachtbauten errichtet, wenn irgendein deutscher Staatssekretär ein Kooperationsabkommen unterzeichnet hat. In unserem Fall wurde sofort ein zehngeschossiger (!) Neubau angesagt mit einem Werbeplakat von nicht weniger als 8 x 10 Quadratmetern, das folgende Inschrift trägt: "The International . Construction: . Duration: 1 March 2005 - 21 October 2006". Und spätestens hier sollte man stutzig werden, denn: Sollte es nicht genau anders rum sein, d.h. präzises Anfangsdatum, aber relativ ungenauer Endzeitpunkt? So wie man im Verlauf eines Bundesligaspiels eben exakt die Anstoßzeit kennt - z.B. 15 Uhr 31 Minuten und 20 Sekunden. Aber den Zeitpunkt des Abpfiffs kann man nur ungenau vorhersagen, etwa mit 17 Uhr 20 Minuten. Manche Dinge sind eben sicherer als andere, wie sich zum Beispiel auch im uralten römischen Rechtsgrundsatz manifestiert, der da lautet: "Mater semper certa, pater saepe incertus". Obwohl sich ja auch diese Unsicherheit heutzutage aufgrund von DNA-Tests etwas relativiert hat. Beim genannten Fertigstellungstermin verblüfft auch, dass der 21. Oktober 2006 ein Samstag ist - und da hätten unsere Gewerkschaften schon darauf bestanden, dass man stattdessen den 20. oder den 23. Oktober angibt. Aber Gewerkschaften sind in Thailand so gut wie unbekannt, zumindest sind sie machtlos. Fakt ist aber, dass Mitte September 2006 nicht einmal der Rohbau ansatzweise fertig gestellt war und es waren auch bedenklich wenige Aktivitäten erkennbar, die auf große Eile hätten schließen lassen. Außerdem sollten im Oktober auch noch Neuwahlen stattfinden, wenn sie nicht wieder durch den überraschend friedlich verlaufenen Militärputsch verschoben worden wären. Der überpreußisch exakte Fertigstellungszeitpunkt 21. Oktober kann also getrost ins Reich der Fabel verwiesen werden. Aber: Ist das so schlimm? Keineswegs! Man hat schon mal damit begonnen, die Plakatwand tiefer zu hängen und quasi ebenerdig aufzustellen. Dort ist sie zwar hinter diversem Gebüsch mit einiger Mühe noch sichtbar, aber die üppige Vegetation und der tropische Regen werden schon das Übrige tun, um sie bald völlig unkenntlich zu machen. Und wer dann etwa im Jahr 2009 eine Nachfrage dazu stellen sollte, der wird als unangenehmer deutscher Querulant verachtet und ignoriert werden.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton